Dienstagabend an der O2 World. Das Haus mit seinen über 16.000 Plätzen ist ausverkauft, die Massen strömen zum Veranstaltungsort. Das ist eine bunte Mischung: Pärchen in Smoking und Abendkleid, viele rüstige Senioren, einige Familien, Turnschuhträger und auch ein paar Stubenhocker-Typen. Die Karten waren mit 50 bis 120 Euro nicht eben billig. Aber das Interesse ist absolut erklärlich. Ein Konzertabend mit Ennio Morricone steht an, der Maestro ist neben John Williams, dem 2011 verstorbenen John Barry und Hans Zimmer einer der berühmtesten und beliebtesten Filmkomponisten der Welt. Morricone befindet sich mit dem 85-köpfigen Modern Art Orchestra und 75 Sängern des Kodály Chors aus Ungarn auf großer Tournee: Dienstag Berlin, Donnerstag Zürich, Sonnabend Wien, später Istanbul, im März folgen Termine in Mexiko und die USA, im März und im Dezember stehen weitere Konzerte in Deutschland an. Ein strammes Programm für den 85-jährigen Komponisten und Dirigenten.

Recht stramm ist auch das Konzert selbst organisiert: Eine Set-Liste führt alle Stücke des Abends sekundengenau auf, der musikalische Hauptteil soll 134,18 Minuten dauern, dazu sind zwei Zugaben-Stücke mit zusammen 6,53 Minuten geplant. In Berlin wird es die aufgelistete Pause („bei Bedarf“) nicht geben. Zum Beginn der Veranstaltung um 20 Uhr erklärt eine Frau aus dem Off, auch der italienische Botschafter Elio Menzione sei anwesend, der aber aus dringenden dienstlichen Gründen das Konzert vor Ende verlassen werde. Ein Grußwort des Botschafters bleibt aus, stattdessen moderiert die Frauenstimme, nachdem Orchester und Chor ihre Plätze eingenommen haben, den ersten Programm-Teil des Abends an. Das laut Plan 17-minütige Video über Morricone („Life and Legend“) besteht aus kurzen, mit Archiv-Bildern illustrierten Interview-Stücken, Morricone skizziert seine musikalischen Leidenschaften und den Unterschied zwischen Filmmusik und freien Kompositionen. Im Kurzfilm erinnert er auch an sein Interesse für die Musique concrète: Ennio Morricone war lange auch Avantgardist, in seine Soundtracks hat er oft Geräusche, Stimmen, improvisierte Instrumente verbaut.

Ein Best Of Abend

Dann betritt der liebe- und respektvoll Maestro genannte Morricone die Bühne, der Saal applaudiert leidenschaftlich, als der schmale, weißhaarige Brillenträger im dunklen Anzug wortlos auf das Dirigentenpult steigt. Das Konzert beginnt, den Anfang macht das Hauptthema aus Brian De Palmas „Die Unbestechlichen,“ eine von Morricones populärsten Kompositionen. Tatsächlich ist das Musikprogramm des Abends eher ein Best Of als ein ernsthafter Querschnitt seines Schaffens. Immerhin deutet auch dieses Konzert an, warum der Komponist, Ehren-Oscar-Preisträger und Gewinner von so ziemlich jedem (Film-)Musik-Preis noch so beliebt ist. Kaum ein Komponist war produktiver und vielseitiger, bisher hat Morricone über 400 Filme mit Musik versehen. Und er war überall unterwegs, in allen Genres, er hat ebenso Soundtracks für das Genre- und Autorenkino gemacht wie für das Fernsehen. Nach seinem Anfang in Italien arbeitete Morricone in den Sechzigerjahren bald auch für französische Filmemacher, nach John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) und Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ (1984) war er auch in Hollywood sehr gefragt.

Nach jedem Konzertblock dreht sich Ennio Morricone kurz um und verbeugt sich knapp vor dem Publikum. Das ist an diesem Abend recht wohlwollend. Schon die auf Videoleinwänden eingeblendeten Titel des folgenden Stücks sorgen für spontanen Applaus. Dabei ist die Tonqualität indiskutabel: Wer nicht in den ersten Reihen direkt vor der Bühne sitzt und die Musik nur via Lautsprecher mitbekommt, erlebt einen matschigen Klang. Besonders Chor und Bläser kommen oft nur übersteuert beim Zuhörer an, manchmal erhöht die Regie mitten in einem Stück die Lautstärke. Wenn schon nicht gut, dann wenigstens laut. Sicher, die O2 World ist kein Konzerthaus, sondern eher Mehrzweckhalle, doch die Präsentation tut Morricones Kompositionen keinen Gefallen.

Und auch die Musik fällt etwas eigenwillig aus. Da fehlt beim Titelthema von „Der Clan der Sizilianer“ die sehr markante Mundtrommel, bei dem wundervollen „Abolisson“ aus „Queimada – Insel des Schreckens“ die weibliche Solo-Stimme. Und es gibt zwar Passagen aus „Spiel mir das Lied vom Tod,“ aber auf das berühmteste Stück und die Mundharmonika wartet man vergeblich. Mängel, die dem Publikum aber egal scheinen, zum Abschluss des Konzerts gibt es eine Standing Ovation, die vielleicht weniger dem Abend als dem Mann gilt. Der bedankt sich beim Publikum mit drei Zugaben, aber das sind dann nur verkürzte Wiederholungen aus dem Hauptprogramm. Morricone war immer ein Ausnahme-Künstler, aber ebenso ausgesprochen geschäftstüchtig, der Maestro ist auch eine Marke.