Auch Ernst Jünger war in Arkadien: 1936 reiste er auf dem deutschen Passagierschiff „Monte Rosa“ nach Brasilien. Die aufstrebenden Metropolen und wuchernden Urwälder machten „mächtigen Eindruck“ auf ihn, mehr als alles, was er seit den Stahlgewittern des Weltkriegs erlebt hatte. Aber der distanzierte Beobachter, der Schönheit und Schrecken in eine marmorkalte Ästhetik und überzeitliche Archetypen zwingt, bannte mannhaft die „bösartig graziöse“ Sinnlichkeit, den „überwältigenden Lebenstrieb“ und das „matriarchale Element“ Brasiliens durch Sprachzauber. Das Gefährliche und Erregende an den bunten Phantasmen der Natur, notierte er, „liegt in ihrem jähen Einbruch, im Angriff auf das Bewusstsein; es wirkt in ihnen eine ungeheuerliche Macht, ein prunkvolles Aufgebot, das mit Blendung oder Beraubung des Verstandes droht. Und damit wächst mächtig die Versuchung, einzustimmen in diesen Wirbel von Dunkelheit und Lichtern, sich mit ihm zu vermählen, ganz in ihm aufzugehn. Doch ist es das Männliche des Geistes, das diesem Bildersturme standhält.“

#image1

Jünger versichert sich der Macht und Herrlichkeit seines Geistes, indem er sich als Naturforscher in den Spuren Humboldts inszeniert: Die fliegenden Fische auf der Überfahrt, die Käfer, Vögel, Pflanzen und Früchte des Dschungels interessieren ihn deutlich mehr als die Mitreisenden („flache, doch liebenswürdige Intelligenzen“) oder gar die „Neger“. Wann immer es der militärisch organisierte Reiseplan erlaubt, schlägt er sich zum Botanisieren in die Büsche oder wenigstens in die Botanischen Gärten.

Die „Monte Rosa“ hatte Platz für 2300 Passagiere; einige von ihnen kehrten nicht nach Nazi-Deutschland zurück. Aber Jünger erweckt stets den Eindruck, als ob er allein gewesen sei, ein stolzer Einzelgänger, ein abenteuerliches Herz auf großer Fahrt. Natürlich nimmt auch er an den organisierten Ausflügen teil und knipst Eingeborene beim Fußball. Aber er mokiert sich über die alberne „Schemenfängerei“ des Fotografierens und schämt sich der „flegelhaften Barbaren“ des Berliner Pöbels, die sich über die „Wilden“ lustig machen und selber keinerlei Kultur und Anstand haben. Jünger will auf keinen Fall wie ein gewöhnlicher, sentimentaler Pauschaltourist alles Neue und Fremde durch den „gefühlvollen Verdauungstrakt“ laufen lassen: Er steht in „Negerkneipen“ und Urwald einsam auf verlorenem Posten seinen Mann, ganz wie der Meldegänger im Weltkrieg oder der Käfersammler auf „subtiler Jagd“.

Bei ihrem Erscheinen 1947 ging die „Atlantische Fahrt“ fast unter. Nicht nur, weil das schmale Büchlein nicht in Deutschland (wo Jünger noch Publikationsverbot hatte) erschienen war, sondern in einer Schriftenreihe für deutsche Kriegsgefangene in England: Die „Strahlungen“, Jüngers Kriegstagebücher aus dem besetzten Frankreich, überstrahlten es buchstäblich. Nun wurde der Reisebericht neu ediert, ergänzt durch Briefe, Tagebuchnotizen, Fotos und Postkarten.

Die „Atlantische Fahrt“ kann es nicht mit Stefan Zweigs „Brasilien – Ein Land der Zukunft“ aufnehmen: Dazu war ssein Aufenthalt zu kurz, sein Interesse zu naturwissenschaftlich-selektiv. Man erfährt wenig Neues über Brasilien, umso mehr über den Autor. Brasilien führte Jünger an die Grenzen seines überheblichen Geistes. Höhere Vitalität, bemerkt er lakonisch, geht auf Kosten der Geistigkeit; mit der „Lässigkeit der Lebensführung“ nimmt auch der Trieb zum Denken, Lesen und Schreiben ab.

In Brasilien bekam Jünger eine erste Ahnung von dem, was er später als „Weltstaat“ beschrieb. In den Wolkenkratzern der Städte sah er „mächtige Reiche im Werden“, im Rassengewimmel „infusorische Aufgüsse“ und „Bilder künftiger Welten“; Rio erschien ihm gar als „Residenz des Weltgeistes“.

In Brasilien erlebte Jünger am eigenen Leib, wie müde und unfruchtbar das alte Europa geworden war, und diese Erweiterung seines abendländischen Horizonts durch eine verschwenderische Natur empfand er als ebenso bedrohlich wie verlockend: „Ich spürte die Nähe unsichtbarer Kraftwerke, deren Potenz die aller Turbinen übertrifft, die man in diesem Lande aufstellen mag.“ Jünger liebäugelte mit dem Gedanken, für ein Jahr nach Brasilien zurückzukehren. Ein Schuss tropischer Lässigkeit, ein bisschen mehr Sinnlichkeit hätten seinem Werk gut getan, aber der Krieg durchkreuzte seine Pläne.