Ernst Jünger hochdekoriert im Ersten Weltkrieg
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Im Jahre 1920 erschien „In Stahlgewittern – Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“ das erste Mal. Das Buch wurde von seinem Autor Ernst Jünger (1895–1998) bis zur Ausgabe von 1978 immer wieder verändert. 2013 veröffentlichte der Verlag Klett-Cotta, herausgegeben von Helmuth Kiesel, eine zweibändige historisch-kritische Ausgabe, die einen fast mühelosen Vergleich der gedruckten Fassungen unter Berücksichtigung der Korrekturbücher ermöglicht.

Vor mir liegt diese hervorragend kommentierte Ausgabe des ehemaligen Professors für Neuere Deutsche Literatur in Heidelberg. Wie auch die ebenfalls von Kiesel herausgegebenen Bände Jüngers „Kriegstagebuch 1914–1918“ (2010) und „Krieg als inneres Erlebnis“ (2016).

In Schützengräben verschwinden die Unterschiede

Wer das Vorwort der ersten Ausgabe liest, bekommt erst mal einen falschen Eindruck von dem Buch: „Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns.“ Das ist ganz nah dran an der „Menschheitsdämmerung“, der im selben Jahr bei Rowohlt erschienenen „Symphonie jüngster Dichtung“. Kurt Pinthus hatte seine Sammlung expressionistischer Lyrik so genannt.

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Jüngers „In Stahlgewittern“ aber geht gerade das Menschheitspathos völlig ab. Es sind kurze Sätze, die fast ausnahmslos von dem berichten, was der „Held“ sieht. Der Krieg spielt darin keine Rolle. Ganz falsch. Es macht gerade den Krieg aus, das ist die entscheidende Erfahrung der Krieger, dass er die meiste Zeit unsichtbar ist. Nicht nur gerät im Laufe des Krieges der Kriegsgrund außer Sicht. Der Feind selbst verschwindet. Mal ist er nicht zu sehen, dann wieder ist er so nah, dass man einander grüßt. In den Schützengräben verschwinden nicht nur die Unterschiede zwischen Offizieren und Mannschaft, sondern auch die zwischen Freund und Feind. Um dann desto gewaltiger aufzubrechen.

Diese Sätze stehen nicht bei Jünger. Ich versuche unbeholfen zu sagen, was und wie er beschreibt, was er sieht. Die Fronterfahrung dieses ersten Berichtes kommt aus ohne die Ideologie von den besseren Menschen, die auf unserer gegen die schlechteren auf der anderen Seite kämpfen. Es gibt beim Jünger von 1920 keine deutschen Herrenmenschen. Es gibt den Soldaten.

1920 gibt es bei Jünger keine Herrenmenschen sondern Soldaten

Jünger erläutert: „Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung des Hassgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten, und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu werten ...“   1924 wies Jünger darauf hin, dass zu dieser Haltung gehöre, „dass man sich nicht durch übertriebenes Nationalgefühl blenden lässt“. Dieser Hinweis verschwand später.

Soldaten sind Mörder, schrieb Tucholsky 1931. Man versteht den Satz nicht, wenn man „In Stahlgewittern“ nicht vor Augen hat. Vom Morden ist zunächst wenig die Rede in Jüngers „Tagebuch eines Stoßtruppführers“. Um so mehr vom Verwundet-, vom Ermordetwerden. Der Schützengraben wird Heimat. „Unser Hauptstolz war unsere Bautätigkeit, in die uns von hinten nicht hineinregiert wurde.“

„In Stahlgewittern“ wurde bald ins Spanische, Englische und Französische übersetzt, begeisterte u.a. André Gide und Jorge Luis Borges. Nicht so sehr als literarische Tat, sondern als ein Dokument der Sachlichkeit. Aber die war selbst eine literarische Entscheidung. Um das zu sehen, genügt ein Blick ins Vorwort. Da schrieb Jünger: „Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen.“ Wahr erscheint das Buch, weil es nach dem Vorwort demonstrativ auf solchen literarischen Zierrat verzichtet. Anerkennung gewann es womöglich aber auch, weil der Autor ihn immer mal wieder durchblitzen lässt.

Über weite Strecken ein Text der Neuen Sachlichkeit

In seinem Tagebuch notierte der 20-Jährige am 17.10.1915: „Heut Nachmittag fand ich in der Nähe der Latrine zwei noch zusammenhängende Finger und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab. Um 7 zogen wir wieder in vorderste Linie.“

Diese Passage hat Jünger nicht in die „Stahlgewitter“ aufgenommen. In keine ihrer Fassungen. Ich habe den Verdacht, dass er darauf verzichtete, sie zu übernehmen, nicht, weil er fürchtete, man könne sie ihm als inhuman ankreiden, sondern weil er wusste, dass sie ein literarischer Einfall war, auf den er womöglich erst beim Schreiben des Tagebuchs gekommen war. In den „Stahlgewittern“ – über weite Strecken ein Text der Neuen Sachlichkeit – wäre die Überlegung wegen ihrer Gesuchtheit aufgefallen.

