Protestaktion im März zum Völkermord an den Herero und Nama vor dem Bundestag in Berlin.
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BerlinAuf dem Boden Wüstensand. Darin Gesichter wie Totenmasken, um die man vorsichtig herumgehen muss. An der Wand Bilder der grandiosen Landschaft Namibias, unterbrochen von kolonialdeutschen Vernichtungs- und Schießbefehlen aus den Jahren 1904, 1905, 1911. Schließlich erschütternde Berichte von Nachfahren der zahllosen Opfer unter den widerständigen Ovaherero, Namas und San. 

Noch bis zum 8.12. ist in der Akademie der Künste am Pariser Platz, nicht weit vom Ort der berüchtigten Afrika-Konferenz von 1884/85 und dem ehemaligen Reichskolonialamt, die Installation They tried to bury us („Sie wollten uns begraben“) der namibischen Künstlerin Isabel Tueumuna Katjavivi zu sehen. Ihr Werk wurde am Freitag im Rahmen des Symposiums „Koloniales Erbe V – Das Beispiel Namibia“ präsentiert, eine Kooperationsveranstaltung der Akademie und des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Katjavivis metaphorische Arbeit widerspricht der allgegenwärtigen Rede von Deutschlands „vergessener“ Kolonialgeschichte, die in Wirklichkeit erst glorifiziert, dann romantisiert und später aktiv verdrängt und geleugnet worden ist.

Großspurige Verlautbarung

Nur dem unermüdlichen Engagement von Nachfahren der Opfer des Genozids, wie der in Berlin sprechenden Nama-Aktivistin Ida Hoffmann, ist es zu verdanken, dass sich Namibia und Deutschland heute mit dem Völkermord von 1904–08 beschäftigen. Über Jahre hinweg wurden die Opferverbände der Ovaherero und Namas hierzulande nur von einer kleinen Schar afrikanischer, Schwarzer und zivilgesellschaftlicher Akteure unterstützt. Nun endlich thematisieren Deutschlands große kultur- und bildungspolitischen Institutionen den kolonialen Genozid. Die Bundesregierung entsandte aber niemanden zum Symposium. Ruprecht Polenz (CDU), der Sonderbeauftragte für die seit Jahren ergebnislos geführten Verhandlungen mit der namibischen Regierung, ging vorher an die Presse. Zum wiederholten Mal versicherte er, dass die zwischenstaatlichen Beratungen, von der die regierungsunabhängigen Opferverbände ausgeschlossen sind, kurz vor dem Abschluss stünden. „Wir werden mit substanziellen Summen unserer historischen Verantwortung gerecht“ ließ Polenz großspurig verlauten.

Wir werden mit substanziellen Summen unserer historischen Verantwortung gerecht.

Ruprecht Polenz (CDU)

Er kündigte intensivere Entwicklungszusammenarbeit in den vom Genozid besonders betroffenen Regionen an. „Individuelle Entschädigungen“ an die „Urenkelgeneration“ der Genozidopfer schloss er kategorisch aus. Hätte sich Polenz dem Dialog mit den Nachfahren, den Menschenrechtsanwältinnen und -anwälten aus aller Welt sowie den namibischen Künstlerinnen gestellt, wäre es zweifellos ungemütlich für ihn und die Bundesregierung geworden. Sie hätten dann zugestehen müssen, dass es den Namas und Ovaherero weder um persönliche Bereicherung noch um almosenhaft verteilte staatlich kontrollierte „Entwicklungshilfe“ geht. Deutschlands Sonderbeauftragter hätte erfahren, dass für die Nachfahren der Kolonisierten Gerechtigkeit sowie die physische und vor allem auch psychische Heilung ihrer damals fast vernichteten Gemeinschaften im Fokus steht.  

Das Fehlen von politischem Willen

Der Menschenrechtsexperte John Nakuta von der Universität in Windhoek sprach denn auch ohne Umschweife den in Deutschland tabuisierten, aber in Namibia zentralen Punkt des Landbesitzes an. Die zur Unabhängigkeit Namibias von den Ländern des Westens angeregte und übereilt akzeptierte Verfassung des Landes, so Nakuta, hätte die aus der Kolonialzeit stammenden Eigentumsrechte von Siedlern europäischer Herkunft zementiert. Dagegen wären die vorkolonialen Landrechte der südwestafrikanischen Gemeinschaften völlig unbeachtet geblieben. Zwar sei die Enteignung von Privatbesitz verfassungsmäßig erlaubt, sofern eine angemessene Entschädigung erfolge. Bislang fehle es jedoch am politischen Willen, den von der Reichsregierung enteigneten Ovaherero und Namas auch nur Teile des Landes ihrer Ahnen zurückzugeben oder zumindest eine angemessene Entschädigung für den kolonialen Landraub zu gewähren. Hier stünden, so Nakuta, nicht nur die namibische Regierung, sondern auch der deutsche Staat und Namibias deutschstämmige Großgrundbesitzer in der dringenden Pflicht, im Rahmen einer effektiven Landreform für Gerechtigkeit zu sorgen.

Der Historiker

Christian Kopp ist Vorstandsmitglied von Berlin Postkolonial und im Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“ aktiv.

Wie gegenwärtig die traumatisierenden Kolonialverbrechen der Deutschen im Bewusstsein der betroffenen Gemeinschaften geblieben sind, machte die Nama-Aktivistin Sima Luipert in ihrer bewegenden, sehr persönlichen Erzählung deutlich. Ihre Urgroßmutter Katrina Frederick war wie viele der in Konzentrations- und Arbeitslagern eingepferchten Frauen den alltäglichen Vergewaltigungen durch Angehörige der deutschen „Schutztruppe“ ausgesetzt. Dabei wurde auch ihre Großmutter gezeugt. Schon vorher, im berüchtigten Konzentrationslager auf der Haifischinsel bei Lüderitz, musste Katrina Frederick miterleben, wie die Frauen gezwungen wurden, die Köpfe ihrer ermordeten Verwandten vom Fleisch zu befreien, um sie für den Versand in deutsche Museen und Universitäten vorzubereiten.

Bis heute werden dort Tausende von menschlichen Gebeinen aus aller Welt, vor allem aus Deutschlands ehemaligen Kolonien gehortet und für Forschungszwecke missbraucht. Einer dieser Köpfe gehört wohl auch Katrinas Onkel, dem legendären Nama-Führer Cornelius Frederick(s), nach dem in Berlin-Mitte bald eine Straße des Afrikanischen Viertels benannt werden wird. Auf Einladung des Vereins Berlin Postkolonial werden die Nama-Aktivistin Sima Luipert und ihre Herero-Mitstreiterin Esther Muinjangue zwischen dem 11. und 19. Dezember durch zahlreiche Städte Deutschlands reisen, um von der Rolle der Frauen im Widerstand gegen koloniales und postkoloniales Unrecht zu berichten. Man kann sich nur wünschen, dass ihnen dort ein breites Publikum Gehör schenken wird.