Ersan Mondtag polarisiert die Szene. Der 1987 als Ersan Aygün in Berlin geborene Theaterregisseur liebt in seinen Inszenierungen die großen Auftritte und die formale Verstörung. Manche sprechen von „Antikunst“ und „Überwältigungskitsch“. Andere halten ihn für die Zukunft des deutschen Regietheaters. Jedenfalls traut er sich was, und macht auch in Interviews gern Kampfansagen an den deutschen Theaterbetrieb, in dem er recht bald eine einflussreiche Rolle übernehmen möchte, etwa als Intendant. Ist ein Generationswechsel fällig? Hinsichtlich der eingefahrenen feudalistischen Stadttheaterstrukturen, die Sexismus und Machtmissbrauch begünstigen, scheint es so. Wir haben mit Mondtag über die Metoo-Debatte gesprochen, über Quoten und Despoten.

Herr Mondtag, bevor Sie selbst Regisseur wurden, haben Sie unter anderem bei Frank Castorf und Claus Peymann hospitiert, beide als tyrannisch, zumindest nicht gerade als feinfühlig bekannt. Wie war das?

Ich will nicht über Kollegen herziehen, aber Peymann hatte auf jeden Fall Probleme. Da ging es viel um Macht und Erniedrigung. Sicher liegt das an seinen Nazieltern. Im Prinzip waren die 68er ähnliche Tyrannen wie ihre Eltern. Nehmen Sie Fassbinder – der hat seine Schauspieler regelrecht gequält; unter menschlichen Gesichtspunkten müsste man dessen Filme verbieten. Man sollte aber die Leute im Kontext ihrer Zeit beurteilen. Ich glaube, das ist eine Generationenfrage. Wir Nachgeborenen sind viel sensibler, man sieht es an der aktuellen Metoo-Debatte.

Und Frank Castorf?

An der Volksbühne hatte ich eine großartige Zeit. Castorf hat beim Inszenieren einen strengen Ton, ist aber auch ein weicher Mann. Er weiß, was er will, seine Autorität ist künstlerisch motiviert. Außerdem arbeitet er mit den Souveränsten überhaupt: Eine wie Sophie Rois lässt sich nicht runtermachen. Ich kann auch nicht verstehen, dass man Castorfs Frauenbilder sexistisch findet. Erstens kommen Männer bei ihm nicht besser weg, zweitens sind die Frauen als Sexobjekt so überzeichnet, dass sie als Klischee erkennbar sind. Viel problematischer sind doch die subtilen Stereotype, die am Stadttheater ständig reproduziert werden. Dagegen muss man angehen.

Haben Sie einen Vorschlag?

Indem man etwa routiniert Männerrollen mit Frauen besetzt und andersrum. Es ist doch absurd, dass unsere Ensembles zu sechzig Prozent aus Männern bestehen, weil es für sie im klassischen Repertoire mehr und interessante Rollen gibt. Ich besetze unter dem Aspekt, wer zu welcher Rolle passt, nicht nach Geschlecht. Mich wundert, für wie viel Unverständnis das noch immer sorgt, selbst am Thalia Theater in Hamburg, wo in meiner Inszenierung die Elektra von Björn Meyer gespielt wurde und viele Leute das verstörend oder zumindest als Setzung empfanden. Bislang reproduziert Theater ein gesellschaftliches Missverhältnis. Wenn sich die Besetzungspolitik ändern würde, wäre das Problem der mangelnden interessanten Frauenrollen nach ein bis zwei Spielzeiten aus der Welt geschafft.

Kann eine Quote für Frauen in Führungspositionen helfen?

Ich finde den Vorschlag gut. Von allein wird sich das Problem nicht lösen. Ein positives Beispiel ist Norwegen, da ist alles geregelt, und die Gesellschaft ist deswegen nicht auseinandergefallen. Es müsste allerdings eine intelligent gestaffelte Quote sein: Im ersten Jahr 20/80, in zehn Jahren 40/60, und dann kann man sie irgendwann abschaffen.

Haben Frauen einen anderen Führungsstil als Männer?

Absolut. Karin Henkel, Karin Beier und Shermin Langhoff sind Persönlichkeiten, die es nicht nötig haben, jemanden in ihr Büro zu zitieren und die Tür zuzumachen. Von einer Schreckensfrau am Theater habe ich noch nie gehört.

Auch Sie sind nicht gerade als zimperlich bekannt. Werden Sie bei Proben ausfallend?

Auf fast allen Proben bezeichnen sich Leute mal als „Arschloch“. Dann entschuldigt man sich eben und schickt als Wiedergutmachung eine Flasche Whiskey. Wir sind Menschen, wir haben Ausfälle. Theater ist keine Wohlfühlgruppe. Leute, die das verlangen, haben keine Ahnung vom Betrieb und davon, wieviel Druck am Stadttheater herrscht. Achtzig Leute auf einer Probe, Ansprüche von allen Seiten und hinterher von Publikum und Kritik zerrissen werden. Dass Leute, und zwar nicht nur labile Künstler, da austicken, ist ganz normal. Eine Gegenmaßnahme wäre, die strukturellen Probleme zu beheben. Neulich hat mir Dieter Dorn von viermonatigen Proben erzählt. Vier Monate! Heute sind es sechs Wochen. Mir wurde neulich eine Woche Probenzeit gestrichen, da habe ich vor Wut gegen einen Sessel getreten und mir dabei den Zeh gebrochen. Sicher habe ich auch schon mit Sachen geworfen, aber nie nach Leuten.

Wo verläuft die Grenze?

Bei rassistischer, sexistischer, homophober Kränkung. Bei sexuellem Missbrauch. Wenn Leute leiden. Wenn ich jemanden nach einem Streit bei der Probe anders behandle, ist das Machtmissbrauch. Mich nervt, dass so vieles vermischt wird. Das emotionale Klima einer Probe ist nicht gleichzusetzen mit sexuellem Missbrauch.

Kann man erwarten, dass Fehltritte sofort kritisiert werden?

Wenn ich überreagiert habe, soll der Betroffene mir das sagen, spätestens nach der Probe. Dann muss er es aber auch aushalten, dass gestritten wird. Wichtig ist dieses „Etwas tun“. Am besten sofort, aber man darf den Unterzeichnern des offenen Briefs an den einstigen Burgtheater-Intendanten Matthias Hartmann nicht vorwerfen, dass sie erst jetzt an die Öffentlichkeit gehen. Das ist eine Anmaßung den Opfern gegenüber.

Glauben Sie, dass noch mehr solche Fälle unter der Decke schlummern?

Da wird noch einiges auf uns zukommen. Es wird gerade viel diskutiert innerhalb der Szene, man tauscht sich aus, teilweise gibt es schon Kontakt zur Presse. Vielen wird jetzt erst bewusst, was sie durchgemacht, und einigen vielleicht, was sie angerichtet haben.

Kann man verstörende, große Kunst machen und trotzdem ein netter Mensch sein?

Das kommt ganz auf den Charakter an. Bei René Pollesch sind sexistische Äußerungen undenkbar, da rauchen alle und sind total transparent miteinander. Ich persönlich will mir die Möglichkeit einer Hierarchie bewahren. Aber Kunst funktioniert nicht unter totaler emotionaler Kontrolle. Ich muss auch mal mit Gegenständen werfen dürfen, trotzdem bin ich kein Despot.

Das Gespräch führte Eva Biringer.