Als er am 12. September des vergangenen Jahres im Berliner Ensemble die Wünsche zu seinem 90. Geburtstag entgegennahm und in einer berührenden Ansprache sich bei all denen bedankte, die  gekommen waren, da spürten wir, dass es wohl ein Abschied werden könnte für immer. Er hatte auf diese Begegnung hingelebt, wollte nach seiner schweren Erkrankung im Frühjahr diesen Tag im Kreise seiner Freunde unbedingt noch erleben. Trotz seiner   Müdigkeit war er noch einmal zur Fahrt nach Berlin aufgebrochen,  an den für für ihn und sein Leben als Brecht-Forscher, Theaterkritiker, Publizist, Hochschulprofessor wichtigsten Ort. Es sollte seine Abschiedsreise werden.

Geboren wurde Ernst Schumacher 1921 in dem oberbayerischen Dorf Urspring am Lech, in einem katholisch geprägten, bäuerlich einfachen Elternhaus.

Geprägt durch den Onkel

Der spätere Besuch des Gymnasiums war allein durch die Förderung seines Onkels, eines katholischen Pfarrers, möglich, dem er – so hat er es wiederholt betont − weit mehr zu verdanken hatte als  ökonomische Unterstützung. Denn in der Person jenes Karl Schumacher erlebte er zum ersten Mal einen aus tiefer Glaubensgewissheit wachsenden Widerstand gegen die  Mächte einer weltlichen Ordnung, die sich in der Gestalt des heraufziehenden Nationalsozialismus mit aller Gewalt ausbreiteten. Ihn beeindruckte die moralische Haltung, die jedoch mit den herrschenden Konventionen und  den darin als verbindlich angesehen Moral- und Rechtsnormen der Gesellschaft unvereinbar bleiben musste.

Für Ernst Schumacher selbst bedeutete das, sich einem für ihn vorerst nicht aufhebbaren Widerspruch ausgesetzt zu sehen zwischen dem moralischen Recht auf Verweigerung und Ungehorsam und den nicht lebbaren  Konsequenzen, die aus solchem Anspruch erwachsen würden. Er erlebte, wie der Onkel an diesem Konflikt zugrunde ging; er selbst zog als Zwanzigjähriger in Hitlers Krieg, nahm als Soldat am  Überfall auf die Sowjetunion teil, aus patriotischem Pflichtgefühl, aber auch missionarischen Überlegenheitsphantasien; eine katastrophische Erfahrung, die er nur schwer verwundet überlebt hat – aber in der Folge auch als seine erste Universität langsam zu begreifen begann.

Ausgemustert als nicht mehr kriegsdiensttauglich, begann er noch während des Krieges in München Germanistik, Altphilologie und Kunstwissenschaften zu studieren. Er war damit am Ort seiner zweiten Universität angekommen – und an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens.

Dissertation bei Hans Meyer und Ernst Bloch

Was darauf folgt, ist ein langer Abschied nicht nur von den prägenden Orten seiner Jugend, sondern von seinen kulturellen und sozialen Wurzeln insgesamt. Mit Dreißig beginnt er in Leipzig  bei Hans Mayer und Ernst Bloch seine Dissertation über die frühen Stücke Brechts; noch einmal zehn Jahre später, 1961, nach dem Bau der Berliner Mauer – Schumacher ist jetzt vierzig –  der endgültige „Umzug“, gegen den Strom sich bewegend, von West nach Ost. In den fast drei Jahrzehnten, die folgten, fand er in der DDR  den von ihm angestrebten Platz eines einflussreichen Publizisten und Theaterkritikers und später auch Wissenschaftlers. Siebzehn Jahre lang war er Professor am Institut für Theaterwissenschaft der Humboldt-Universität. Die Symbolkraft dieses Übertritts von München (West) nach Berlin (Ost) und die damit einhergehende politische Provokation bleibt ausdrücklich zu erinnern: Schumacher ging in die Richtung, aus der Hunderttausende kamen. Die Mauer war eine der entscheidendsten Zäsuren im Leben der Generationen, zu denen auch Ernst Schumacher gehört. Und die Entscheidung, über sie hinweg von einem Deutschland ins andere zu wechseln, musste den Betroffenen unumkehrbar erscheinen.

