Hamburg - In Amerika, wo Thomas Roth gerade herkommt, gälte er mit seinen 61 Jahren als Jungspund unter den Anchormen, den Präsentatoren großer Magazinsendungen. Hier dagegen musste er sich am Donnerstag in Hamburg die Frage gefallen lassen, ob er nicht fände, dass er ein Mann vergangener Zeiten sei und ob Ingo Zamperoni nicht die bessere Wahl gewesen wäre für Tom Buhrows Nachfolge bei den „Tagesthemen“.

Thomas Roth antwortete sinngemäß, Zamperoni, der ihn und Caren Miosga auch in Zukunft vertreten (und ihm altersbedingt in drei Jahren und vier Monaten womöglich folgen) wird, sei ein prima Moderator. Trotzdem glaubte er sich rechtfertigen zu müssen, zwar noch mit 16-Millimeter-Filmen gelernt, aber offen für technische Neuerungen und die digitalen Medien zu sein.

Im Wohnzimmer zu Gast

Immerhin musste er sich nicht für seine jahrzehntelange Erfahrung als Journalist und Auslandskorrespondent der ARD entschuldigen. Sie wird nämlich maßgeblich sein, wenn der Zuschauer den neuen Moderator der „Tagesthemen“ schnell zu schätzen lernt. Die Sendung lebt von der Einordnung des Tagesgeschehens, auch von der durch ihren Moderator. Wissen und Erfahrung sollten da nicht schaden.

Am kommenden Montag wird Roth die „Tagesthemen“ zum ersten Mal präsentieren, und, nein, sagte er, er wisse noch nicht, mit welchem Standardsatz er sich von den Zuschauern verabschieden wird. Sicherlich werde er ihnen nicht wie sein Vor-Vorgänger Ulrich Wickert „eine geruhsame Nacht“ wünschen. Ausgestrahlt wird die Sendung nämlich in der Halbzeitpause eines Fußballspiels des FC Bayern. Sie wird mit sieben Minuten sehr kurz sein.

Viel Zeit, ein Exempel für die künftige, ihm eigene Note zu liefern, ist also nicht. Aber, um in der Fußballsprache zu bleiben: In den ersten Tagen als Moderator der „Tagesthemen“ dürfe es ohnehin nicht darum gehen, „mit einem Fallrückzieher“ zu glänzen, sagte der heutige WDR-Intendant Tom Buhrow damals vor seiner ersten Sendung. Der Fernsehzuschauer möge nämlich nicht, wenn sich der Neue im Wohnzimmer auffällig verhält. Buhrow bezog sich damit auf Ernst Huberty, der nachwachsende Journalisten gern daran erinnerte, dass sie in Wahrheit nicht im Studio, sondern im Wohnzimmer der Zuschauer moderierten.

Thomas Roth ist ein Mann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, einem System, das er als jemand, der das Fernsehen anderer Länder kennt, zu schätzen gelernt und als „große kulturelle Errungenschaft“ und „Konsens in dieser Gesellschaft“ für erhaltenswert hält. Er habe das gerade wieder festgestellt, als er am Abend nach seiner Rückkehr aus New York den Film „George“ gesehen hat. So etwas in einem frei zugänglichen Programm zu sehen „ist sehr wohltuend“, sagte Roth.

Und so überrascht auch nicht seine traditionelle Haltung, wenn es um Politikberichterstattung geht. „Die Zuschauer wollen Inhalte“, das sei der Grund für die Popularität der „Tagesthemen“ mit ihrer auf nunmehr 2,56 Millionen Zuschauer gestiegenen Reichweite. Politik mit Unterhaltung zu verwässern, wie es insbesondere die Privaten gerade jetzt in ihrer Wahlkampfberichterstattung tun, lehnt er folgerichtig ab. Er selbst wird am Abend der Bundestagswahl die „Tagesthemen“ aus Hamburg moderieren, während Caren Miosga mit Ulrich Deppendorf aus Berlin berichten und der 39-jährige Ingo Zamperoni online fürs Erste die Stellung halten wird.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Roth die „Tagesthemen“ moderiert. Damals wurde der „Bericht aus Berlin“ noch freitags gesendet, und Roth war Leiter des ARD-Hauptstadtbüros. Die meiste Zeit seines Berufslebens verbrachte der gebürtige Heilbronner jedoch im Ausland, wobei die Zeit in Südafrika und die insgesamt zehn Jahre in Russland, wohin es ihn gleich mehrfach zog, die prägendsten waren.

Vorbild Hanns Joachim Friedrichs

Die Zuschauer kennen den Mann mit dem inzwischen silbernen Schnauzbart. Mancher mag sich noch an jene Sendung der „Tagesthemen“ erinnern, in der während einer Schalte zu Roth nach Tschetschenien die Bombardierung Grosnys begann und Wickert mit den fürsorglichen Worten „Thomas, machen Sie das Licht aus“ die Schalte abbrach. Roth hat viele solcher historischer Momente erlebt. Und er weiß: Manchmal braucht man „den Mut, nicht perfekt zu sein. Was passiert, muss wichtiger sein“.

Am Ende des Gesprächs in seiner neuen Heimatstadt Hamburg, in der er noch auf Wohnungssuche ist, sagte Thomas Roth, ihn überkomme Demut, nun auf dem Stuhl des legendären Hanns Joachim Friedrichs gelandet zu sein. Friedrichs war es, der 1995, wenige Wochen vor seinem Tod, wünschte, dass Roth der erste Träger des zum Gedenken an sein journalistisches Vermächtnis gegründeten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises werden sollte. Friedrichs hat die „Tagesthemen“ von 1985 bis 1991 moderiert. Roth hat Friedrichs sehr bewundert: „Er war ein Doyen“. Von Montag an tritt Roth in Friedrichs Fußstapfen.