In der Politik liegen die Nerven blank. Im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses explodierte Regina Kittler von den Linken am vergangenen Montag aus dem eigentlich geringfügigen Anlass eines ungenauen Antrags, mit dem sich die AfD als Kulturförderin positionieren wollte: „Was Sie unter Kultur verstehen, wird sich deutlich zeigen, sollten Sie hier mehr zu sagen kriegen!“

Ein Menetekel, das einen Machtzuwachs von Rechts eher noch befördert? Sollte man den Hautarzt, den Bankkaufmann und den Rechtsanwalt, die von der AfD in die Berliner Kulturpolitik entsandt wurden, besser einfach nicht so ernst nehmen?

„Wer einen von uns angreift, hat ab heute 140 an der Backe“ 

Die Abgeordneten, deren Zeit tagtäglich mit sinnlosen Anträgen von Rechts gestohlen wird, sehen das anders. Und die Künstler und Kulturschaffenden, in deren Kreisen sich die Berichte von Drohungen gegen Personen oder Institutionen von Rechts häufen, was von angekündigter nächstmöglicher Mittelkürzung bis zur Morddrohung reicht, haben spätestens nach der Erfahrung der Ängstlichkeit der Bauhaus-Direktorin Claudia Perren, die vorauseilend ein Konzert der linken Band Feine Sahne Fischfilet in ihrem Haus absagte, ebenfalls die Nase voll.

Auf Initiative des Berliner Vereins Die Vielen, der im Mai dieses Jahres auch die Glitzerdemo gegen Rechts organisierte, ist am Freitagvormittag in Berlin, Dresden, Düsseldorf und Hamburg eine „Erklärung der Vielen“ veröffentlicht worden, der sich zum Zeitpunkt der Pressekonferenzen rund 300 Kunst- und Kulturinstitutionen angeschlossen hatten, 140 davon in Berlin.

„Müssen sich Kultureinrichtungen, die staatlich gefördert sind, parteipolitisch neutral verhalten?“, fragte der Intendant des Friedrichstadtpalastes, Berndt Schmidt, beim Pressetermin im Max-Liebermann-Haus, und antwortete: „Ich meine: Nein.“ Dass Extremisten demokratisch gewählt seien, sei „kein Persilschein“ und kein Grund, deren extreme Maßnahmen erdulden zu müssen. „Wer einen von uns angreift, hat ab heute 140 an der Backe.“ 

Keineswegs nur der künstlerischen Freiheit verpflichtet

Schmidt hatte nach der Bundestagswahl 2017 in einer Pressemitteilung Position bezogen und mit Blick auf sein internationales Ensemble geschrieben: „Nicht alle AfD-Politiker sind Nazis und auch nicht alle AfD-Wähler*innen. Aber wer AfD wählte, wusste, dass er auch Nazis in den Bundestag wählt. Wer das aus Angst oder Sorge oder Protest in Kauf nimmt, ist ein Brandstifter und Mittäter. No fucking excuse.“ Die Reaktionen reichten bis zur Bombendrohung gegen den Friedrichstadtpalast. Schon damals solidarisierten sich Kollegen. Was wäre heute anders?

Von der Rechtsberatung bis zu Solidarveranstaltungen scheint alles möglich im neuen Netzwerk, das sein Potenzial ja erst erproben muss. Mit der Unterzeichnung der Erklärung verpflichten sich die Einrichtungen jedenfalls darauf, einen „offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über rechte Strategien“ zu führen, der „völkisch-nationalen Propaganda kein Forum“ zu bieten, sich nicht instrumentalisieren zu lassen und sich mit jenen zu solidarisieren, „die durch eine rechtsextreme Politik immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden“. Oft etwa ist es schon hilfreich, Leuten Raum zu Verfügung zu stellen. Die Türen zu öffnen.

Und rauszugehen natürlich. In kulturinstitutionsfreies Umland beispielsweise, wo Menschen, die sich für Offenheit und Toleranz engagieren wollen, bisher oft gar keinen Ankerpunkt haben, um sich zu vernetzen. Denn das neue Bündnis fühlt sich, wie Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters betonte, keineswegs nur der künstlerischen Freiheit verpflichtet. 

„Ich brauche kein Podium mehr, auf dem ich über das rede, was in einer Demokratie selbstverständlich ist“

Dass die „Erklärung der Vielen“ tatsächlich eine „beispiellose Gemeinschaftsaktion in der Kunst ist“, wie sich HAU-Chefin Annemie Vanackere zu Beginn der Pressekonferenz freute, belegte Langhoff, die als letzte der acht Erstunterzeichner das Wort ergriff (und bei der Gelegenheit zu einer Schweigeminute für die Opfer des Faschismus einlud) durch den Hinweis darauf, dass sie vor einigen Jahren noch Schwierigkeiten hatte, unter den Theatern Partner für ein NSU-Tribunal zu finden.

Und Holger Bergmann, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste und Vereinsmitglied der Vielen, wollte im Mai, als die Berliner Zeitung vorab über die Glitzerdemo berichtete, als Drahtzieher noch „Gaspard“ genannt werden – nach seinem Hund übrigens, der damals beim Gespräch dabei war. Jetzt tragen die Kulturfunktionäre emblematische Glitzerbuttons und lächeln stolz, als sie vor der Kulisse des Reichstages auf dem Balkon des Max-Liebermann-Hauses posieren. Sie haben etwas geschafft.

Aber nochmal: Ist es wirklich der richtige Weg, mit Rechten flächendeckend nicht zu reden? Ebnet man ihnen nicht den Weg in die Opfernische? „Ich brauche kein Podium mehr, auf dem ich über das rede, was in einer Demokratie selbstverständlich ist“, sagt Lilian Engelmann von der neuen Gesellschaft für bildende Kunst. „Warum sollen wir als Künstler überhaupt Politiker in unsere Häuser holen?“, fragt Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Akademie der Künste. Das Publikum aufklären, sich und das eigene Umfeld selbst überprüfen, das sei etwas anderes. Und Holger Bergmann sagt: „Man kann etwas tun, man muss nur anfangen, etwas anders zu machen als man es bisher gemacht hat.“