Schauspielerin Iris Berben.
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BerlinSonnenschirme im Garten, bequeme Sitzecken auf der Terrasse: In einer Gründerzeitvilla im Berliner Westend, Quartier einer Filmproduktionsfirma, empfängt Iris Berben wie die Gastgeberin eines Sommerfests. Ein paar Minuten plaudert sie noch mit einem Fernsehteam, dann eilt sie nach oben, verschwindet in den Innenräumen und kommt in einem schmalen schwarzen Kleid zurück. Barfuß, wofür sie um Verständnis bittet. Bei der Hitze schmerzen die Füße. Siebzig wird sie am 12. August – eine Zahl, die angesichts ihrer Erscheinung absurd scheint. Die beiden Sender ARD und ZDF haben der Schauspielerin anlässlich ihres Geburtstags je einen TV-Film gewidmet.

Frau Berben, das verbindende Element der beiden Filme, in denen Sie kommende Woche im Fernsehen zu sehen sind, ist Fell. In „Mein Altweibersommer“ stecken Sie in einem Bärenkostüm, in „Nicht tot zu kriegen“ tragen Sie einen voluminösen Pelzmantel. Ein äußerst verdächtiges Kleidungsstück. Wie haben Sie sich darin gefühlt?

Pelz ist inzwischen ein absolutes No-Go. Und bei den Dreharbeiten musste ich das plötzlich wieder tragen. Die Blicke der Passanten, die das mitgekriegt haben, waren nicht unbedingt wohlwollend. Pelz trägt man nicht mehr.

Haben Sie früher Pelz getragen?

Ja, ich habe diesen Modetrend tatsächlich mitgemacht. Ich fand damals Nerz und Jeans zu kombinieren sehr avantgardistisch, ein Statement. Aber es ist gut, dass wir uns verändern. Die Frau, die ich in diesem Film spiele, eine Schauspielerin, ist so sehr in einer anderen Zeit verhaftet, dass sie gar nicht merkt, wie sehr sich die Welt verändert hat. Mit dem Alter kommt sie nicht gut zurecht. Sie ist in einer Zeit stecken geblieben und hält an einer Form des Auftritts fest, die vorbei ist. Das ist tragisch aber auch komisch. Sie kann sehr vulgär und schlampig sein, ein Vergnügen, so etwas zu spielen.

München, eine wichtige Station in Ihrem Leben und Schauplatz des Films, sieht darin wenig glamourös aus.

Ich mag solche Orte, und es gibt sie auch noch. Wobei sie auch da anfangen, alles abzureißen und zu modernisieren. Ich weiß, eine Stadt verändert sich. Wir wollen oft die Dinge festhalten, in denen wir uns wohlgefühlt haben. Die Menschen, die jetzt dort leben, werden nach der Modernisierung dort nicht mehr leben können, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Aber eine Stadt braucht die Vielfalt unterschiedlicher sozialer Gebilde. Alle sollen in einer Stadt Platz haben.

Empfinden Sie Wehmut, wenn Sie auf sich selbst als junge Frau zurückschauen?

Ich sehe eine junge Frau, die einmal mit strotzendem Selbstbewusstsein loszog. Man fragt sich: Wo hatte die das her? Das habe ich heute nicht mehr: dieses „Was kostet die Welt – ich nehm’  sie mir.“ Und dann denkt man manchmal: Hat man das schon ganz verloren, steckt man schon ganz im Konstrukt des Erwartbaren fest? Insofern – ja, ich habe Wehmut manchmal, aber ich lebe auch so sehr gerne im Jetzt. Und ich weiß auch, dass man immer wieder Abschied nehmen muss. Es gibt Menschen und Dinge, Gewohnheiten oder Allüren, von denen man sich leichter verabschiedet als von anderen. Aber es gibt auch Wehmut, weil sich eben nicht alles zum Besseren hin verändert. Man kann nicht ständig mit der Forderung kommen, es muss sich alles ändern, weil das Neue das Bessere ist. Nein. Allein wenn ich daran denke, wie wir angefangen haben zu drehen, wie wir so unbeobachtet drehen konnten, wie man so gut scheitern konnte. Heute wird man von allen Seiten beobachtet. Und wenn du nicht mehr scheitern darfst, wenn du nicht mehr peinlich sein darfst, was macht das dann mit dir, dann funktionierst du gut. Wollen wir gut funktionieren? Damit bin ich bei Ebba.

