Wenn in Deutschland Stichworte wie Raubkunst oder Entartete Kunst fallen, brennen oft alle Sicherungen bei Kunstbegeisterten, Rechtsanwälten, Auktionshäusern Historikern und Medien durch. Es locken Sensationen, Rechtsstreite, Vermögen. Das ist auch jetzt zu erleben, im Fall der am 28. Februar letzten Jahres in München von der Staatsanwaltschaft sichergestellten 1 406 Gemälde, Grafiken und Zeichnungen, von denen einige mit ganz großen Meisternamen versehen sind: Dürer, Courbet, Spitzweg, Kirchner, Marc, Beckmann, Picasso oder Chagall.

Die Kunstexpertin Maike Hoffmann hat etwa 500 der Werke „in Augenschein“ nehmen können. Für die kurze Zeit ist das bemerkenswert genug, aber eben kein systematischer Durchblick der Gesamtsammlung. Dennoch wird medial verkündet, dass sie mehr als eine Milliarde Euro wert sei. Eine völlig aus der Luft gegriffene Summe.

Also erst einmal das Sachliche: Sichergestellt wurden die Werke in München, um die Bezahlung möglicher Steuerschulden des wahrscheinlichen derzeitigen Besitzers Cornelius Gurlitt zu garantieren. Außerdem soll geklärt werden, ob er oder sein Vater, der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, seit 1945 in der Nazizeit erworbenes öffentliches Eigentum unterschlagen haben; einige Werke sind bereits als „Entartete Kunst“-Verluste deutscher Museen nachgewiesen worden.

Nach Hoffmanns Recherchen gibt es auch Werke, die als Raubkunst zu bewerten sind. So wurde das Bild einer Sitzenden Frau von Henri Mattisse 1942 in einem Tresor im französischen Libourne beschlagnahmt. Es gehörte dem Kunsthändler Paul Rosenberg, der in die USA fliehen konnte. Wie aber Gurlitt zu dem Bild kam, ist unklar. Genauso, wie groß seine Sammlung war, welche Bestände wann und an wen verkauft wurden.

Entartete Kunst und Raubkunst

Die Irritationen fangen schon bei der ständigen Vermischung zweier von Herkunfts-Forschern wie Maike Hoffmann sorgfältig auseinandergehaltenen Begriffen an: der „Entarteten Kunst“ und der „Raubkunst“.
Bei den von den Nazis als „entartet“ bezeichneten Werken handelt es sich um vor allem expressionistische, neusachliche und dadaistische Kunst, die 1937 in deutschen öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt wurde. 1938 verstaatlichte sie das Reich und beauftragte einige Kunsthändler mit dem Verkauf ins Ausland. Einer davon war Hildebrandt Gurlitt. Er galt als Fachmann für moderne Kunst seit den Zeiten als Zwickauer Museumsdirektor. Der Kunstmarkt aber erwies sich als weniger aufnahmefähig als gedacht. So blieb mancher Kunsthändler bis zum Kriegsende regelrecht auf seinen Beständen sitzen – etwa Bernhard Boehmer. Dessen so entstandene Privatsammlung befindet sich heute im Kulturhistorischen Museum in Rostock.
Unter „Raubkunst“ hingegen verstehen Fachleute jene Werke, die für die Privatsammlungen von NS-Größen und vor allem für Hitlers gigantisches Museumsprojekt in Linz bestimmt waren. Vieles wurde dafür nach Kriegsbeginn aus europäischen Privatsammlungen geraubt, manches durchaus legal erworben. Auch hierfür wurde Hildebrand Gurlitt engagiert, der mit moderner wie alter Kunst handelte.

Not der Provenienzforscher

Genau um solche Unterschiede sauber zu klären, erhielt die Provenienz-Forscherin Maike Hoffmann den Auftrag, die Münchener Sammlung zu sichten. Sie ist eine der renommiertesten Fachfrauen des Gebiets, baute seit 2011 einen Studiengang zur Provenienzforschung an der Berliner Freien Universität auf.

Egal, ob Kunstwerke, Möbel, Archivalien, Bücher, sogar Körperteile oder Souvenirs behandelt werden, immer soll hier die Biografie des einzelnen Objekts geklärt werden. Wer hat es wann erworben, weitergegeben, vererbt, wie sind die Preise zustande gekommen? Und: Konnte ein vom Tod bedrohter jüdischer Kunsthändler in Amsterdam oder Paris 1942 wirklich den angemessenen Preis für ein Werk fordern, wenn es für Hitlers Museum erworben werden sollte?

