Wer Park Chan-wooks Film „Old Boy“ aus dem Jahre 2003 sehen hat, dürfte diese Szene nicht vergessen haben: Ein Mann stürmt in ein Restaurant und bestellt sich einen Tintenfisch, den er lebendig verschlingt. Es ist ein schockierendes Bild mit ergreifendem Subtext. 15 Jahre lang und ohne zu wissen weshalb war Dae-Suh in einem fensterlosen Zimmer eingesperrt. Innerlich abgetötet, versucht er nun verzweifelt, sich Leben einzuverleiben, bis nur noch das Ende eines Tentakels aus seinem Mund ragt und er zusammenbricht. 

Auch in „Die Taschendiebin“, dem neuen Film des südkoreanischen Regisseurs, gibt es einen Tintenfisch. Es ist ein weitaus größeres Exemplar, eingesperrt in einem Becken und von hinten beleuchtet. Das Aquarium steht in einem Folterkeller mit mysteriösen Instrumenten, deren Anblick schon die Fantasie beunruhigt, ohne dass es konkreter Bilder bedarf. Doch verweist hier nicht ein Regisseur auf sich selbst und sein Kino einer extremen Gewalt – vielmehr funktioniert der Film wie ein komplexes Bezugssystem, das lustvoll mit kulturellen Referenzen spielt.

Der Folterkeller ist verbunden mit einer Bibliothek voller erotischer Literatur quer durch die Geschichte und Kulturen. Diese muss die junge und wunderschöne Lady Hideko ihrem Onkel vortragen, der mit seinem Bart und dem schwarzen Seidenmantel wie der Archetyp des fernöstlichen Intellektuellen aussieht. Die Vorleserin und der mächtige Tintenfisch – schon muss man an das Gemälde „Traum einer Fischerfrau“ des japanisches Malers Hokusai denken. Es zeigt eine Frau, die sich lustvoll in den mächtigen Armen einer Krake verliert.

Sich verlieren, begehren, verführen – die verschlungenen Pfade der Liebe führen hier in ein Vexierspiel, das in vielerlei Hinsicht die Handschrift von Park Chan-wook trägt. Auch in  „Die Taschendiebin“  lassen sich die Gefühle nur im Exzess oder im extremen Kontrollverlust leben. Das müssen auch die Meisterdiebin Sookee und Lady Hideko erfahren. Die abgebrühte Sookee ist eine auf der Straße großgewordene Gaunerin, die die Tricks des Taschendiebstahls perfekt beherrscht. Die blasse und unschuldig wirkende Lady Hideko wiederum hat kaum etwas von der Welt gesehen. Mit ihrem strengen Onkel lebt sie auf einem abgelegenen Anwesen in der koreanischen Provinz.

Die beiden Frauen verlieben sich leidenschaftlich ineinander

Von dem vermeintlichen japanischen Grafen Fujiwara wird Sookee dorthin geschickt: Getarnt als Kammerzofe soll sie Lady Hideko in dessen Arme treiben. Gemeinsam will man an das immense Erbe der einsamen Frau gelangen. Doch ist Hideko so ahnungslos, wie sie erscheint? Nutzt sie die Inszenierung des Hochstaplers und seiner Gehilfin nicht vielmehr, um sich aus den Fängen ihres Onkels zu befreien? Tatsächlich werden die Verstellungen, Rollen, Maskeraden den Beteiligten entgleiten. Leidenschaftlich verlieben sich die beiden Frauen ineinander. Doch bevor sie ihrer Gefühle überhaupt gewahr werden können, müssen sie sie schon wieder verstecken. Eingeteilt ist der Film in drei Kapitel, die aus verschiedenen Perspektiven Szenen dieses Ränkespiels um Macht und Ohnmacht wiederholen.

„Die Taschendiebin“ ist eine Leinwandadaption von Sarah Waters’ Roman „Fingersmith“, dessen Handlung Park Chan-wook aus dem viktorianischen Zeitalter in das von Japan besetzte Korea Anfang der 1930er-Jahre verlegt. Der Regisseur übernimmt sowohl den von Waters kopierten klassischen Erzählstil als auch die Stimmung der britischen Epoche, „Die Taschendiebin“ ist ein Porträt feudalen Lebens unter einer Glasglocke der Konventionen und Regeln, das allen modernen Zeitströmungen fern bleibt. Wenn Sookee und Fujiwara das Anwesen kapern, bringen sie auch etwas von der Verwegenheit der Unterschichtsfiguren eines Charles Dickens mit.

In „Die Taschendiebin“ beherrschen Unterdrückung, Ausbeutung und Machtverhältnisse das Leben mit einer beiläufigen Schönheit, die sie umso brutaler macht. Am Eingang des Herrenhauses muss Sookee ihren koreanischen Namen gegen einen japanischen eintauschen. An ihrem ersten Arbeitstag durchsucht sie heimlich und atemlos die Schränke ihrer Herrin, öffnet Hutschachteln und Schubladen, erfreut sich an Kleidern, Handschuhen, Schmuck und anderen Accessoires, die das Leben für sie nicht vorgesehen hat. Das Herrenhaus selbst ist hybrider Ausdruck einer Macht, die sich in einem Flügel im traditionellen japanischen Stil eingerichtet hat und im anderen, wenn auch nur rein äußerlich, die Errungenschaften der fernen westlichen Kultur feiert.

So hybrid wie der Schauplatz ist auch der Film selbst. „Die Taschendiebin“ ist ein elegant inszenierter Erotikthriller mit politischem Subtext, ein opulent erzähltes Melodram der materiellen und immateriellen Abhängigkeiten. Doch zum Glück sind es die Gefühle, die die Macht über alles ergreifen werden. Sie werden die Grenzen der Erzählkonventionen, der Klassen, der Geschlechterbilder und vor allem unsere Erwartungen überwinden und ihre ganz eigenen Wege gehen.