Als ich Ennio Morricone zum Interview treffe, hat er kurz vorher auf einer Freilichtbühne in Dublin ein hundertköpfiges Orchester und einen ebenso großen Chor dirigiert. Dennoch macht der knapp 85-Jährige einen äußerst entspannten Eindruck. Und er ist viel besser gelaunt, als man von ihm gemeinhin behauptet. Seine langjährige Übersetzerin Roberta Rinaldi hilft bei der Verständigung.

Als ich dem Taxifahrer gestern erzählte, dass ich Sie treffe, fing er sofort an, die Melodie von „Zwei glorreiche Halunken“ zu summen. Passiert Ihnen das auch, dass Leute Ihnen Ihre Melodien vorsingen?

Auf der Straße erkennen mich die Leute meist nicht! Aber neulich hat sich ein Freund in Rom einen Spaß mit mir gemacht: Er ging auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig, und ich hatte ihn nicht gesehen. Er fing daraufhin an, die Melodie aus besagtem Film zu pfeifen. (pfeift die Melodie)

Reflexartig drehte ich mich um, um nachzuschauen, was da los ist. Ihn hat das sehr amüsiert.

Wie kamen Sie damals auf dieses musikalische Thema?

Vielleicht merken es die meisten Menschen nicht, aber die Melodie ist nichts anderes als Kojotengeheul, in Noten übertragen. (heult wie ein Kojote) Genau das habe ich gemacht!

Dem für diese Filme etablierten Begriff Spaghetti-Western konnten Sie aber nie etwas abgewinnen.

Nein, denn wir sind hier nicht im Restaurant. Nennen Sie es doch bitte Italo-Western.

Aber Spaghetti mögen Sie?

Ich bin absoluter Pasta-Fan!

Abgesehen von Clint Eastwood: Gibt es einen Westernhelden, den Sie bewundern?

Klaus Kinski – in den Filmen, die Sergio Leone mit ihm gemacht hat. Kinski war anders, so böse und aggressiv. Das ist mir sehr im Gedächtnis geblieben, auch wenn ich seine Tochter noch lieber mag.

Die Heavy-Metal-Band Metallica geht seit über 30 Jahren zu Ihrem Stück „Ecstasy of Gold“ auf die Bühne. Viele Rockbands bekunden, wie sehr Sie vom Morricone-Sound beeinflusst sind. Freut Sie das? Oder fühlen Sie sich vereinnahmt?

Das ist okay. Viele von diesen Rockmusikern haben mich auch schon mal zum Essen eingeladen. Ich weiß darüber also Bescheid. Dass sie mit meiner Musik etwas anfangen können, liegt vermutlich daran, dass ich versuche, sie grundsätzlich einfach zu halten. Ich balanciere das erst später mit der Instrumentierung aus. Die Akkorde, die ich wähle, sind so schlicht, dass man sie gut auf der Gitarre reproduzieren kann.

Wie komponieren Sie?

Immer noch wie früher: Mit Bleistift und Papier schreibe ich die Partituren für jedes einzelne Instrument auf. Manchmal geschieht das, ohne dass ich den Film vorher gesehen habe.

Können Sie einen Filmmusik-Hit schon am Blatt ablesen? Oder brauchen Sie dafür ein Orchester?

Natürlich! Wenn ich fertig mit meiner Arbeit bin, muss ich die Melodie hören, so wie sie das Orchester spielt. Während des Komponierens brauche ich das nicht. Viele Komponisten kamen früher gar nicht an den Punkt, dass sie ihre Musik hören konnten, wenn sie von einem Orchester aufgeführt wurde. Sie waren da nämlich schon lange tot, denken Sie an Felix Mendelssohn! Ein Komponist muss wissen, was er schreibt.

Ihre Kompositionen sind oft sehr emotional. Werden Sie selber auch von Ihrer Musik überwältigt?

Wenn ein Komponist etwas komponiert, fühlt er natürlich etwas dabei. Er will dann diese Empfindung mit dem Publikum teilen. Ich würde das aber nicht als pure Emotionen beschreiben, sondern eher als emotionale Spannung, die er übermitteln will.

Sind Emotionen denn der Gradmesser für Sie, ob ein Stück funktioniert?

Emotionen sind ein Teil davon, aber nicht das einzige Element, das beim Komponieren wichtig ist. Vermutlich hat der Komponist, während er ein Stück schreibt, nicht mal die Kontrolle über seine eigenen Emotionen. Aber er beherrscht das technische Handwerk, eine Methode, um die gewünschte Botschaft zu transportieren und alle Instrumente an den richtigen Platz zu bringen. Was der Komponist Emotionen nennt, wird eigentlich durch die Technik erreicht. Was in der Musik durchdringt, ist die Ehrlichkeit des Komponisten. Man kann sie erkennen, wenn man seine Arbeit analysiert.

Was ist schwieriger am Laufen zu halten: eine lebenslange Karriere in der Musik oder eine Ehe?

Das ist eine knifflige Frage, aber ich glaube: die Karriere. Mit meiner Frau Maria halte ich es nun schon gute 57 Jahre aus. Aber der Komponisten-Job ist wirklich hart. Um dauerhaft dabei zu bleiben, bedarf es großer Anstrengung.

Am 10. November werden Sie 85 Jahre alt. Wie werden Sie Ihren Ehrentag begehen?

Ich werde mich vor den Leuten verstecken. Eine Party wird es nicht geben.

