Karikaturenstreit ist ein vornehmes Wort für das, was das französische Blatt „Charlie Hebdo“ im Namen der Meinungsfreiheit immer wieder einmal auf die Spitze treibt. Feingeist und Hintersinn müssen leider draußen bleiben, wenn bei „Charlie Hebdo“ der Stift gespitzt wird. Auf dem Titel der jüngsten Ausgabe ist – eher schwer zu erkennen – der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan abgebildet, wie er einer verschleierten Frau das Hinterteil entblößt. „Privat soll er ganz lustig sein“, lautet dazu die Schlagzeile. Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hatte für eine ähnlich gelagerte Aussage ein Gedicht in mehreren Strophen benötigt, das er seinerzeit mit dem Attribut „Schmähgedicht“ versehen hatte. „Vorsicht, Satire“ sollte das wohl besagen.

Derlei umständlich-didaktisches Framing, also eine behutsame Einrahmung der Botschaft, hat man bei „Charlie Hebdo“ nicht nötig. Wenn etwas treffen soll, muss es auch sehr direkt sein. Die Satire-Zeitschrift verfolgt damit wohl nicht zuletzt auch einen Grundsatz, den sie ihren vor fünf Jahren von islamistischen Terroristen ermordeten Kollegen schuldig zu sein glauben. Im Januar 2015 waren in den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen einem gewaltsamen Anschlag zum Opfer gefallen.

Der türkische Präsident Erdogan ist denn auch keineswegs schutzloses Opfer einer mutwilligen Verunglimpfung. Seit Tagen liefert er sich ein alle diplomatische Gepflogenheiten verletzendes Fernduell mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Nach der brutalen Ermordung eines französischen Lehrers, der in seinem Unterricht das Thema Mohammed-Karikaturen zum Thema gemacht hatte, kritisierte Macron ganz ausdrücklich den politischen Islam als mutmaßlichen Urheber hinter der Tat. Erdogan fühlte sich anscheinend als Angehöriger einer Glaubensgemeinschaft angesprochen. Er keilte zurück und empfahl Macron, er möge sich in psychiatrische Behandlung begeben.

Muss man das alles wissen, um die Zielrichtung und Wirkung einer geschmacklosen Karikatur zu verstehen? Die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ ist in diesem Fall gar nicht der Hauptdarsteller. Als solcher hat sich einmal mehr der türkische Präsident aufgespielt, der bei der Durchsetzung seiner politischen Interessen schamlos seinen Glauben als argumentatives Instrument einsetzt, wenn es ihm opportun erscheint. Dass sich all dies jenseits der gebotenen Trauer vor dem Hintergrund eines perfiden, religiös motivierten Anschlags auf einen Lehrer im französischen Staatsdienst abspielt, vermittelt einen bestürzenden Eindruck über den Zustand der internationalen Politik. Satire? Witze? Es gibt da wirklich nichts zu lachen.