Der finanzielle oder künstlerische Wert der Objekte steht also nicht im Zentrum dieser Forschung. Auch deswegen wird sie immer wieder durch kulturelle Hierarchie-Vorstellungen in den Museen, der Politik, den Medien regelrecht ausgebremst. In Deutschland spielt etwa die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte eine weit geringere Rolle als die der NS-Geschichte. Traditionell werden hierzulande zudem „Kunst“-Objekte weit höher taxiert als kulturhistorische. Das ist in anderen Ländern ganz anders: Als im April dieses Jahres die Charité den Schädel eines Mädchens nach Paraguay zurückgab, war das der New York Times den Aufmachertext wert. In Deutschland berichtete kaum eine Zeitung darüber. Auch der Fund in München hätte sicher weniger Aufsehen erregt, wenn es sich um Archivalia handelte.

Provenienzforschung ist ein mühsames, moralisch belastendes und meist schlecht bezahltes Geschäft. Die wenigsten Museen, und noch weniger Bibliotheken oder Archive, die ebenfalls auf der Spur nach in der NS-Zeit entrechteten Eigentümern sind, können sich eigene Provenienzforscher leisten.

Eine Ausnahme sind etwa die Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens, für die Gilbert Lupfer arbeitet. Die Kunstsammlungen, so Lupfer zur Berliner Zeitung, hätten jene Anfrage bei der Staatsanwaltschaft in Augsburg gestellt. Schließlich sei Gurlitt in Dresden ansässig gewesen, habe enge Verbindungen zur regionalen Kunstszene aufgebaut. Vielleicht seien also doch Werke, die 1937 in Dresden oder anderen sächsischen Museen beschlagnahmt wurden und vermisst werden, noch in München erhalten.

Auch andere deutsche Museen haben sich inzwischen gemeldet, etwa die in Mannheim, Wuppertal, Oldenburg oder Essen. Doch in allen Fällen gilt wohl: Selbst wenn ihre Werke erhalten sind, müssten sie sie zurückkaufen. Denn die Enteignungen von 1938 sind bis heute geltendes Recht. Erst die Alliierten, dann die Bundesrepublik 1949 und wieder die vereinte deutsche Republik 1990 haben beschlossen, Nazi-Recht nur im Einzelfall aufzuheben, ansonsten die Rechtskontinuität zu wahren. Auch im Fall der Enteignungen von 1938. Nicht zuletzt der Kunsthandel hatte ein großes Interesse daran: Sonst wären alle Verkäufe aus deutschem öffentlichem Besitz etwa in die Schweiz oder die USA seit 1933 fragwürdig geworden.

Wenn Museen allerdings nach 1945 Kunst angekauft haben, die zwischen 1933 und 1945 privaten Eigentümern durch den NS-Staat geraubt wurde, müssen sie diese Werke wieder herausrücken. So bestimmt es das Washingtoner Abkommen von 1998 über die Rückgabe von Werken an Verfolgte oder deren Erben. Und was ist, wenn ein Privatmann wie Gurlitt vom NS-Staat geraubte Objekte erworben hat? Dann gehören sie nach der aktuellen Rechtslage ihm, teilte der Leiter der Provenienzforschung, der Berliner Staatlichen Museen, Uwe Hartmann, der Agentur dpa mit.

Privater oder öffentlicher Besitz

Eine New Yorker Rechtsanwaltskanzlei forderte jetzt lautstark „totale Transparenz“ in der Hoffnung, für ihre Klienten schnell neue Prozesse führen zu können. Auch die Londoner Kommission für Raubkunst oder der Berliner Rechtsanwalt Peter Raue fordern, die Bilder der Werke aus der Gurlitt-Sammlung ins Netz zu stellen. Dann könne man ja sehen, ob es Ansprüche auf einzelne Werke gäbe.

Die Erben der zwischen 1933 und 1945 Verfolgten sind oft schon sehr betagt. Die Moral also verlangt nach einer schnellen Klärung. Aber auch für Cornelius Gurlitt gilt die Unschuldsvermutung. Und das Recht jeden Bürgers auf Wahrung der Privatsphäre. Deswegen wurden bisher auch nur miserable Fotografien einiger Bilder veröffentlicht. Man darf Privatbesitz im Gegensatz zu Staatsbesitz – für den die Veröffentlichung fragwürdiger Werke im Netz längst der Normalfall ist – nämlich nicht einfach herzeigen, und sei das auch noch so moralisch legitimiert.

Vor allem aber gilt für Privatbesitz das Washingtoner Abkommen nicht. Gerade amerikanische Museen hatten 1998 darauf beharrt: Ihre Ausstellungen bestehen oft aus privaten Leihgaben. Deren Besitzer sollten vor Rückgabeforderungen geschützt werden. Im Fall der Gurlitt-Sammlung könnten die deutsche Rechtsgeschichte und diese Regel also dazu führen, dass er nur Steuern nachzahlen muss. Wenn die nicht verjährt sind.