Potsdam - Er kommt zunächst etwas unbeholfen auf die Bühne. Dann schaut er ins Publikum und strahlt, winkt und zwinkert schelmisch - bevor plötzlich seine Hände über die Klaviertasten fliegen. Wer den australischen Pianisten David Helfgott schon einmal live erlebt hat, weiß, wie außergewöhnlich seine Konzerte sind. Der Musiker spricht beim Spielen, murmelt teils Unverständliches vor sich hin - und geht dabei vollkommen in der Welt der Töne auf. Etwa 500 Zuschauer konnten das am Freitagabend im ausverkauften Cottbuser Filmtheater „Weltspiegel“ erleben - Helfgotts vorletzter Station seiner kleinen Abschiedstournee, bevor der 75-jährige Ausnahmepianist am 17. Juni in der weltberühmten Carnegie Hall in New York zum letzten Mal auftritt. Das Konzert im ältesten märkischen Kino fand im Rahmen der Brandenburger Festspiele statt.

Helfgott in der Lausitz? Viele konnten es kaum glauben, dass sich der weltbekannte Musiker ausgerechnet Cottbus und nicht etwa eine Metropole wie Berlin als Auftrittsort ausgesucht hatte. Nach Angaben der Veranstalter hatte sich der Pianist, dessen Lebensgeschichte im oscarprämierten Werk „Shine - Der Weg ins Licht“ (1996) verfilmt wurde, für Cottbus entschieden, als er von seinem Konzertbüro unter anderem Bilder des alten Filmtheaters vorgelegt bekam.

Das Kino ist an diesem Freitagabend in ein weiches Licht getaucht. Helfgott bekommt tosenden Applaus für seine Interpretationen unter anderem von Bach, Beethoven und Chopin. Er wirkt etwas angeschlagen in seinem leuchtend blauen Seidenhemd, hat mit einer Erkältung zu kämpfen, verliert sich aber am großen Bechstein-Flügel immer wieder in seinem Spiel. Anschließend hebt er beide Daumen Richtung Zuschauer, lächelt und verbeugt sich wieder und wieder.

Bekannt ist, dass der Pianist bei Konzerten zuweilen mit kindlicher Freude Gäste aus der ersten Reihe umarmt. Auch in Cottbus geht er in die Zuschauermenge und schüttelt viele Hände. In der ersten Reihe sitzt Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU), der sichtlich bewegt ist von der großen Zugewandtheit des Musikers.

„Er ist unbeschreiblich, zieht in seinen Bann (...). Er umarmt die Menschen“, beschreibt Walter Schirnik die große Freundlichkeit des Künstlers. Der Präsident der Brandenburger Festspiele arbeitet unter anderem als Komponist, Dirigent und ist selbst Pianist. Für Helfgott hat er als Intendant der Stuttgarter Symphoniker eine Europatournee veranstaltet. „Sein Klavierspiel hat mich von der ersten Sekunde an fasziniert“, schwärmt Schirnik. Helfgotts Musik sei Kommunikation.

Der 49-Jährige berichtet, wie er den preisgekrönten Film über Helfgotts Lebensgeschichte sah, noch bevor er ihn persönlich kennenlernte. Trotzdem meinte er, den „Menschen David“ schon zu kennen.

Bekannt ist, dass die Kindheit des Australiers geprägt war durch einen ehrgeizigen Vater, der das Talent des Sohnes früh erkannte und dann despotisch förderte. Die Jugend führte Helfgott mit einem Stipendium nach England, wo er mit seinem Klavierspiel frühen Ruhm erlangte. Doch die ihm durch seinen strengen Vater zugefügten seelischen Verletzungen und die hohen Belastungen in früher Kindheit und Jugend führten zum seelischen Zusammenbruch. In der Folge musste Helfgott eine jahrelange klinische Therapie durchlaufen. Der Pianist leidet heute an einer speziellen autistischen Krankheit.

Wichtig sei Helfgotts Frau Gillian gewesen, die ihn auf die Bühne zurückgeholt habe, erzählt Schirnik. Sie habe erkannt, dass er sich durch sein Spiel den Menschen mitteilen müsse. Für Schirnik ist es vor allem „diese Liebe, die er der Musik und den Menschen gegenüber ausstrahlt“. Es gehe nicht um technische Perfektion seines Spiels. Die sei heute längst Standard. Es gehe bei Helfgott um diese Urgewalt und Kraft und sein Erleben von Musik.

Auch Regisseurin Cosima Lange ist an diesem Abend in Cottbus unter den Gästen. Sie hat Helfgott in ihrem Dokumentarfilm „Hello I am David! - Eine Reise mit David Helfgott“ (2015) porträtiert. In einer Szene des Films tanzt Helfgott mit der Regisseurin, die ihn fragt, ob er alleine tanzen wolle. Helfgott fragt zurück: „Kann man alleine tanzen? Braucht man nicht andere Leute? Braucht man nicht einander?“