Ankara - Kritische ausländische Journalisten sind dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan seit den Gezi-Protesten ein Dorn im Auge. Im Vorfeld der Präsidentenwahlen im August wird der Ton des Regierungschefs gegen die westlichen Medien derzeit täglich aggressiver, und ausländische Korrespondenten bekommen das zu spüren. Am Sonnabend, dem ersten Gezi-Jahrestag, wurde der CNN-Fernsehreporter Ivan Watson während einer Livesendung vom zentralen Taksim-Platz von Polizisten gezielt unterbrochen, getreten und für eine halbe Stunde mit seinem Team festgenommen.

Erdogan rechtfertigte das Vorgehen der Polizei am Dienstag ausdrücklich, nannte den Reporter einen „Speichellecker“ und machte deutlich, dass der Angriff gezielt erfolgte. Die CNN-Berichterstattung habe mit „freier, unparteiischer, unabhängiger Presse“ nichts zu tun, sagte er. Der „internationale CNN-Lakai“ habe schon während der Gezi-Ereignisse im vergangenen Jahr acht Stunden live vom Taksim-Platz gesendet. „Warum? Um Ärger in meinem Land zu erzeugen. Aber dieses Jahr haben wir sie auf frischer Tat ertappt.“ Erdogan bezeichnete das CNN-Team als „Agenten“ einer nicht näher bezeichneten ausländischen Macht, mit der er vermutlich den in den USA lebenden Islamprediger Fethullah Gülen meinte.

„Scher dich zum Teufel, Erdogan“

Die Tirade des türkischen Premiers kam in Washington jedoch nicht gut an. Eine „lächerliche Anschuldigung“, nannte Marie Harf, die Sprecherin des US-Außenministeriums, die Vorwürfe. „CNN ist für ihre unabhängige und unparteiliche Berichterstattung bekannt. Wir unterstützen die Pressefreiheit in der Türkei, und das bedeutet auch, dass Ivan Watson von CNN frei berichten kann.“

Während der Gezi-Gedenk-Versammlungen in mehreren türkischen Städten ging die Polizei am Sonnabend mit großer Härte nicht nur gegen friedliche Demonstranten, sondern auch gegen in- wie ausländische Journalisten vor. Mindestens zehn türkische Reporter wurden verletzt, der italienische Journalist Piero Castellano wurde in Ankara von einer Tränengasgranate in der Brust getroffen und musste in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert werden.

Auch deutsche Medien sind ins Fadenkreuz der türkischen Regierung geraten. Am Sonntag veröffentlichte das regierungsnahe Revolverblatt Takvim auf seiner Titelseite die (fiktiven) Porträts von 36 „feindlichen“ Journalisten internationaler Medien wie CNN, BBC, London Times und aus Deutschland Bild und Spiegel. Gegen den Istanbuler Spiegel-Korrespondenten Hasnain Kazim war vor zwei Wochen eine Internetkampagne entfesselt worden. Kazim erhielt Morddrohungen und verließ kurzzeitig die Türkei.

Sein Vergehen: In einem Artikel über das Bergwerksunglück von Soma hatte er einen Bergmann mit den Worten zitiert: „Scher dich zum Teufel, Erdogan“. Am Montag erklärte der Erdogan-Berater Yigit Bulut in seiner Zeitungskolumne erneut, „ein Teil der deutschen Medien“ würde regierungsfeindlich berichten. Bulut drohte, diese Medien würden „noch lernen, dass niemand den türkischen Staat, die Regierung, den Ministerpräsidenten so schamlos angreifen“ dürfe.