Die Bundesrepublik hat sich in den letzten Jahrzehnten um eine stabile Erinnerungspolitik bemüht, bei der die Gesellschaft mit den nationalsozialistischen Verbrechen konfrontiert wurde. Auch Harald Welzer hat sich als Soziologe und Sozialpsychologe immer wieder intensiv mit den Ritualen der Erinnerungskultur beschäftigt. In seinem aktuellen Buch „Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“ (mit Dana Giesecke) schlägt er neue Wege der historischen Erinnerung vor, die Orientierung für die Gegenwart und Handlungsoptionen für die Zukunft bieten sollen.

Herr Welzer, Sie treten an mit dem Ziel, die deutsche Erinnerungskultur zu „entrümpeln“. Was ist der Plunder, der Sie stört?

Vor allem die Ritualisierung des Holocaust-Gedenkens mit immer denselben Sprechblasenformeln und Betroffenheitsbekundungen, die mit politischer Bildung sehr wenig zu tun haben und ihr – im Gegenteil – häufig sogar noch im Weg stehen.

Als Martin Walser ein ritualisiertes Gedenken beklagt hat, ist ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. Halten Sie sich für ausreichend wetterfest?

Meine Argumente sind ja nicht moralischer Art. Als Kind der Nachkriegszeit leide ich auch nicht unter den Verklemmungen der Walser- und/oder Günter- Grass-Generation, die immer noch vom psychologischen Bedürfnis geleitet ist, mit der NS-Vergangenheit „fertigzuwerden“. Ich nehme einfach eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Erinnerungs-Gedächtnispraxis vor und setze diese in Beziehung zu den Lebens- und Erfahrungswelten Jugendlicher heute.

Mit welchem Ergebnis?

Dass beides überhaupt nicht mehr zueinander passt. Viele Gedenkstätten ergehen sich nach wie vor in der „Nie wieder!“-Rhetorik oder in Kalendersprüchen wie „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“. Damit treffen sie aber auf Schüler, für die Nationalsozialismus und Judenvernichtung – schon von ihrer familiären oder nationalen Herkunft her – überhaupt keine Rolle spielt. Diese Jugendlichen geraten dann in die merkwürdige Situation, sich betroffen und bußfertig geben zu sollen, obwohl sie nicht so empfinden.

Dann machen die Gedenkstätten einen schlechten Job?

Sie machen insofern schlechte Arbeit, als sie nicht verstanden haben, wie erfolgreich sie über Jahrzehnte gewesen sind. Ziel ihres Bemühens war ja eine stabile Erinnerungskultur, in der sich die Gesellschaft mit den NS-Verbrechen konfrontiert. Und das ist doch gelungen! In einem solchen Maße, dass man nicht mehr ständig wiederholen muss, wie notwendig die Erinnerung ist. Der Mathe-Unterricht beginnt ja auch nicht mit der ständigen Beteuerung, wie wichtig Mathematik ist. Heutiger Erinnerungspädagogik muss es vielmehr darum gehen, junge Menschen demokratiefähig zu machen, aufmerksam für versteckte Bedrohungspotenziale in der Gegenwart. Das bedeutet, „aus der Geschichte lernen“. Aber genau das passiert in der versteinerten, moralisierenden Form der Vergangenheitsdarstellung nicht, wie wir sie leider gewohnt sind.

Dienen die Geschichten der letzten Zeitzeugen einer Verlebendigung?

Wenn ein Überlebender seine Erfahrungen als Verfolgter schildert, zieht das junge Leute in Bann. Ganz anders sieht das mit dem aus, was die Nicht-Opfer über die Zeit des „Dritten Reiches“ zu berichten wissen: Erstens ist es meistens historisch völlig falsch, und zweitens folgt es oft dem Schema der „Verführung“ unwissender, gutgläubiger Bürger durch eine kleine böse Gruppe von „Tätern“. Mit dieser Wirklichkeitsverzerrung haben vermeintlich authentische „Zeitzeugen-Berichte“ sehr viel Schaden angerichtet. Ich kann es nicht als Verlust betrachten, wenn solche Stimmen jetzt nach und nach verstummen.

Vielerorts gibt es den Versuch, die authentischen Orte der Verfolgung zu markieren und so im Bewusstsein der Gegenwart zu bewahren. Was halten Sie von dieser Praxis?

