Alle sind sie gekommen, um Staub zu schlucken. Im übertragenen Sinne natürlich. Dafür stehen Donnerstagabend Leute an der Halle am Club Berghain sogar geduldig Schlange. Nur 99 Leute dürfen rein bei jedem Schub in den ehemaligen Schlacke-Keller des historischen Heizkraftwerks Friedrichshain. Solidarisch also, nach einer halben Stunde Platz zu schaffen für die draußen vor der Tür.

In den denkmalgeschützten Mauern des mächtigen Baus befindet sich seit 2004, als Nachfolger vom 1998 gegründeten Club Ostgut, der heute weltberühmte Technoclub Berghain, zudem Tanztempel und Treffpunkt für queere Lebensart.

Krakowiak setzt auf Sinnesfrequenzen

Die Türsteher lancieren heute freilich ein ganz anderes Publikum als am Haupteingang. Es warten Kunstfreunde - und zwar aller Generationen, also keinesfalls sind es die üblichen Techno- Fans oder Vertreter der eingeschworenen Fetisch-Gemeinde. Manche haben ihr Kinder mitgebracht. Oder Enkel ihre Großeltern. Das Stimmengewirr der Wartenden besagt, dass es offensichtlich weniger ausländische Touristen –und wenn, dann keine tanzwütigen – sind, die ansonsten den Club mehr und mehr frequentieren. Schließlich wird er in den Reise-Apps beworben.

Es sind eher Einheimische, die hergeeilt sind, um die Installation „DUST“ der Warschauer Künstlerin Katarzyna Krakowiak, geboren 1980, zu sehen. Besser – zu hören in dieser mächtig gewaltigen Industriearchitektur, wo die junge Polin, einst Meisterschülerin des berühmten Bildhauers Mirosław Bałka, ganz auf „Sinnesfrequenzen“ setzt, wie die Biennale Venedig Teilnehmerin von 2012 sagt.

Verschwundene Öfen und Kohlestaub

Die Singur-Hörgalerie Berlin hat Krakowiak eingeladen, der Hauptstadt Kulturfonds finanziert das außergewöhnliche Architektur-Klang-Projekt, Berghain öffnet seine 20 Meter hohe Halle. Und „DUST“ bringt diese zum Klingen. Katarzyna Krakowiak, eine Minimalistin vor dem Herrn, hat die ohnehin schon puristische Industriehalle noch mehr „entschlackt“, auch noch die letzten Einbauten entfernt, sogar die Geländer an der Emporen, niemand darf darum die Treppe hoch.

Lediglich Scheinwerfer setzten harte Akzente. Man steht im Schlacke-Keller, sieht oben an der Betondecke die martialischen Kohle-Schütter. Und wird erinnert an die verschwundenen Öfen und an den Kohlestaub, der hier einst herumflog. Die Leute sind auf einmal ganz leise, gehen fast andächtig herum zwischen den mächtigen Betonsäulen, um diese Erinnerung an „DUST“ (Staub) zu inhalieren, als sonderbares Konzert, von der Polin komponiert in 23-Minuten-Endlosschleife.

Es brummt, rumpelt, rattert und stampft

Man vernimmt Vokalklänge, von der Architektur vielfach gebrochen, und abstrakte Sounds bewegen sich als akustische Wellen durch den Raum, als Verdichtungen von Klängen, die sich wie Staub in die Luft der Halle legen und sich, ähnlich einem in Staub geschriebenen Wort, wieder verflüchtigen. Der Sound und die Akustik sind schwer beschreibbar, hier dennoch der Versuch:

Es brummt, rumpelt, rattert, stampft. Der Maschinen-Lärm schwillt an, dröhnt, als nähere sich ein Hubschrauber. Dann scheppert und klirrt es, als würden Kettenfahrzeuge über die Betondecke rollen. Plötzlich ein markerschütternd schriller Krach, drei Mal hintereinander, als sei ein Blechlawine durch die Halle gerast. Und dann Stille.

Eine Frauenstimme (es ist die der Künstlerin) wispert, singt, melodisch, zart. Es ist, als zwitscherten dazwischen Vogelstimmen, als plätschere Wasser. Und dann ertönt Techno-Musik, setzt an gegen subtile Klänge von Geigen, Cellos, Flöten. Brutales und Zartes hängen in der Hallenluft wie ein Gespinst aus Widersprüchen, Künstliches, Technoides gegen Naturhaftes. Lautes gegen Leises. Abstraktes gegen Reales.

Zwischen Erinnerung und Gegenwart

„Dust“, das sieht das Englische nicht so eng – kann Blütenstaub, Goldstaub meinen – oder aber auch Kohlestaub, Ruß, Hausstaub, Erdstaub. Es ist das erste große – ganz auf den Ort bezogene – Projekt der Warschauerin in Deutschland, verbindet Architektur, Klang und Licht auf eine ganz besondere Weise. „Kulisse und Reibungsfläche zugleich“, wie Krakowiak sagt. „Staub“, meint sie –und in diesem Falle erinnert sie im ehemaligen Heizkraftwerk, der heute dieser riesiger, von aller Welt frequentierter Technoclub, ergo ein Vergnügungsort ist, an den Kohlestaub einer vergangenen Industrie-Epoche.

„Staub ist eine Verformung. Staub lässt sich nicht zählen, er stiehlt seine Formen von anderen. Staub bildet nach, er kopiert. Als Form gehört er der Vergangenheit, aber mich interessiert seine aktuelle Existenz“. So spricht eine Poetin, eine Gratwanderin zwischen Erinnerung und Gegenwart.

Halle am Berghain. Bis 3. Juni, Do– Mo 14–20 Uhr, Eintritt: 8 / ermäßigt 5 Euro. Informationen: www.singuhr.de