Engelbert Humperdinck
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BerlinEngelbert Humperdinck hat über 130 Millionen Tonträger verkauft, stand schon mit Dean Martin auf der Bühne, wurde im Entertainment-Mekka Las Vegas hofiert und hatte so viele Groupies, dass seine Gattin Patricia mal gesagt haben soll, sie hätte die Wände mit Vaterschaftsklagen pflastern können. Doch das ist lange her. Seit Jahren kümmert sich der Sänger mit dem romantischen Liedgut und den charismatischen Wangenknochen um seine an Alzheimer erkrankte Frau. Ansonsten steht er nach 50 Jahren im Showbusiness immer noch auf der Bühne und ist in den sozialen Netzwerken ganz schön umtriebig für einen 84-Jährigen.

Berliner Zeitung: Mr. Humperdinck, die USA ist von dem Coronavirus besonders schlimm getroffen. Wie haben Sie das erlebt?

Engelbert Humperdinck: Für mich war es der erste Urlaub seit Jahren – wenn auch nicht geplant, denn eigentlich wäre ich jetzt in Europa auf Tournee. Ich genieße meine Zeit zu Hause. Ich kümmere mich um die Bäume, stutze die Spitzen. Ich mache mein Work-out, schlage den Boxsack und stelle mich täglich auf die Tretmühle in meinem Schwitzkasten – so nenne ich das Gym in meinem Haus. Ich nutze die Zeit auch, um Kontakte und Sprachen wie Deutsch wieder etwas aufzufrischen. Es ist furchtbar, dass dieses Virus gerade jetzt wütet, wo die Welt so viele andere Probleme hat. Aber immerhin spricht niemand mehr über den Brexit.

Zur Person

Engelbert, alias Engelbert Humperdinck, eigentlich Arnold George Dorsey, wurde 1936 im indischen Madras geboren. Mitte der 1940er-Jahre zog die Familie nach Leicester um. Mit elf Jahren begann Dorsey Saxofon zu spielen. Er arbeitete zunächst in einer Fabrik in Leicester. Mit 17 Jahren nahm er in einem Pub an einem Gesangswettbewerb teil.

Der Karriere wegen siedelte er Mitte der 50er-Jahre in die Vereinigten Staaten um. Da er dort zunächst nur begrenzten Erfolg hatte, nahm er auf Vorschlag seines Managers als Künstlernamen den Namen des deutschen Komponisten Engelbert Humperdinck (1854–1921) an, der durch seine Märchenoper „Hänsel und Gretel“ weltberühmt ist.

Die Wahl seines Namens hat aber nichts mit dessen Berühmtheit, sondern mit Skurrilität zu tun, wie Engelbert einmal sagte. Es ging darum aufzufallen. Offenbar half das, danach begann Engelberts Weltkarriere 1967 mit seinem Hit „Release Me“, die bis heute anhält.

Die Tournee „Reflections“ wurde coronabedingt verlegt. Die neuen Tourdaten:
01.06.2021 Köln – Theater am Tanzbrunnen
02.06.2021 Leipzig – Haus Auensee
04.06.2021 Hamburg – Laeiszhalle
05.06.2021 Berlin – Tempodrom
07.06.2021 München – Circus Krone

Am 23. Juli wird Engelbert ab 21 Uhr auf YouTube per Videostream ein Livekonzert geben.

Ihre Frau Patricia, der Sie Ihr aktuelles Werk „The Man I Want To Be“ gewidmet haben, ist 2007 an Alzheimer erkrankt. Wie geht es ihr heute?

Nicht viel besser. Es ist eine schlimme Krankheit. So viele Leute leiden darunter, es ist fast schon wie eine Pandemie. Es ändert dein Leben total. Es gibt nur kleine Fortschritte, aber ein Schimmer Hoffnung ist immer da. Derzeit kommen jeden Tag Pfleger in unser Haus. Sie behandeln sie so, als wäre sie ein Teil ihrer eigenen Familie. Das ist wirklich rührend.

Wie gehen Sie mit der Krankheit Ihrer Frau um?

Es fühlt sich manchmal ganz schön einsam an in unserem Haus, aber die Tatsache, dass ich mit ihr kommunizieren kann, indem ich zu ihr spreche oder singe, macht es erträglicher. Ich habe sie lieber krank bei mir als gar nicht mehr an meiner Seite.

Was ist das Geheimnis Ihrer langen Ehe?

Es heißt Liebe! Wir sind jetzt 56 Jahre verheiratet, davor waren wir schon sieben Jahre zusammen. Unser Liebesbund ist für mich von unschätzbarem Wert. Ich habe sie geliebt, als ich sie geheiratet habe, und ich liebe sie jetzt im Alter noch viel mehr.

Engelbert Humperdinck und seine Frau Patricia – 2010 am Rande eines Konzerts in Moskau.
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Sie selbst wurden in Indien geboren. Haben Sie sich wie ein Immigrant gefühlt, als Sie mit der Familie nach England umsiedelten?

