Wer keine Zeit hat, der lese doch die Seiten 41 bis 44. „Terror“ ist der Artikel überschrieben, der 1907 in Fritz Brupbachers Zeitschrift „Polis“ in Zürich erschien. Erich Mühsam (1878 – 1934) hatte ihn für Karl Kraus’ Fackel geschrieben. Der aber hatte abgelehnt. Mühsam hatte ihm den Text mit einem Begleitbrief geschickt, in dem stand u.a.: „Wie denken Sie über das Thema Politischer Terror? Ich würde darin eine psychologische Begründung anarchistischer Gewaltakte geben, aus der sich die Rechtfertigung von selbst ergibt.“

Der Artikel spricht vom Terror der Einzeltäter, von denen, die sich das Recht herausnehmen, aus sich heraus über das Schicksal der Gemeinschaft, in die sie gestellt sind, zu entscheiden. Dass dergleichen jeden Tag geschieht, von Seiten derer, die die Macht dazu haben, ist Mühsam nicht eine einzige Überlegung wert. Er sieht nur die Männer und Frauen vor sich, die eine Bombe in ein Café werfen oder einen Minister in die Luft sprengen. Er ist völlig fasziniert von diesem Akt.

Mühsam schreibt: „Die Mörder der Präsidenten Carnot und McKinley, der Monarchen Alexander und Humbert, die Ravachol, Henry, Caserio, Bresci, Reinsdorf – die Vielen, deren Namen von der russischen Revolution übertönt werden – sie alle stellten ihr Leben auf den Augenblick einer Handlung, sie alle fühlten ihr Schicksal erfüllt, ihr Leben erlebt, ihr Dasein begründet mit der Ausübung einer Bewegung. Jede ihrer Taten ist die Vollbringung eines künstlerischen Lebenswerkes.“

Das größtmögliche Kunstwerk

Es sei erinnert an Karlheinz Stockhausens Bemerkung auf einer Pressekonferenz am 16. September 2001 in Hamburg. Dort antwortete er auf die Frage des NDR Journalisten Johannes Schulz nach seiner Sicht auf die Zerstörung des World Trade Centers am 11.9. 2001: „Also - was da geschehen ist, ist natürlich - jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen - das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment. Das könnte ich nicht. Stellen Sie sich mal vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen, und sie wären alle nicht nur erstaunt, sondern würden auf der Stelle umfallen. Wir wären tot und wieder geboren, weil sie ihr Bewusstsein verlieren, weil es einfach zu wahnsinnig ist, dass manche Künstler versuchen, doch über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden und für eine andere Welt uns öffnen. Also ich weiß nicht, ob da 5000 Wiedergeburten gibt, aber irgendsowas, es ist unglaublich.“

Johannes Schulz fragte nach: „Gibt es einen Unterschied zwischen Kunstwerk und Verbrechen?“ Stockhausenantwortete: „Aber natürlich. Ein Verbrechen ist es deshalb, das wissen Sie ja, weil die Menschen nicht einverstanden waren, die sind nicht in das "Konzert" gekommen. Das ist klar. Und es hat auch niemand angekündigt, ihr könntet dabei drauf gehen, ich auch nicht, also es ist in der Kunst nicht so schlimm. Aber, was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal so poco a poco, auch in der Kunst oder sie ist nix.“

Terror als künstlerisches Prinzip

Erich Mühsam beendet seinen kleinen Aufsatz mit den Sätzen: „Wollen Sie gütigst ihrem zuständigen Staatsanwalt mitteilen, dass ich mit diesen orientierenden Ausführungen weder Sie noch sonst jemand zur Begehung von Moritaten, Brandstiftungen, Raubanfällen oder ähnlichen Daseinsäußerungen anregen wollte, sondern, dass es nur in meiner Absicht lag, von der einseitigen Stellung aus, die ich auf meiner Künstlerwarte einnehme, den Terror als künstlerisches Prinzip darzutun.“

Avantgarde ist ein Begriff, der aus der Sprache der Militärs hinüberwanderte in die der Kunst. Die Sehnsucht der Künstler aus der Kunst auszubrechen ins wirkliche Leben, gehört ebenso konstitutiv zur Kunst wie deren Trennung von der Wirklichkeit. Ohne Allmachtsfantasie mag es keine Kunst geben. Aber ist darum schon jede Allmachtsfantasie Kunst? Und ist nun gar der Mord, weil er sich als schöne Kunst betrachten lässt, schon darum eine? Aber selbst wenn sich das alles so in Eins setzen ließe, wie Künstler und solche, die es sein wollten, wäre damit noch immer nicht gesagt, dass darum die Kunstfreiheit die Freiheit zum Massenmord einschließt. Das scheint selbstverständlich. Aber offenbar gibt es Augenblicke, in denen auch das Selbstverständlichste es nicht mehr ist.

Erich Mühsam nennt ausdrücklich Emil Henry, der Bomben in Cafés war. Ihm war völlig gleichgültig, wen er tötete. Aber, so Mühsam „sein von sozialer Wut bestimmtes künstlerisches Wollen befahl, und er tat, was er tun musste.“ Das Amalgam von sozialer Wut und künstlerischem Wollen rechtfertigt noch das Ungeheuerlichste. Man glaubt in Mühsams Gewaltfantasien ein Stück jener Energien wieder zu entdecken, die Europa in den Ersten Weltkrieg, den Mühsam bekämpfte, trieben.

Der Druckfehlerteufel ist das Intelligenteste auf den vier Seiten des Mühsamschen Textes. Ich weiß nur leider nicht, ob der Teufel sein Werk schon 1907 oder erst 2014 vollbrachte. Oben in dem Zitat steht „Moritaten“. Mühsam aber meinte Mordtaten. Genau dieser Verwechslung erliegt sein ganzer Text.

Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch, herausgegeben von Markus Liske und Manja Präkels, Verbrecher Verlag, Berlin 2014, 345 Seiten, 16 Euro.