November 1970: Miss Grenada Jennifer Hosten (Mitte) wird zur Miss World gekrönt.
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Berlin/LondonDie Miss-World-Wahl 1970 in London war in mehrerer Hinsicht kein gewöhnlicher Schönheitswettbewerb, wie der an diesem Donnerstag startende Kinofilm „Die Misswahl“ zeigt. Nicht nur gewann damals mit Jennifer Hosten zum ersten Mal überhaupt eine schwarze Kandidatin. Die Veranstaltung wurde auch zum Schauplatz einer Protestaktion feministischer Aktivistinnen. Wir trafen Hosten, die 1947 in Grenada zur Welt kam, inzwischen in Kanada lebt und im Film von Gugu Mbatha-Raw („The Morning Show“) verkörpert wird, in London zum Interview, um die Ereignisse von vor 50 Jahren noch einmal zu rekapitulieren.

Berliner Zeitung: Miss Hosten, Sie wurden 1970 überraschend als erste schwarze Frau zur Miss World gewählt. Mit welchen Erwartungen sind Sie damals zum Wettbewerb nach London gereist?

Jennifer Hosten: Nicht mit sonderlich vielen. Ich war keine Miss, die schon ihr halbes Leben lang an Schönheitswettbewerben teilgenommen hatte, sondern schlicht ausgewählt worden, meine Heimat Grenada zu vertreten. Erfahrungen hatte ich also keine, aber natürlich war es mir eine Ehre. Und ich wollte unbedingt mein Bestes geben, das entspricht bis heute meiner Persönlichkeit: Wenn ich eine Sache mache, dann so gut wie irgend möglich. Die Herausforderungen, vor denen ich speziell als schwarze Frau stand, weckten meinen Ehrgeiz erst recht.

Welche zum Beispiel?

Es war gleich ganz offensichtlich, dass die Medien in London kein Interesse daran hatten, nicht-weiße Kandidatinnen wie mich überhaupt zu fotografieren. Die Veranstalter mussten sich richtig was einfallen lassen, damit wir überhaupt beachtet wurden. Aber ich sah das nicht bloß als Schwierigkeit, sondern auch als Chance. Euch zeige ich’s, dachte ich mir! Was mir dann ja auch gelungen ist. Und nebenbei habe ich, was ich durchaus auch als meine Aufgabe verstand, die Werbetrommel für Grenada gerührt. Den Staat hatte damals ja wirklich kaum jemand auf dem Schirm. Ständig dachte jemand, ich komme aus der spanischen Stadt Granada.

So sieht sie heute aus: Jennifer Hosten (l.) mit Gugu Mbatha-Raw, die sie im Film „Die Misswahl“ verkörpert.
Foto: eOne/Joanne Davidson

Ausgerechnet an Ihrem großen Abend stürmten dann feministische Aktivistinnen auf die Bühne und sprengten fast die ganze Show. Wie haben Sie diesen Moment damals erlebt?

Wir Kandidatinnen waren da gerade backstage, wir konnten nur hören, was passierte. Oder ein bisschen durch den Vorhang spähen. Die Proteste draußen vor der Tür waren uns natürlich nicht entgangen, deswegen war uns klar, dass das die gleichen Leute waren. Wütend war ich nicht, eher neugierig. Und hoffte schon, dass der Wettbewerb trotzdem weitergehen würde.

Konnten Sie mit der Frauenbewegung etwas anfangen? Leuchtete Ihnen ein, wogegen da protestiert wurde?

Natürlich waren mir diese Themen nicht fremd. Dass die Miss-World-Wahl und letztlich unsere Gesellschaft generell damals eher frauenfeindlich waren, das war nicht an mir vorübergegangen. Genauso wenig wie die sexistischen Witze des Moderators Bob Hope. Dagegen anzukämpfen, war auf jeden Fall richtig. Und die Aktivistinnen bewegten auch etwas, sehr unmittelbar. Schon als ich als Siegerin mit Bob Hope in Vietnam und Korea auftrat, wurde immer dafür gesorgt, dass ich die Gelegenheit bekam, auf seine Sprüche auch zu antworten. Das war ein echter Fortschritt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass an einem Wettbewerb wie Miss World nicht alles schlecht war. Kleine Länder wie eben Grenada bekamen durch die Show eine Möglichkeit, sich der Welt vorzustellen. Und gerade für schwarze Frauen wie mich oder die Zweitplatzierte aus Südafrika war das eine bemerkenswerte Gelegenheit, gesehen und wahrgenommen zu werden.

„Sexistische Witze“: Hosten und Bob Hope.
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Vergangenes Jahr waren sowohl Miss World als auch Miss Universe schwarze Frauen ...

... und Miss America und Miss Teen America. Das gab es noch nie. Und das hat bis heute Symbolkraft.