Nicht wirklich. Mein Vater diente im indischen Madras in der britischen Armee. Ich war also auch dort viel von Briten umgeben. Als ich dann im Alter von vier Jahren nach England kam, hatte ich noch nie zuvor Schnee gesehen. Das weiße Zeug, das am Boden lag, fand ich ziemlich aufregend – daran erinnere ich mich. Ich baute Schneemänner und machte Schneeballschlachten. Es war wundervoll, ein kleiner Junge zu sein. England wird Zeit meines Lebens meine Heimat bleiben.

Wie war es, als Sie später selbst in der britischen Armee dienten?

Mit 18 war ich in Mülheim an der Ruhr stationiert. Ich fand Gefallen am deutschen Bier und dem Schnaps. Den gönne ich mir heute noch, wenn ich zurückkehre. Ich liebe den Williamsbirnen-Schnaps!

Mit dem Song „Release Me“ änderte sich 1967 Ihr Leben komplett.

Es war irre. Davor war ich bettelarm, ich hungerte. Und dieser Song machte mich zur Nummer eins in etlichen Ländern. Er verhinderte außerdem, dass die allmächtigen Beatles mit „Penny Lane“ ihren 40. Nummer-eins-Hit haben sollten. Ich bin sogar im Guinness-Buch der Rekorde damit. Das dazugehörige Album ist das meistverkaufte meiner Karriere und machte mich über Nacht zur internationalen Musikgröße.

Was haben Sie mit Ihrem ersten Geld angestellt?

Ich kaufte meiner Mutter und meinem Vater ein Haus, noch bevor ich mir selbst ein Haus gekauft hatte. Das war meine erste Anschaffung. Ich habe immer noch mein Haus in Leicestershire in England. Es ist mein ganzer Stolz, meine Freude und mein Zufluchtsort. Ich habe sogar meinen eigenen Pub, den „Red Fox“, in meinem Garten. Es stehen noch vier Cottages auf dem Grundstück, eines davon ließ ich zur Kneipe umbauen.

Elton John hat seinen Abschied von der Bühne verkündet. Denken Sie auch an Rücktritt?

Nein. Ich glaub ja nicht mal, dass Elton jemals in Rente gehen wird. Er hat wie ich Showbusiness-Blut in seinen Adern und viel zu viel Freude daran.

Sie sind sowieso sehr aktiv auf Facebook und Instagram. Gefallen Ihnen die sozialen Netzwerke?

Oh ja, sehr sogar! Nicht erst seit Corona veranstalte ich dort meinen #TuesdayMuseday, indem ich den Leuten in einem Video erzähle, was gerade in meinem Leben passiert. Es ist mein Dankeschön an die Menschen, die zu meinen Konzerten kommen und eine Wertschätzung gegenüber meiner Musik haben.

Haben Sie es jemals bedauert, sich den Namen eines deutschen Komponisten als Künstlernamen zugelegt zu haben?

Nein. Ich wünschte nur, wir hätten einen Buchstaben in die Mitte gepackt. So was wie Engelbert G. Humperdinck. Manchmal kommen wirklich Leute zu mir und fragen mich: „Oh, du hast ‚Hänsel und Gretel‘ geschrieben?“

Klingt etwas angestaubt.

Hey, ich denke, ich bin ziemlich cool! Ich habe mal einen Song für MTVs Cartoon-Helden Beavis und Butt-Head aufgenommen, für den Film und Soundtrack. Er handelte von einer lesbischen Möwe. Der war so gut und witzig, dass es dafür Platin gab. Das ist cool!

Haben Sie es bedauert, 2012 für das Vereinigte Königreich beim Eurovision Song Contest in Baku teilgenommen zu haben? Sie belegten den vorletzten Platz.

Ich bedaure das nicht. Da ist jede Menge Politik involviert beim ESC. Manche der Künstler, die da waren, hatten nicht mal mehr einen Plattenvertrag. In dem Jahr, als ich teilnahm, standen da Großmütter, die kochten, auf der Bühne. Was hat das mit einem Songwettbewerb zu tun? Ich war sehr stolz darauf, mein Land repräsentieren zu dürfen. Die BBC hat mich toll promotet. Dass ich die Startnummer 1 hatte, war unglücklich, denn bis zum Ende der Show hatte man mich wohl schon vergessen.

Mit 84 noch ein Publikum zu haben, ist nicht selbstverständlich.

Eben! Es ist natürlich etwas anders heutzutage: In meinen Anfängen gab es jede Menge Gekreische bei meinen Konzerten, und auch das Werfen von Schlüpfern auf die Bühne gab es wirklich. Heute kanalisiert mein Publikum seine Emotionen auf andere Art. Es will eher zuhören. Aber sie singen nach wie vor gerne mit. Und es sind nicht nur die Älteren, das geht quer durch die Bank. Die Fans, die am Ende der Show nach vorne stürmen, sind meist jünger. Es ist richtig zum Kult geworden, dass sie ihren Platz verlassen und mit mir am Bühnenrand feiern. Es ist einfach wundervoll.

Per Livestream wird Humperdinck am 23. Juli, um 21 Uhr, ein Konzert geben.

Video: YouTube