BerlinIn einer patriarchalen Gesellschaft ist es auch für den Qualitätsjournalismus nicht immer ganz einfach, Texte zu schreiben oder Interviews zu führen, die frei sind von sexistischen Klischees.

Im Zuge der US-Wahlberichterstattung schrieb die „Zeit“ zum Beispiel über die nächste First Lady der USA und beschrieb ihren Jobstatus, noch als Joe Biden Vizepräsident war, mit einer merkwürdigen Formulierung: „Dabei blieb sie beruflich unabhängig: Selbst als Second Lady unterrichtete ‚Dr. Biden‘ an einem sogenannten Community College.“ Warum aber die Anführungszeichen? Warum folgt die „Zeit“ nicht entweder der ungeschriebenen Medienregel und verzichtet gänzlich auf die Titelnennung oder lässt die Gänsefüße einfach gleich ganz sein? Stattdessen wird sich auf seltsame Weise von der Promotion von Jill Biden distanziert, ihre akademische Leistung verliert so an Wert.

Auch die Berliner Zeitung tappt immer wieder ins sexistische Fettnäpfchen. Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli wurde von dem Kollegen nicht als Direktkandidatin des Wahlkreises Charlottenburg-Wilmersdorf vorgestellt, sondern in der Stichzeile als „Michael Müllers Konkurrentin“. Dass man erfolgreiche Frauen immer in Beziehung zu erfolgreichen Männern stellen muss, ist auch eine sexistische Diskriminierung, die sich wohl nur schwer ablegen lässt. Eine selbstständige Frau ist für viele anscheinend immer noch so wirklichkeitsfremd, dass gleich der männliche Wohltäter genannt werden muss, der sie nach oben befördert hat. Eine Frau, die es ohne Mann schafft, gibt es anscheinend nicht. Auch wurde Sandra Ciesek, Chefin der Virologie am Uniklinikum Frankfurt und neben Christian Drosten gleichberechtigte Partnerin im Corona-Podcast vom NDR, als die „Neue an Drostens Seite“ vorgestellt.

Ein Titel, den der „Spiegel“ in einem Interview im Oktober sogleich aufgriff. In dem später viel diskutierten Interview beschrieben die beiden Journalistinnen Ciesek unter anderem als „Quotenfrau“ und „Neue neben Drosten“. Die Redakteurinnen des „Spiegel“ haben so Sexismus reproduziert und Klischees bedient. Erfolgreiche Frauen, die es in Männerriegen geschafft haben – weniger als ein Viertel der Spitzenpositionen in der Wissenschaft sind durch Frauen besetzt – seien eben nur für die Quote da.

Wie bei Jill Biden wird die intellektuelle Leistung von Ciesek hier bewusst oder unbewusst durch die Kolleginnen vom „Spiegel“ herabgewürdigt. Noch frappierender dann die Reaktion des „Spiegel“. Der Leiter des Wissenschaftsressorts, Olaf Stampf, fragte auf Twitter, was denn so schlimm an provokanten Fragen sei. Vergaß dabei aber wohl ganz grundsätzlich den Unterschied zwischen angriffslustiger Fragerei und einem Interviewstil, der auf einer konservativen Vorstellung von Mann-Frau-Rollen beruht.

Am Wochenende befragte der „Spiegel“ die ehemalige FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin zu ihrer überstandenen Brustkrebserkrankung und stellte dabei Fragen wie: „Was hat der Brustkrebs mit Ihrem Gefühl von Weiblichkeit gemacht?“, oder: „Was haben Glatze und Perücke mit Ihnen gemacht?“ Gruselig. Am Ende las man auch noch Sätze wie diese: „Sie haben das Blondinen-Spiel schon sehr gut beherrscht. Sie wussten genau, dass sich in einer Männerpartei viel Aufmerksamkeit auf Sie richtet, dass Sie als Mann nicht so fix an die Spitze der FDP marschiert wären.“

Gesagt wird durch die Fragestellung doch vor allem das: Nur ein intakter Körper bestimmt Weiblichkeit. Diese ist wiederum Grundlage für die ordentliche Portion Selbstvertrauen, mit der Koch-Mehrin dann auch noch die liberale Männerpartei erobern konnte. Allein – nur mit ihrer Leistung – hätte sie das nicht geschafft. Kehren wir es mal um: Es gibt wohl kein Interview, in dem Wolfgang Bosbach nach seiner Prostatakrebs-Diagnose gefragt worden ist, ob er sich Sorgen mache, nun nicht mehr bei den Frauen anzukommen.

Dass Frauen in Interviews schlicht andere Fragen gestellt werden, ist eine der vielen Facetten eines patriarchalen Systems. Eines Systems, in dem Frauen weiterhin häufig Kompetenz abgesprochen wird, indem sie auf ihre Körperlichkeit reduziert werden. Auch Qualitätsmedien scheinen davor nicht gefeit zu sein.