Der Heldin aus „Mein Altweibersommer“, einer Frau, die irgendwann in ein Bärenkostüm steigt.

Bei ihr scheint alles zu funktionieren. Die Ehe, die Karriere, und trotzdem fragt sie sich, wonach sie sich noch sehnt. Will ich noch etwas anderes in mir sehen, etwas, das ich bisher nicht gesehen habe? Ich finde, das sind berechtigte Wünsche. Wenn sie als „Zirkusbär“ mit dem Schausteller aufbricht, ist das eine Metapher für diese Frau. Sie ist stark, freiheitsliebend, aber domestiziert und eingeengt – oder auch nicht. Der entscheidende Satz dieser Figur ist: Ich tanze für mich. Ich tanze nicht für andere.

Hat das etwas mit dem Älterwerden zu tun?

Das hat auch, aber nicht nur etwas mit dem Alter zu tun. Im Alter kann man besser entscheiden, was man möchte und was nicht. Ich meine damit nicht diese Besserwisser-Menschen, die der Überzeugung sind, dass früher alles besser war. Das ist eine Form des Rückzugs, die an Ignoranz grenzt. Aber je älter du bist, desto besser kannst du definieren, was denn auch das Gute war in der Vergangenheit. Was man vielleicht auch retten sollte, was man mitnehmen sollte.

Zur Person

Iris Berben feierte 1968 ihr Kinodebüt in‚ der Edgar-Wallace-Verfilmung „Der Mann mit dem Glasauge“. Erste Popularität brachte ihr die  Fernsehserie „Zwei himmlische Töchter“. Ab den 1980er-Jahren wurde die Schauspielerin zur gefragten Charakterdarstellerin. In der Fernsehkrimireihe „Rosa Roth“ war sie von 1994 bis 2013 zu sehen. Sie engagierte sich gegen den Antisemitismus, wofür sie das Bundesverdienstkreuz und den Leo-Baeck-Preis erhielt.
ARD und ZDF widmen ihr zum 70. Geburtstag zwei Filme: „Nicht tot zu kriegen“ (ZDF, 10.8., 20.15 Uhr) und „Mein Altweibersommer“ (ARD, 12.8., 20.15 Uhr

Gilt das besonders in Umbruchszeiten, wie wir sie jetzt erleben?

Der Umbruch war auch vorher schon da. Einige haben es gesehen, andere nicht. Viele waren bequem, für den Moment hatte man sich gut eingerichtet, davon nehme ich mich nicht aus. Aber jetzt sehen wir wie durch ein Vergrößerungsglas auf unsere Welt und sehen, was schief gelaufen ist.  Wir werden nicht zum alten Status quo zurückkehren. Umwelt wird einen ganz anderen Stellenwert haben. Und was für eine tolle Jugend haben wir, die das so vehement einfordert.

Seit Monaten hört man wenig von Fridays for Future.

Ich glaube, man will sie gerade nicht hören. Jetzt geht es darum, dass Menschen um ihre Existenzen kämpfen, und das stimmt ja alles, Existenzen werden in den kommenden zwei, drei Jahren furchtbar vernichtet, davon bin ich überzeugt. Aber die Jungen haben etwas ins Rollen gebracht, sie sind an ihrem Thema – dem Klima, der Natur – penetrant drangeblieben, und wenn wir eines Tages herauskommen aus der Corona-Zeit, was sich noch lange hinziehen kann, dann wird sich keiner mehr dem Klimaschutz entziehen können.