Wobei man schon sagen muss, dass solche Schönheitswettbewerbe heute keine echte Relevanz mehr haben, oder?

Man kann die Bedeutung, die solche Shows damals hatten, nicht mit heute vergleichen. Und natürlich verstehe ich es, wenn Menschen sagen, dass das irgendwie altmodisch und etwa im Kontext von #MeToo fragwürdig ist. Glücklicherweise ist viel passiert in den letzten 50 Jahren und für Frauen gibt es heute ganz andere Möglichkeiten als damals. Aber schwarze Frauen haben generell immer noch sehr viel weniger Chancen als weiße. Weswegen ich ja gerade meinte, dass es auch heute noch bedeutsam ist, eine schwarze Frau als Miss World zu sehen.

Als sexistisch empfinden Sie solche Wettbewerbe nicht?

Sagen wir es mal so: Was den Sexismus angeht, sind wir längst nicht so weit gekommen, wie man nach 50 Jahren meinen könnte. Wenn ich mich heute in sozialen Netzwerken umgucke oder Reality-TV à la „Bachelor“ gucke, frage ich mich schon, ob Schönheitswettbewerbe so viel schlimmer sind.

Zur Person

Jennifer Hosten, 72, kam in St. George’s, der Hauptstadt des Inselstaates Grenada in der Karibik zur Welt. Sie studierte in London, wo sie anschließend für den Karibikdienst des BBC-Hörfunks tätig war.

Der Gewinn des Schönheitswettbewerbs 1970 ging in die Geschichte der Miss-Wahlen ein. Bei der BBC gingen zahlreiche Proteste gegen das Ergebnis ein, aber Hosten wurde nach ihrem Sieg in Grenada als Nationalheldin gefeiert.

Von 1978 bis 1981 war Hosten Hochkommissarin ihres Heimatlandes Grenada in Kanada. Danach ging sie zurück an die Universität und machte den Masterabschluss in Politikwissenschaften, bevor sie weiter als Diplomatin arbeitete. 2005 wurde sie Unternehmerin und eröffnete ein Strandhotel in Grenada. Parallel dazu studierte sie Psychologie, inzwischen ist sie als Psychotherapeutin in Ontario tätig. Sie hat zwei Kinder.

Konnten Sie selbst es damals genießen, Miss World und eben auch ein Vorbild zu sein?

Für mich war das ein Job, von dem ich wusste, dass ich ihn ein Jahr auszuüben habe. Vor allem bin ich gereist, um die ganze Welt, mit fünf Koffern, davon einer ausschließlich für meine Schuhe. Immer musste ich gut aussehen, tolle Kleider anhaben, perfekt frisiert und geschminkt sein. Das war schon ein Druck, der auf mir lastete. Ich erinnere mich noch an einen Flug, auf dem mich mein Sitznachbar irritiert darauf hinwies, dass meine künstlichen Wimpern sich lösten. Ich eilte sofort zur Toilette, um schnell wieder makellos auszusehen. Da waren es noch zwei Monate bis zur nächsten Miss-World-Wahl und ich zählte wirklich die Tage, bis ich mir um solche Dinge keine Gedanken mehr würde machen müssen.

Konnten Sie den Titel dann auch direkt ablegen? Oder hat es Sie Ihr Leben lang verfolgt, Miss World gewesen zu sein?

Der Titel hat mir sicherlich Türen geöffnet. Als ich 1978 grenadische Botschafterin in Kanada wurde, wollte mich jeder treffen, nicht nur, weil ich eine der jüngsten Botschafterinnen und die einzige Frau war, sondern sicherlich auch wegen Miss World. Das hat die Menschen fasziniert. Aber es wurden an mich auch höhere Maßstäbe angelegt als an meine männlichen Kollegen. Ich musste mich immer beweisen. Gestört hat mich das nicht, denn es weckte den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Arbeitsmoral wie 1970 beim Wettbewerb in London. Nach dem Motto: Jetzt erst recht! Doch so stolz ich immer auf den Titel war, so wenig wollte ich auf den Status der Schönheitskönigin reduziert werden. Wohl auch deswegen habe ich mir immer neue Herausforderung gesucht, vom Politikstudium über die diplomatische Arbeit bis hin zum Schreiben meiner Autobiografie und der Weiterbildung zur Psychotherapeutin.

Der Trailer zum Film „Die Misswahl“.

Video: YouTube

Wie finden Sie es, dass Ihre Geschichte von damals nun verfilmt wurde?

Interesse daran gab es schon vor zehn Jahren, insofern freue ich mich natürlich sehr, dass es „Die Misswahl“ nun ins Kino geschafft hat – und dass mit Gugu Mbatha-Raw eine tolle Darstellerin meiner Person gefunden wurde.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.