Polizisten während einer Demonstration in Berlin.
Foto: imago images/Marius Schwarz

BerlinAls Bundesinnenminister Horst Seehofer unlängst die Absicht bekundete, Strafanzeige gegen die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah zu stellen, schien die Angelegenheit plötzlich einfach. Was konnte man anderes tun, als sich schützend vor die Autorin zu stellen, die im Sinne des Presserechts nicht einmal verantwortlich für einen etwas verunglückten Text über mögliche Berufsalternativen für Polizisten war? Yaghoobifarah hatte für eine Art Abschiebung des gesamten Berufstands auf die Müllkippe votiert und damit Empörung ausgelöst, nicht nur bei Seehofer.

Dabei blieb es aber nicht. Wenn ich sage, „verunglückter Text“, dann mache ich mich inzwischen verdächtig, einem Lager alter, weißer Rassisten anzugehören. Selbst in der debattenerprobten Tageszeitung taz scheint derzeit kaum jemand zu wissen, wie man auf die sichere Seite kommt. Nach Seehofers Intervention nämlich setzte eine hermeneutische Gegenoffensive ein, die Yaghoobifarahs Kolumne als legitime Reaktion vielfacher Diskriminierungserfahrung deuteten und ihr somit eine ganz andere Wahrheit attestierten.

Hengameh Yaghoobifarah hat iranische Wurzeln und bezeichnet sich als nichtbinär, was für die weitere Einschätzung des Geschriebenen rasant an Bedeutung gewann. Kein Textkörper ohne die Geschichte ihrer Autorin – in verschiedenen literaturwissenschaftlichen Schulen ist darauf bereits sehr viel Mühe verwandt worden, mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Saskia Hödl, die für die Kolumne verantwortliche Redakteurin der taz, beschrieb ihre Lesart des Textes auf die Schnelle so: „Im Ressort taz zwei, das ich leite, haben wir am vergangenen Montag eine Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah veröffentlicht, mit der viele Kolleg:innen nicht einverstanden sind. Ich habe die Kolumne als eine polemische und satirisch-groteske Kritik an einer Machtstruktur, an einem Gewaltmonopol und an einer Reihe von ungeklärten und unverhinderten Ermordungen in Deutschland gelesen. Ich habe sie im Kontext der aktuellen politischen Lage gelesen, weil: wie denn sonst?“

Soll das staatliche Gewaltmonopol auch auf den Müll?

Irritierend ist daran zumindest, dass Hödl hier „ungeklärte und unverhinderte Ermordungen“ ganz unmittelbar mit der Existenz eines Gewaltmonopols verknüpft, das doch beim Staat und nicht etwa bei der Polizei angesiedelt ist. Soll man es so verstehen, dass mögliche Missstände bei der Polizei der Einfachheit halber durch die Abschaffung des staatlichen Gewaltmonopols gelöst werden können? Und wäre das eine adäquate Antwort auf Diskriminierungserfahrungen, für die ja noch sehr viel mehr Gruppen verantwortlich gemacht werden können als ausschließlich jene der Polizisten?

Aber auf derlei Differenzierungen schien es bei der Verteidigung von Hengameh Yaghoobifarahs Text schon nicht mehr anzukommen. Freundinnen und Weggefährten sprangen, so gut es ging, in die Bresche. In einer Kolumne für den Spiegel kommt die frühere taz-Autorin Margarete Stokowski denn auch schnell zur Sache. „Der einzige Grund, keine Witze über die Polizei zu machen, wäre die Einsicht, dass die Situation nach bisheriger Lage der Erkenntnisse zum Thema Rassismus bei der Polizei einfach zu ernst ist. Und selbst wenn Yaghoobifarah eindeutig geschrieben hätte, dass ihrer Meinung nach Polizei Müll ist: Gut, dann hätte jemand einen schlechten Text geschrieben. Wäre das krasser als die Tatsache, dass die Polizei in diesem Land ihren Job nicht gut macht? Nein.“ Margarete Stokowski lässt wenig Zweifel an ihrer Einschätzung hiesiger Polizeiarbeit. Angesichts der Lesart von Yaghoobifarahs Kolumne ist sie etwas großzügiger.