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„In Stahlgewittern“ schildert zunächst die „Stahlgewitter“, denen Jünger und sein Trupp unterworfen waren. Sie sind Opfer. Sie erwehren sich übermächtiger Angreifer. Ihr Heldentum ist das von Duldern. Weit über die Hälfte des Buches ist der Krieger ein Schmerzensmann.

Dann endlich im November 1917 findet ein Rollentausch statt: Aus Jüngers Truppe, die bisher Amboss war – so viel Goethe muss sein –, wird endlich ein Hammer. Aus dem Schmerzensmann wird ein Haudrauf.

Beim Töten hat die Literatur wieder ihren Auftritt

Jetzt gibt es Momente wie aus Heldenchroniken und schon wechselt Jünger die Tonart: „Man hört so oft die irrige Ansicht, dass der Infanteriekampf zu einer uninteressanten Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet der Einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt ... In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und Alkoholgenuss gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los ... Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpresste mir bittere Tränen.“ Die letzten Sätze strich Jünger aus der Fassung von 1961. Jünger vergleicht die im Kampf aufgehetzten Soldaten mit „Werwölfen, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken“.

Beim Töten hat die Literatur wieder ihren Auftritt. Da werden Metaphern bemüht. Es wird Stimmung gemacht. Auf ganz konventionelle Weise. Jünger sieht, was er erlebt, mit den Augen, die ihm Homer und der „Rasende Roland“, den er im Tornister mittrug, in den Kopf gesetzt hatten. Den Angriff erfährt er als atavistischen Ausbruch. Den analysiert er nicht mit dem Blick der Neuen Sachlichkeit, sondern lässt sich von ihm davontragen und möchte, dass sein Leser sich mit ihm davontragen lässt.

1923 erster politischer Artikel im Völkischen Beobachter

Als Abenteurer war Jünger in den Weltkrieg gezogen. Verlassen hat er ihn, mit zwanzig Geschossnarben, höchstdekoriert, als Krieger, als Mitglied einer Grenzen überschreitenden Kaste, die froh war, wenn sie mit anderen Kriegern sich dabei messen konnte, eine sportliche Haltung einzunehmen gegenüber Leben und Tod und auch gegenüber Töten und Getötetwerden. Politik interessierte ihn nicht.

Helmuth Kiesel schreibt: „Das änderte sich wohl erst 1923, als das ,Deutsche Reich‘, wie die politische Bezeichnung für Deutschland immer noch lautete, durch die Hyperinflation, der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebiets, den rheinischen Separatismus und drei Putschversuche (der ,Schwarzen Reichswehr‘, der Hamburger Kommunisten und der Münchener Nationalsozialisten) nicht nur in erneute und verstärkte Turbulenzen geriet, sondern zu zerbrechen drohte. Unter dem Eindruck dieser Vorgänge begann Jünger sich zu politisieren und wurde zum Mitbegründer jenes ,neuen‘, ,soldatischen‘ und ,revolutionären‘ Nationalismus, der das Deutsche Reich unter Abwendung von den alten Eliten und unter Einbeziehung der großstädtischen Arbeiterschaft zu einem modernen, autoritär geführten Machtstaat aufbauen wollte.“

Im September 1923 veröffentlichte Ernst Jünger im Völkischen Beobachter der NSDAP seinen ersten dezidiert politischen Artikel: „Die echte Revolution hat noch gar nicht stattgefunden, sie marschiert unaufhaltsam heran. Sie ist keine Reaktion, sondern eine wirkliche Revolution mit all ihren Kennzeichen und Äußerungen, ihre Idee ist die völkische, zu bisher nicht gekannter Schärfe geschliffen, ihr Banner ist das Hakenkreuz, ihre Ausdrucksform die Konzentration des Willens in einem einzigen Punkt – die Diktatur! Sie wird ersetzen das Wort durch die Tat, die Tinte durch das Blut, die Phrase durch das Opfer, die Feder durch das Schwert.“

Heute haben Diktatoren wieder Konjunktur

Die Weimarer Republik war nicht von Anfang an verloren. Sie überstand Putschversuche und Bürgerkrieg. Sie überstand die Hyperinflation und das Jahr 1923. Sie hat sich zermürben, weichklopfen, am Ende zerschreddern lassen. Das ist passiert. Aber es musste nicht passieren.

Nichts im Jahre 2020 erinnert an Deutschland 1920. Nichts als das Zerreden der Erfolge und die Freude an düsteren Zukunftsgemälden. Wir haben es weltweit mit einer autoritären Wende zu tun. Diktatoren haben wieder Konjunktur. Wer auf den Tisch haut und laut wird, der hat wieder Bewunderer. Wer so tut, als könne er mit zwei, drei energischen Aktionen alles zurechtrücken, am liebsten „wieder“ zurechtrücken, dem scheinen immer mehr Leute nachzulaufen. Oft selbst die, die es besser wissen.