Hatten Sie jemals ein Ohnmachtsgefühl angesichts rasanter Veränderungen, die Sie nicht direkt beeinflussen können?

Ich glaube, es ist eine Wesensart, wenn dir Veränderungen per se erst einmal keine Angst machen, sondern du sie spannend findest. Wenn man sich fragt, was man nun tun muss. Aber es gibt viele Menschen, die sich nicht mitgenommen fühlen, die überfordert sind. Es ist immer Arbeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Sie sprechen von der Digitalisierung und von Social Media?

Ja. Und da bin ich „out of the game“. Ich bin auf keiner dieser Plattformen. Ich glaube, wenn ich heute als junge Schauspielerin anfinge und das Spiel nicht mitspielte, wäre ich ganz schnell nicht mehr dabei. Wenn es eine Freiheit gibt – dann ist es die des Alters. Im Alter frei zu entscheiden. Das bedeutet nicht, sich gegen eine Entwicklung zu stellen, aber es bedeutet vielleicht, nicht jede Entwicklung mitzumachen. Ich habe mich vor mehr als dreißig Jahren der Volkszählung verweigert – da kann ich jetzt nicht so tun, als wäre der Schutz meiner Daten nie wichtig für mich gewesen, auch wenn ich korrekturfähig bin und mich verändert habe. Aber mein persönliches Leben gebe ich nicht freiwillig preis, das stelle ich nicht noch auf eine Plattform. Aber die Jugend wächst anders heran.

Die Aufmerksamkeit auf den sozialen Kanälen ist eine Währung.

Und damit, wir müssen uns da nichts vormachen, wird auch bezahlt. Wir haben Kinofilme gehabt, bei denen in kleinen Rollen Influencer eingesetzt wurden, und bei den Premieren sind die Influencer vor den Schauspielern über den Roten Teppich gelaufen. Das muss man auch aushalten als Schauspieler. Die Influencer werden bewusst in einen Film integriert, damit man deren Follower ins Kino kriegt.

Menschen, die von sich sagen, sie leben im Netz, sind Ihnen vermutlich fremd. Sind Sie ein wenig nostalgisch?

Ich bin wirklich sehr im Jetzt. Ich finde es wichtig, seine Vergangenheit zu kennen, sie abrufen zu können, nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen. Das gilt für die Geschichte wie auch für die eigene Biografie. Das ist ein wichtiges Fundament, um in der Zukunft und im Jetzt leben zu können. Ich blende nichts aus. Auch nicht das Scheitern. Weil es so wichtig ist. Es zeigt dir, wer du bist. Bist du jemand, der wieder aufsteht, oder musst du gezogen werden.

Sprechen wir von einem anderen Wandel – dem der Frauenrollen im Kino und Fernsehen. Viele der Figuren, die Sie in den letzten Jahren gespielt haben, hätten vor einem Jahrzehnt kaum eine Chance in den öffentlich-rechtlichen Medien gehabt. Sie haben den Wandel auch mitgetragen.

Im eigenen Interesse, klar. Es hat auch mit den neuen epischen Formaten zu tun, mit den Serien, die aus den USA, aus Schweden und anderen Ländern kamen. Die haben Türen geöffnet für neue Frauenfiguren. Dennoch müssen wir sie ständig einfordern, das ist noch nicht gesetzt. Und je mehr Kolleginnen da mitziehen, desto kraftvoller sind wir.

Gab es Diskussionen bei den Sendern über Ihr Aussehen in diesen Rollen? Etwa in „Die Protokollantin“ oder in „Nicht tot zu kriegen“ als abgestürzte Diva, die zu viel trinkt und den ganzen Tag im Pyjama herumläuft?

