Vorweg eine Warnung. Die Ausstellung ist ziemlich klein. Aber sie hat es in sich. Gerade mal 18 Werke umfasst sie; von den großformatigen Gemälden, in denen Neo Rauch zu erzählerischer Hochform aufläuft, sind immerhin drei zu sehen. Und es ist die erste Soloausstellung seit 2009 in Berlin. Und noch etwas: Die Schau hat sonderbare Öffnungszeiten. Von Donnerstag bis Samstag kommt man nur von 15 bis 17.30 Uhr hinein (sonntags ganztägig), denn vorher und nachher beansprucht der bekannte Koch Tim Raue einen Teil des Ausstellungsraums, des Heizwerks der ehemaligen Bötzow-Brauerei an der Prenzlauer Allee, für sich und sein Restaurant „La Soupe Populaire“. Feinste Küche im rohen Industrieambiente, in dem einst die Heizer schwitzten.

Die gezeigten Werke stammen aus der Sammlung Hans Georg Näder und seiner Kunsthalle in Duderstadt. Näder gehört das weitläufige ehemalige Brauereigelände in Berlin seit 2011. Er ist Chef des international führenden Prothesenherstellers Ottobock aus Duderstadt und Enkel des namensgebenden erfindungsreichen Berliners Otto Bock, der nach dem ersten Weltkrieg unzähligen Kriegsversehrten künstliche Glieder anpasste. Bis 2020 will Näder „auf Bötzow“, wie dort jetzt alle sagen, mit Hilfe des Architekten Chipperfield sukzessive ein Reich aus Forschungsabteilungen, einer Klinik für Neurorehabilitation, einem Schwimmbad, Hotels und so weiter machen. Vorreiter ist wieder mal die Kunst.

Ein Konglomerat aus Mode, Zeiten, Tier, Mensch, Traum und Wirklichkeit

Beim Vorreiten ist sie aber mit Neo Rauch an den Falschen geraten. Der Mann ist ein großer Bremser, ein Rückwärtsgewandter, der die Augen dafür öffnet, was wir an visuellen Vorräten mit uns herumschleppen. Auf seinen Bildern, so fremd sie scheinen, ist alles auf gespenstische Weise vertraut. Unheimliche Heimat, fernes Daheim.

Das beginnt mit den Architekturen, die seinen Werken Raum geben nach Art von Bühnenbildern. Trafohäuschen, kleine Fabriken mit Schloten, Siedlungshäuser aus den dreißiger Jahren, Scheunen, Lagerhallen bilden das allerschlichteste Grundinventar deutscher Provenienz. Bevölkert wird es durch seltsame, ebenso deutsche Gestalten, wie entnommen aus einer illustrierten Typologie von Volkscharakteren, die unter der Hand mutiert und zu Sonderlingen geworden sind.

„Die Fuhre“ zum Beispiel aus dem Jahr 2013: Ein Teufel in Kniebundhosen, dem die Hörner nicht aus dem Kopf, sondern aus den Mundwinkeln wachsen, bekommt mit einer Schubkarre frische, blutige Knochen geliefert. Mit einer Mistgabel macht er sich schon einmal an die Arbeit. Aber zu welchem Zweck? Seine androgyne Partnerin, die Hörner am rechten Fleck trägt eine übergroße Decke wie ein Pferd – eine Haltung, die ihre sprichwörtlichen Pferdefüße konsequent weiterführt. Der gebückte Knecht, der die Knochen ankarrt, – ein halber Knecht, um genau zu sein, denn sieht er nicht aus wie ein Intellektueller aus den Dreißiger Jahren? – trägt an den Füßen Chucks der Marke Converse, wie sie zahllos auf Berliner Straßen zu sehen sind.

So mischen sich in Neo Rauchs Bildern die Moden und Zeiten, mischen sich Tier und Mensch, Traum und Wirklichkeit. Der Baum trägt als Wipfel einen ganzen Wald, während ein monströses Karussell im Hintergrund die Kleinstadt wie ein Raumschiff überragt, halb Sowjet-, halb Christbaumstern auf seiner Spitze tragend.

Zitierte Gebärden aus der Kunstgeschichte allerorten

Neo Rauchs Rätselbilder sind bevölkert von Anglern, Bauern, Arbeitern, Pilzesammlern, Malern, Sängern, Baumeistern, Ingenieuren. Sie alle gehen wie schlafwandelnd einer Arbeit nach, und sei es der des Hinrichtens. Dabei wirken die Szenen erstarrt, wie eingefroren, als wäre ein Film gerissen. Wenn die Gestalten nicht so entrückt wirkten, die Farben nicht so zurückhaltend, die Figuren nicht so inbildhaft wären, müsste es hier überaus dramatisch zugehen. So aber wirken Rauchs Gestalten wie in einen „Schlaf der Welt“ gefallen, der das Personal der Geschichte neu gemischt und in rätselhafte, komatöse Konstellationen versetzt hat.

Überall entdeckt man zitierte Gebärden aus der Kunstgeschichte wieder. Das Grübeln des Engels aus Dürers „Melancholia“ kehrt in einer bemützten Gestalt mit Hasenohren wieder, die über einer Spielkartenpyramide sinniert. Genauso vergeblich wie der Betrachter über den Sinn dieser nur vom Gestus her noch allegorischen Bilder grübelt.

Noch immer haben die einzelnen Elemente formal etwas Propagandistisches, entlehnt einer altmodischen Werbegrafik, einer ausrangierten Agitpropkunst und inzwischen erweitert um die politische Bilderwelt aus Vormärz und Biedermeier. Es sind Versatzstücke einer Geschichte, die sich zu keiner Geschichte mehr runden will. Formal treten die Bilder auf, als steckten sie voller Bedeutung und entziehen sich doch jeder Suche nach Sinn. Es geht dem Sinn wie den Knochen im obigen Bild. Er wird angekarrt und gleich wieder weggeschaufelt. Echt teuflisch.

Atelierhaus auf Bötzow, Prenzlauer Allee 242. 11. September - 15. März. Do bis Sa 15 -17.30 Uhr, So 11 -18 Uhr