Niemandem ist damit gedient, an jedem Ort, wo ein Verbrechen begangen wurde, eine Gedenktafel anzubringen. Gut finde ich dagegen die Stolper-Stein Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Die Metallplaketten im Bürgersteig mit den Namen deportierter Juden fordern dazu auf, sich das historische Geschehen einmal kleinräumig vorzustellen. Wir sind es gewohnt, den Holocaust immer vom Ende her zu betrachten – mit Gaskammern und Leichenbergen. Das führt dazu, dass sich viele Menschen die Juden in der NS-Zeit nur als Opfer vorstellen können. Wenn man sie aber – zum Beispiel mit Hilfe der Stolpersteine – im Geist einmal zurückholt in die eigenen Straßen und in die Häuser, in denen sie gelebt haben, dann werden sie wieder zu ganz normalen Nachbarn und Mitbürgern. Die ausschließliche Betrachtung als „Opfer“ verfestigt den Eindruck, es hätte sich irgendwie um andere Menschen gehandelt – was dann fast ein posthumer Sieg der Nazis wäre.

Was setzen Sie den Versäumnissen und Fehlern gegenwärtiger Gedenkstätten-Arbeit entgegen?

Wir gehen aus von der simplen Einsicht, dass menschliches Leben aus mehr besteht als aus Mord und Totschlag. Immerhin haben es die Menschen in 200.000 Jahren Kulturgeschichte geschafft, einigermaßen miteinander über die Runden zu kommen. Wir können zivilisatorische Fortschritte, Prozesse eines Rückgangs von Gewalt verzeichnen. Es ist eben so, dass Menschen nicht nur hassen, sondern auch lieben; nicht nur ausgrenzen, sondern auch solidarisch handeln. Wir halten es darum für notwendig, junge Menschen mit den Kernfragen sozialen und kulturellen Verhaltens zu konfrontieren – dem „Menschenmöglichen“ in all seinen Facetten.

Wo und wie?

Wir denken an ein „Haus der menschlichen Möglichkeiten“, das ähnlich funktioniert wie die „Science Centres“: Diese bringen jungen Menschen – aber nicht nur ihnen – auf attraktive, aktivierende, einladende Art naturwissenschaftliche Fragen näher.

Noch ein Event-Museum mehr?

Wenn US-amerikanische Schüler heute in eine „klassische“ Holocaust-Gedenkstätte kommen, dann fragen sie als erstes nach den Gaskammern. Sie betrachten diese Orte also auch eventhaft, suchen nach dem „Thrill“, nach dem „Kick“. Ich bin daher vorsichtig mit dem Vorwurf der „Eventisierung“, zumal Sie gar nicht darum herumkommen, den Wahrnehmungsgewohnheiten der Mediengesellschaft Rechnung zu tragen. Es nutzt ja nichts, sich hinzustellen und zu sagen, „das ist ja Eventisierung, und Eventisierung ist böse!“.

Sondern?

Es kommt darauf an, das Angebot intelligent zu gestalten. Und ich persönlich kann nur sagen: Mir macht es wahnsinnigen Spaß, mich in einem Haus wie dem „Klimahaus Bremerhaven“ auf eine nicht belehrende Art mit Naturphänomenen beschäftigen zu können, für die ich sonst meterweise Bücher lesen müsste, um sie auch nur ansatzweise zu verstehen.

In Bremerhaven gibt es auch – ganz neu – das „Auswandererhaus“ zum Thema Migration. Ist Ihr „Haus der menschlichen Möglichkeiten“ ansonsten noch im visionären Stadium des Wolkenkuckucksheims?

Als ein umfassender Ort existiert es noch nicht. Aber es sind hier und da bereits einzelne Module vorhanden, die unserem Konzept entsprechen. Im früheren Konzentrationslager Gusen in Österreich gibt es zum Beispiel einen „Audioweg“, ein großartiges Ausstellungskonzept, das Geschichte auf ganz unkonventionelle Weise erfahrbar macht. Das „Forum für lebendige Geschichte“ (Levande Historia) in Stockholm hat 2003 eine hervorragende Ausstellung zum „Bystander-Phänomen“ gemacht. In vielen experimentellen Annäherungen an die Frage, wie Menschen zu Zuschauern werden, konnten die Besucher sehr viel über sich selbst erfahren. Also: Wir fangen nicht bei Null an.

Kommt Ihr Konzept am Ende des Tages ohne Moral aus?

Weitgehend. Ich muss ein Phänomen ja erst einmal verstanden haben, bevor ich es moralisch bewerte. Es leitet jedenfalls nicht zum Selberdenken an, wenn ich die Moral schon mal vorausschicke und die Information, den Aneignungsprozess hinterher geklappert kommt. Gerade junge Menschen reagieren hochgradig empfindlich darauf, wenn man ihnen etwas moralisch beibiegen will. Entsprechende Versuche gehen pädagogisch in schöner Regelmäßigkeit in die Hose – weil sich die Schüler dagegen wehren. Mit Recht! Sie möchten selber ihre Schlüsse ziehen. Und das finde ich ausgesprochen begrüßenswert.

Das Gespräch führte Joachim Frank.