Natürlich gab es Diskussionen darüber. Da hieß es: Möchte der Zuschauer das sehen? Frau Berben, so reduziert und in diesen unförmigen Schuhen und dann diese schrecklichen Haare! Ich habe gesagt: Natürlich möchte der Zuschauer das sehen! Der Jugendwahn ist vorbei. Das war ja die Messlatte für alles, für Literatur, für Film, für Werbung, fürs Fernsehen. Bis man anhand der Demografie gemerkt hat, dass es so viele Ältere gibt, die auch Wünsche haben, die Filme sehen und Bücher lesen wollen, die sich mit ihnen beschäftigen.

Im Frühjahr sagte eine der Ikonen der damaligen Zeit, Sharon Stone, die 90er-Jahre seien extrem „misogyn“, frauenfeindlich, gewesen. Sehen Sie das auch so?

Ich würde sagen, es war eine Werbewelt, in der man aber ab und zu auch seinen Platz gefunden hat. Oder finden wollte. Weil es auch verführerisch war. Es ist gut, wenn man die Fähigkeit hat, das zu erkennen und wieder zu verlassen. Auch das ist ja Wandlung, Veränderung. Wir wissen ja nicht immer alles in den Momenten, in denen wir es tun. Im Rückblick wissen wir, dass wir manchmal nur ein Instrument waren. Man lebt auch im Kontext einer Zeit. Man analysiert die Dinge ja nicht immer, in dem Moment, wo man sie tut. Es ist so leicht, das im Nachhinein zu tun und sich dann zu empören. Es gab wenig Widerstand gegen diese Werbewelt damals, und Gegenwehr ist immer anstrengender, als mitzulaufen.

Wo verorten Sie sich da selbst? Sie galten immer auch als Rebellin.

Naja, ich hatte sicher zwischendurch auch faule Schlafzeiten, aber es ist wohl so, dass mich die 60er-Jahre geprägt haben, obwohl ich sie politisch als damals sehr junger Mensch gar nicht einordnen konnte. Aber sie haben mir eine Richtung gewiesen. Die einen nennen es Rebellion, die anderen Stärke, aber ich weiß es nicht. Bei manchem musste ich dagegenhalten, weil ich absolut davon überzeugt war, und manchmal hat man um der Rebellion willen rebelliert. Es hatte etwas mit Kräftemessen zu tun. Hauptsache, die Federn waren so weit aufgeplustert, dass alle Angst bekamen.

Kommen wir in die Gegenwart zurück. Können Sie im Moment Filme drehen?

Ich war bis gerade noch in den Dreharbeiten mit dem Regisseur Ruben Östlund, dem Gewinner der Goldenen Palme in Cannes 2017. Wir haben in Schweden angefangen zu drehen, weil es da keinen Lockdown gab, es sollte dann in Griechenland weitergehen, aber die Arbeit verzögert sich von Monat zu Monat. Wir kriegen keine Drehgenehmigung. Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht. Ich gehe jetzt wegen eines anderen Filmdrehs, der in Köln stattfindet, eine Woche in Hausquarantäne und muss mich jeden zweiten Tag testen lassen. Während der Dreharbeiten sollte ich Köln nicht verlassen, ich muss außerhalb der Arbeit möglichst im Hotel bleiben, und wir werden alle jeden zweiten Tag getestet. Wenn man überhaupt dreht, dann unter extrem hohen Auflagen. Gegen Corona kann man nicht versichern, das ist zu teuer. Wenn sich auch nur ein Lockdown in der Nähe abzeichnet, ist es vorbei. Die meisten Produktionsfirmen können unter diesen Umständen nicht drehen. Unsere Branche steht still.

Haben Sie Angst, dass die Kultur verschwindet?

Kultur war immer das, woran zuerst gespart wurde. Davor muss man Angst haben. Bei all den unendlich auch wirtschaftlich zerstörerischen Ausmaßen der Pandemie. Kultur ist kein Luxussegment. Kultur ist Alltag, Kultur hält uns zusammen.