Er war fast siebzig, als die Mauer fiel, und die Geschichte ihn wieder einholte. Noch einmal mehr als zwanzig Jahre danach, mit 90 Jahren, schließt sich nun dieser Lebenskreis. Seine Lebensleistung bleibt damit dem Urteil seiner Zeitgenossen, mehr noch aber der Besichtigung der künftig Nachgeborenen überantwortet. Es wird ein Urteil sein über eine sehr deutsche Biografie. Denn zwischen ihren äußeren Daten liegen mehr als 60 Jahre bewusst wahrgenommener und reflektierter politischer Geschichte in Deutschland, ein Leben  unter dem Primat des Politischen von Beginn an.

Das erste Feld der Auseinandersetzung für den jungen Ernst Schumacher war der bald nach Kriegsende auch publizistisch einsetzende Kampf der Meinungen um den Erhalt der Einheit Deutschlands. Er war als Journalist an ihm beteiligt – gegen eine durch den beginnenden Kalten Krieg nachhaltig begünstigte politische Strategie der Siegermächte, die immer stärker auf die Spaltung Deutschlands zielte. Mit den Gründungsakten zweier getrennter deutscher Staaten, der Bundesrepublik Deutschland im Mai und nachfolgend der Deutschen Demokratischen Republik im Oktober 1949 wurde dieses Ziel durchgesetzt und zugleich von den politischen Klassen in Ost und West, auch von den christlichen Parteien, verinnerlicht und mitgetragen. Schumacher erlebte diese Entwicklung als eine schwere persönliche und zugleich geistige Niederlage. Sein akademischer Rückzug auf Brecht, der 1948 nach Deutschland zurückgekommen war und sich für den Osten, für das sozialistische Experiment entschieden hatte, sollte für Ernst Schumacher zu einem Maßstab eigener politischer Analyse werden angesichts der historischen Katastrophe, die mit dem Faschismus und seinen Folgen  über Deutschland hereingebrochen war. Dass er sich dabei auf theoretischem Gebiet zunächst dem Brecht’schen Frühwerk bis 1933 zuwandte, könnte als ein Zeichen gedeutet werden, erstmals wirklich selbstbestimmt nachzudenken über „Die Erbschaft dieser Zeit“– und darin der historischen Analyse Brechts wie Blochs gleichermaßen zu folgen. In der Konsequenz führte dieses Denken entschieden an die Seite der vermeintlich realen sozialistischen Alternative gesellschaftlicher Verhältnisse, die er perspektivisch allein in der DDR aufgehoben sah – einer DDR allerdings in den Farben von Brecht und Bloch.

Verdächtigt, verfolgt und politisch diskriminiert

Es folgten die Jahre bis 1961 als Jahre der persönlichen Behauptung und Profilierung als politischer Publizist, zunehmend auch als Feuilleton-Autor, als Brecht-Forscher, Auslandskorrespondent der „Deutschen Woche“, Rundfunkjournalist zwischen München und Ostberlin: eine deutsche Biografie ganz singulärer Erscheinung mitten im Kalten Krieg; Schumacher wurde verdächtigt, juristisch verfolgt und politisch diskriminiert. Schließlich entschied er sich endgültig für die Übersiedlung in die DDR.  Er hat es immer geliebt, auch in diesem Fall an Brechts Beispiel zu erinnern, wenngleich – und das sollte nicht übersehen werden – es ein anderes Land war als jenes, in das Brecht im Jahre 1948 wechselte. Ähnlich seinem Lehrer Brecht, den er 1949 kennenlernte und danach immer wieder traf, musste er erfahren, dass dort seine Art dialektischen Denkens, seine Weltoffenheit in Kunstdingen oder die Vorstellungen von einer offenen Gesellschaft erneut „auffällig“ wurden. Dennoch: Seine theoretischen Positionen, seine Kompetenz und Nichtanpassungsbereitschaft in Fragen der Kunst ließen ihn im Laufe der  folgenden Jahre und Jahrzehnte sowohl als Theaterwissenschaftler wie auch als Kritiker zu einer nicht mehr überhörbaren Instanz in ganz Deutschland werden.

