Berlin - Arno Mohr, einer ihrer Ostberliner Grafiker-Kollegen, hatte über den künstlerischen Ruhm im Alter gesagt, er sei „wie Schaum auf der Welle“. Auch die Pankower Grafikerin Ruth Wolf-Rehfeldt nimmt ihre späte Berühmtheit gelassen. Dass man sie seit ein paar Jahren wegen ihrer „Typewritings“ gerade unter jungen Künstlern als Avantgardistin feiert, genießt sie mit einer ruhigen Heiterkeit.

Das war schon vor drei Jahren so, als die Einladung zur Documenta 14 kam und ihre ungewöhnlichen Schreibmaschinengrafiken für internationale Aufmerksamkeit sorgten. Dabei machte sie dies schon seit den 1970er-Jahren. Angefangen hatte es, wie sie erzählt, „als Auseinandersetzung mit ihrem Brotberuf als Büroleiterin und Schreibkraft“ in einem Ost-Berliner Betrieb. Sie hatte große Lust, aus den öden Buchstaben und Zahlen was völlig anderes zu machen, tippte am heimischen Küchentisch Zahlen- und Buchstaben-Bilder auf ihrer „Erika“. Aus A–Z, aus Nullen, Kommas und Pluszeichen, die sich zu seriellen Mustern fügten, entstanden kleine ornamentierte Werke.

Ihre Präzision traf dabei auf subversiven Humor. Unter ihren Händen wurden die schwarzen und roten Zeichen ihrer Erika-Schreibmaschine zu Mustern, Schmetterlingen, Wellen, zu fließenden Strukturen und kunstvoll gewobener Poesie. Das Blatt „Concrete Shoe“ (70er-Jahre) zeigt Heerscharen von Cs, Os und Ns, die sich diszipliniert zu einem klobigen Damenschuh mit mittelhohem Absatz formen. Dies kann ebenso als ironisches Beispiel konkreter Poesie gelesen werden wie als Symbol für die Bewegungseinschränkungen und ihren Wunsch, diese zu überwinden.

Foto: imago images/Rolf Zöllner
Mail-Art von Ruth Wolf-Rehfeldt,70er/80er Jahre, ausgestellt auf der Documenta 2017.

Künstlerkollegen erkannten, wie einzigartig das war – und sie wurde in den Verband Bildender Künstler aufgenommen. Doch höher drang sie nicht durch, das realistische Bildwesen dominierte die DDR-Kunstpolitik. Wolf-Rehfeldt galt als Außenseiterin, als Gefährtin ihres als innovativ wie unangepasst geltenden Mannes, dem Beuys-Freund, dem Mail-Art-Künstler Robert Rehfeldt (1931–1991). Er war der Hofnarr der DDR-Kunst, Beleg für deren „freie“ Internationalität. Zugleich wurde er argwöhnisch beobachtet von der Staatssicherheit. Und so stand ihre Ausnahmekunst eher im Schatten der seinen. Sie war in den 50er-Jahren nach Ost-Berlin gezogen, hatte als kaufmännische Angestellte gearbeitet, ihr Abitur nachgeholt und angefangen, Philosophie zu studieren.

Als sie Rehfeldt heiratete, kam sie in die Ost-Berliner Künstlerboheme und begann neben ihrer Arbeit im Archiv der Akademie der Künste zu zeichnen, zu malen, lakonische Gedichte zu schreiben. Dann entdeckte sie für sich die Schreibmaschinentypen, zur selben Zeit, als der Philosoph Carlfriedrich Claus begann, aus fliegenden Buchstaben und endlosen Schreibschriftsätzen aus Tinte und Tusche Bilder zu machen. Beide Außenseiter wurden im DDR-Kunstbetrieb geduldet, in ihrer Einzigartigkeit entdeckt wurden sie im Mauerland nicht.

Achtungserfolge kamen eher von außen. Ruth Wolf-Rehfeldt schickte ihre Schreibmaschinengrafiken nach Westeuropa, in den Ostblock, nach Nord- und Lateinamerika, Asien, Neukaledonien. Ihre „Kunstpostbriefe“ boten Freiräume für das Zurschaustellen von Kunst, für Austausch und – unzensierte – Korrespondenz. Ihr Atelier in der Mendelstraße wurde zu einem Szenetreffpunkt. Die originalen Blätter bewahrte sie auf, während Kopien ihrer Mail-Art in der ganzen Welt kursierten. Seit der Teilnahme an der Documenta 14 vor drei Jahren ist die Autodidaktin mit ihrer unkonventionellen Kunst eine Ikone für die jüngere Generation.

Soeben wurde bekannt, dass Wolf-Rehfeldt den mit 50.000 Euro dotierten Gerhard-Altenbourg-Preis 2021 erhält, ausgelobt wurde er vom Altenburger Lindenau-Museum. Der Thüringer Altenbourg war ein berühmter, insbesondere im Westen geschätzter und gesammelter Zeichner, der seiner Stadt Altenburg einen Großteil seines Werkes hinterließ. 40.000 Euro des Preisgeldes werden kommendes Jahr für eine große Wolf-Rehfeldt Ausstellung samt Katalog im Lindenau-Museum aufgewendet. Es wird eine Schau des „Lebenswerks“, vom Anfang, als sie noch mit Wörtern spielte, bis hin zu den freieren Arbeiten. Sie verschaffte ihren Buchstaben und Zahlen räumliche Dimensionen, formte mit den Erika-Typen Kuben, Kästen, Käfige – ein Variationsspiel zwischen Verdichtung und Begrenztheit. Als die Mauer verschwand, ließ Ruth Wolf-Rehfeldt ihre „Erika“ verstummen. „Es gibt schlichtweg keinen Bedarf mehr dafür“, sagt sie.