Ein tiefer dunkler Wald, ein dampfendes Atomkraftwerk, eine deutsche Kleinstadt im nebligen Herbst – der Start der ersten deutschen Netflix-Serie passt gut in die Jahreszeit. Die Handlung spielt in naher Zukunft, im Herbst 2019.

Der 17-jährige Jonas (Louis Hofmann) erwacht aus einem Albtraum. Doch dass sich sein Vater, ein Maler, vor einigen Monaten erhängt hat, bleibt bittere Realität. Zuvor hatte der Mann einen Brief hinterlassen, zu öffnen erst am 4. November 2019, dem Tag, an dem Jonas in seine Schule zurückkehrt.

Das ist der Tag, der die Kleinstadt Winden aufs Neue erschüttert. Nachdem schon vor knapp zwei Wochen ein Junge spurlos verschwunden war, wird nun auch der kleine Mikkel vermisst, der mit älteren Jugendlichen nachts zu einer Höhle gelaufen war, direkt neben dem Atomkraftwerk.

In einem ewigen Kreislauf verbunden

Eine typisch deutsche Krimiserie darf man von Jantje Friese (Buch) und Baran bo Odar (Regie) nicht erwarten. Das Duo war den Netflix-Bossen mit dem Hacker-Thriller „Who Am I“ aufgefallen. Doch Friese und Odar bauten nicht, wie gewünscht, den Film zur Serie aus, sondern überzeugten Netflix von einem neuen Projekt, das in Deutschland wenig Vorbilder hat – einem Mystery-Thriller, der mit den Zeitebenen spielt.

Dazu bemüht die Serie sogar Albert Einstein, eröffnet mit seinem Zitat, die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei nur eine Illusion, Gestern, Morgen und heute seien in einem ewigen Kreislauf miteinander verbunden.

Motto zur Serie

Deshalb springt „Dark“ immer 33 Jahre zurück. Die Höhle neben dem Atomkraftwerk scheint ein Zeittunnel ins Jahr 1986 zu sein, dem Jahr der Tschernobyl-Katastrophe. Das Jahr ist ohnehin sehr beliebt. Auch die Fortsetzung der Spionage-Serie „Deutschland 83“, weltweit gefeiert, auf RTL gefloppt und nun von Amazon weitergeführt, reist in dieses Jahr.

„Dark“ spielt nicht nur nostalgisch mit dem Zauberwürfel oder dem neuen „Raider“-Snack, sondern lässt die deutschen Ängste vor Strahlung und Atomkrieg anklingen. Da wird selbst Nenas Hit „Irgendwie irgendwo irgendwann“ als Folterinstrument eingesetzt. Zeilen wie „Im Sturz durch Zeit und Raum, erwacht aus einem Traum. Nur ein kurzer Augenblick, dann kehrt die Nacht zurück“ erscheinen wie ein Motto zur Serie.

Immer wieder Schockmomente

Der auffälligste Akteur den ersten drei Folgen (mehr waren vorab nicht zu sehen) stammt aber nicht aus der Reihen der zwei Dutzend namhaften Schauspieler, die zumeist kurze Auftritte haben.

So spielt Angela Winkler die Mutter des Erhängten, die seinen Abschiedsbrief öffnen darf, Hermann Beyer einen verwirrten Alten, der stur erklärt: „Es wird wieder passieren!“ Mehr Zeit bekommen Jördis Triebel als Schuldirektorin und Mutter des verschwundenen Mikkel und Oliver Masucci als Vater, der auf seiner Suche verzweifelt in die Höhle einsteigt.

Stärker als die Darsteller prägt Filmkomponist Ben Frost die Atmosphäre der Düster-Serie. Der auf Island lebende Australier, kürzlich im Berliner Funkhaus live zu erleben, sorgt mit seinem Mix aus fies dräuenden Minimal-Elektro-Klängen, blechernem Scheppern und jäh einsetzenden Black-Metal-Brechern immer wieder für Schockmomente.

Fans im Ausland finden

Wie einfallsreich „Dark“ die „German Angst“, Albert Einstein und Nena in die mystisch-mysteriöse Zeitreiserei einbindet, das spricht nicht nur die Fans des Genres an. Zugleich wirkt die Serie spezifisch deutsch, setzt sich von amerikanischen Vorbildern ab – und könnte genau deshalb auch Fans im Ausland finden.

Zehn Folgen von 45 bis 50 Minuten, Start auf Netflix am 1. Dezember.