Warum wollen Sie sich nicht feiern lassen? Macht es Sie denn nicht auch ein bisschen stolz, so weit im Leben gekommen zu sein?

Natürlich bin ich glücklich darüber, aber ich muss auch immer daran denken, dass je älter ich werde, ich dem Tod umso näher komme. Das trifft zwar auf uns alle zu. Aber die Über-80-Jährigen sind die nächsten, die gehen müssen.

Wie alt fühlen Sie sich denn?

Ganz sicher nicht wie 80. Höchstens wie 60. Ich fühle mich wie auf einem Rad, das sich dreht und noch bessere Dinge für mich vorgesehen hat. Ich habe wirklich noch viel vor.

Gibt es irgendein Geschenk, mit dem man Ihnen zum Geburtstag eine Freude machen könnte?

Das wichtigste Geschenk ist natürlich, gesund zu bleiben. Und für meine Söhne und meine Tochter würde ich mir wünschen, dass sie gute Arbeit finden. Denn drei von ihnen arbeiten momentan überhaupt nicht. Und mein Sohn Andrea, selbst ein Komponist, könnte auch mehr zu tun haben.

Liegt das an der italienischen Schuldenkrise?

Nein, denn zwei von ihnen leben in den Vereinigten Staaten. Einer hat keine Green Card, also kann er nicht arbeiten. Der andere hat eine, aber er arbeitet nur wenig in den USA.

Ihre Söhne sind dort, wo Sie niemals hin wollten!

Das stimmt. Mir haben sie in Hollywood sogar eine Villa angeboten, damit ich zu ihnen ziehe und für sie komponiere. Aber ich habe nicht im Traum daran gedacht, mich dort niederzulassen. Ich bin Römer durch und durch und liebe meine Stadt.

Wie leben Sie denn heute?

Ich bewohne in Rom die obersten drei Stockwerke eines Hauses in der Innenstadt. In der Wohnung lebte früher Sophia Loren, und sie hat einen wunderschönen Dachgarten. Dort befindet sich auch der Raum, in dem ich alles komponiere. Nur ich habe Zugang dazu. Denn ich habe meine ganz eigene Ordnung, da kann ich niemand anderen dulden.

Hat der Ehren-Oscar, den Sie 2008 auf Drängen von Robert De Niro erhielten, irgendetwas in Ihrem Leben verändert?

Absolut nichts.

Und für Ihre Umgebung?

Nun, in der Zeit danach erfuhr ich einen Popularitätsschub in Italien. Das war mir mitunter etwas unheimlich, wenn mir fremde Leute auf die Schulter klopften.

Sie haben erst im Alter von 74 Jahren damit angefangen, Ihre Kompositionen live mit Orchester als Dirigent vor Publikum zu präsentieren. Warum eigentlich?

Ich habe angefangen, Konzerte zu spielen, nachdem man mich danach gefragt hatte! Es hatte mich vorher einfach niemals jemand darum gebeten. Und ich konnte ja schlecht auf die Straße gehen, um meine Melodien aufzuführen.

Nutzen Sie die Konzerte auch um zu zeigen, dass Sie nicht nur als Filmmusikkomponist, sondern auch als Komponist klassischer Musik und neuerer Avantgarde tätig sind?

Nein, diese verschiedenen Arten von Musik versuche ich zu separieren. Die experimentelle Musik, die ich leidenschaftlich gern mache, läuft getrennt davon. Bei meinen Konzerten spiele ich die musikalischen Themen auf die Art, wie sie im Film instrumentiert und orchestriert wurden.

Was fühlen Sie auf der Bühne?

Anfangs bin ich immer sehr besorgt, weil ich befürchte, dass irgendein Musiker durch einen kleinen Fehler alles zerstört. Weil er nicht präzise spielt. Vermutlich verdirbt es für den Zuhörer nicht gleich das Gesamtbild, aber ich als Dirigent merke das sofort.

Dann gibt es Ärger vom Maestro?

Nein, da reiße ich mich zusammen. So etwas kann passieren. Und das Publikum merkt meist nicht, dass etwas falsch ist. Es ist fast schon eine Privatangelegenheit.

Sie sind sehr energetisch auf der Bühne. Sind Sie beim Dirigieren wie ein Athlet?

Nicht wirklich wie ein Athlet, aber es gibt Parallelen. Ich muss bei meinen Konzerten sehr fokussiert und konzentriert sein, ich muss meinen eigenen Körper und die Muskeln unter Kontrolle haben.

Wie halten Sie sich dafür fit?

Ich stehe um 5 Uhr morgens auf und mache jeden Tag eine Stunde Workout in meinem Haus. Meistens jogge ich im Kreis durch die Wohnung.

Haben Sie denn gar keine Laster oder schlechten Angewohnheiten?

Doch, Schokolade! Es ist hart, sich diesbezüglich zu disziplinieren. Aber vor ein paar Jahren wog ich noch 86 Kilo. Nun bin ich auf 72 Kilo runter. Und wissen Sie, wie ich das angestellt habe? Ich habe weniger gegessen und bin durch die Wohnung gelaufen – haha!

Und nun gönnen Sie sich auf Ihre alten Tage gar nichts mehr?

Wenn man so viel Gewicht verloren hat, kann man sich auch ab und zu wieder Schokolade genehmigen. Aber ich tue das meistens im Geheimen. Sonst schimpft meine Frau mit mir.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.