Nach Innenminister Seehofers später zurückgezogenen Androhung einer Strafanzeige jedenfalls hat eine auffällige Diskursverschiebung stattgefunden, in der die Yaghoobifarah mit allen zur Verfügung stehenden hermeneutischen Kräften von der Verantwortung für ihren Text entlastet wurde. Die Zeitkolumnistin Mely Kiyak ging einen Schritt weiter und wittert in der Affäre einen exemplarischen Fall, in dem Hengameh Yaghoobifarah als Sprecherin von Menschen nichtdeutscher Herkunft mundtot gemacht werden soll. „Hätte die taz keine ausschließlich deutsche, weiße Chefredaktion, hätte sie vielleicht sehen können, wohin die Ankündigung einer Anzeige gegen eine in vielerlei Hinsicht singuläre Stimme führen würde. Es wirkt so, als ginge es nicht darum, Hengameh Yaghoobifarah davon abzuhalten, die Polizei durch den Kakao zu ziehen. Sie soll niemanden durch den Kakao ziehen dürfen. Sie soll schweigen."

Wer jetzt noch Einwände gegen die Kolumne über Polizisten auf der Mülldeponie erhebt, spricht nicht länger über einen Text, sondern ist Akteur in einer gesellschaftlichen Debatte, in der weiße Deutsche nicht wahrhaben wollen, dass es Diskriminierungserfahrungen gibt, die sie nun einmal nicht machen können.

Für Mely Kiyak ist das vor allem auch zu einem Fall für die Medien geworden. „Im Umgang mit ihr (Yaghoobifarah, Anmerkung der Redaktion) wird sich zeigen, wie viel Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit die deutschen Medien auszuhalten bereit sind. Das ist, wenn man so will, ein Kampf, der in den Zeitungen unausgefochten bleibt. Von den Minderheiten wird allerdings immer erwartet, dass sie sich in ihren Kommentaren und Kolumnen wohltemperiert verhalten, besser aber noch, bitte zurückhaltend sind. Wegen Objektivität und Neutralität und so weiter. Sobald die Stimmen diesen Pfad verlassen, fangen häufig die Drohungen, Anzeigen und Erziehungsversuche aus Politik, Medien und Gesellschaft an."

Frech, aber nicht böse

Wie weit das gehen kann, habe ich als verantwortlicher Redakteur für einen Text von Mely Kiyak selbst einmal erfahren. Eine Missbilligung des Presserats, juristische Klagen und tagelange redaktionsinterne Diskussionen waren die Folge. Mely Kiyak hat zweifellos recht mit ihrer Bemerkung über die Erwartung wohltemperierter Kommentare. Frech sollen sie sein und provokativ, aber wenn sie böse werden, sollten sie juristischen Auseinandersetzungen standhalten können. Selbst bei großer journalistischer Erfahrung entzieht sich das manchmal einem realistischen Einschätzungsvermögen. Im Fall der Kolumne Hengameh Yaghoobifarahs wage ich allerdings die Prognose, dass Gerichte zu dem Ergebnis kommen werden, dass ihr Text jenseits der Fragen nach dem guten Geschmack durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist. Eine intakte Redaktion jedenfalls hat vielfältige Möglichkeiten, zu ihren Autoren, die in die Schusslinie geraten sind, zu stehen, auch wenn man deren Position nicht teilt. In einer solchen Redaktion findet der Widerstreit der Positionen auch über die Schreibtische hinweg statt. Und Mely Kiyak und anderen ist darin unbedingt zuzustimmen, dass die meisten deutschen Medien daran leiden, den gesellschaftlichen Querschnitt in ihrer Personalstruktur nicht angemessen abzubilden.

Nichtdestotrotz läuft in der Diskussion gerade etwas schief. Anstatt die publizistischen Möglichkeiten zu nutzen, die gesellschaftlichen Diskriminierungserfahrungen kenntlich zu machen, die auch die Redaktionen erreichen könnten, scheint man sich in einer privilegierten publizistischen Kampfzone verhakt zu haben, in der die jeweiligen Sprecherpositionen delegitimiert werden, so wirkungsvoll es eben geht.

Die Autorin, Musikerin und Schauspielerin Samira El Ouassil hat kürzlich auf Deutschlandfunk Kultur versucht, den komplexen Diskussionsverlauf der Debatte um Yaghoobifarahs Kolumne zu rekonstruieren. „Macht es einen Unterschied“, so fragte sie, „dass die Autor*in intersektional, also mehrfach diskriminiert, wird? Ist ihre Kritik schon automatisch aus ihrer Position heraus nicht auch als eine systemische wahrzunehmen, als sich nicht gegen einzelne Streifenpolizisten richtende, sondern insgesamt als Verspottung der Repräsentanten einer Staatsmacht zu wertende?“ Einfache Antworten sind einer Atmosphäre identitätspolitischer Mehrfachcodierung gerade nicht zu haben.

Einfach noch einmal alles auf Anfang? Vielleicht besteht ja doch eine Chance, Texte als Texte zu lesen und sie als wichtige Beschreibungen von sozialer Ungleichheit, offener und verborgener Gewalt, Ressentiments und Hass zu begreifen.

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