Seine Arbeiten über Bertolt Brecht wurden nicht nur in der DDR als Standardwerke anerkannt; seine Dissertation dokumentiert eine der frühesten theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Werk Brechts. Theatergeschichte hat er daneben vor allem auch als Kritiker geschrieben. Seit 1964 wurde die Berliner Zeitung der Ort, von dem aus er bis noch vor kurzem seine Texte regelmäßig veröffentlichte; sie sind immer über den Tag hinaus lesbar geblieben und gewinnen jetzt als Dokumente einer Zeugenschaft und eines Engagements anhaltender Dauer zusätzliches Gewicht.

Für die Generation, aus deren Erfahrungszusammenhang Ernst Schumacher spricht, erscheint sein Denken in einem historisch-kritischen Sinne bedeutsam – weil in der Konsequenz seiner ästhetischen Überzeugungen, in seinen Vorstellungen von einem Theater der Zukunft nicht zuletzt auch ein Lernfall für das geschichtliche Scheitern einer großen Utopie erkennbar wird. Sein Credo galt vor allem jenem Theatermodell, das sich im Sinne Brechts politisch verstand, auf die Veränderung aller Verhältnisse zielend. Für dieses Theater hat er gestritten, er hat es verteidigt – und sich dabei auch als politisch irrender Mensch zu erkennen gegeben.

Mit dem Lachen Karl Valentins

Ich nenne es dennoch einen Zugewinn, nicht zuletzt auch an selbstironischer Stärke, in seiner eigenen Person das Recht weiter behauptet zu haben, eine sozialistische Gesellschaft denken zu können, trotz oder auch gerade nach dem Scheitern dieses historischen Experiments. Wer Ernst Schumacher wirklich kannte, wird diese Eigenschaft nicht ohne den Zusammenhang mit seiner bayerischen Herkunft erfassen: Denn immer lacht aus ihm auch die Stimme Karl Valentins mit.

„Ich hatte keiner irgendwie beschaffenen „Forderung des Tages mehr zu genügen, mich keinem historischen Datum mehr zu stellen. Ich machte mich auch völlig frei von selbstzensorischen Opportunitäten...“ zitiere ich aus dem Vorwort seiner letzten großen Publikation, die unter dem Titel „Mein Brecht“ 2006 erschienen war und füge lediglich hinzu, dass in solcher Selbsterfahrung eine Befreiung auch von den ideologischen Zwängen beschrieben ist, die weit hineinreichen in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Rolle der Intellektuellen in ihr.

Die letzten Jahre im Leben Ernst Schumachers und seiner Lebensgefährtin Renate waren überschattet vom Verlust ihres Sohnes Raoul, der 2008 nach langer Leidensgeschichte während einer Indienreise gestorben war. Es war ein Unglück, das bis zuletzt alles überstrahlte, was da noch an Kräften verblieben war. Die Tagebücher Ernst Schumachers belegen das; sie sind aber zugleich das Medium einer Überlebensanstrengung, ein ganzes Zeitalter in einer eigenen Erzählung für sich noch einmal erfahrbar zu machen – und für uns, wenn wir es wollen.  Für den, der da spricht, sind diese Zeiten nun vorbei – am Donnerstag ist Ernst Schumacher in seinem Haus am See in Schwerin bei Teupitz gestorben. Er war nicht allein.

 

Frank Hörnigk ist emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literatur der Berliner Humboldt-Universität und Herausgeber der Heiner-Müller-Werkreihe. Er editiert die Tagebücher Ernst Schumachers, die noch in diesem Jahr erscheinen sollen.