Den Opernkomponisten Jean-Philippe Rameau wiederentdecken? Wir sind dafür! Die Komische Oper hat nach „Hippolyte et Aricie“ ein weiteres Werk des großen französischen Komponisten und Musiktheoretikers, der seine Opernkarriere erst als 50-jähriger begann, auf die Bühne gebracht: „Zoroastre“.

Wir sind dafür – aber ganz offensichtlich ist „Zoroastre“ als solcher gar nicht aufzuführen. Barockopern sind ohnehin keine Muster für das, was man heute als dramaturgische Stringenz gewohnt ist, aber diese Geschichte über zwei verfeindete Zauberer mit klarer Gut/böse-Verteilung war schon dem Publikum von 1750 zu schlicht und zu statisch.

Dandy und Dosenbier

Und so macht der Regisseur Tobias Kratzer in seiner ersten Inszenierung an der Komischen Oper etwas ganz anderes daraus, dessen Zusammenhang mit dem Original-Libretto dem Publikum nicht ganz deutlich wird – nehmen wir einmal an, dass das auch nicht so wichtig ist.

Zwei Häuser, getrennt durch einen Zaun, das eine hell, gepflegt, mit Garten, das andere grau, oll und mit Gastank auf dem betonierten Grund. In dem hellen  wohnt ein Dandy, Zoroastre mit Bibliothek und Designermöbeln, in dem grauen ein Redneck, Abramane, der vor dem Computer hängt und Dosenbier säuft. Abramane hat sich ein  Stück Zaun schicken lassen, mit dem er einen  Rasenfleck auf der Grenze der Grundstücke zu seinem Territorium erklärt.

Mord im Vorgarten

Zoroastre  versetzt den Zaun zu seinen Gunsten. Abramane verbündet sich daraufhin mit einer Blondine im kleinen Schwarzen, Érinice, und beide entführen Zoroastres Freundin Amélite. Zoroastre befreit sie, aber das heizt den Nachbarschaftskonflikt nur weiter an. Am Ende ragt aus Zoroastres Dach eine Haubitze, die auf Abramanes Dach gerichtet ist, und als Abramane versucht, das Rasenstück mit dem benzinbetriebenen Aufsitzmäher zu besetzen, wird er von Zoroastre erschossen. Der anschließende Gesang von Zoroastre und Amélite über den Sieg des Lichtes über das Dunkel vermag angesichts der Leiche nicht völlig zu überzeugen.

Nervtötend simpel

Das erinnert an eine Geschichte von Heinrich Böll über einen zum Atomkrieg eskalierenden Nachbarschaftsstreit, die einem schon in der Schule nervtötend simpel vorkam. Bei Kratzer entsteht durch die Vermischung mit der Barockoper immerhin ein originelles Bühnengeschehen, das zudem fantasievoll inszeniert wird.

Die zunächst quälend banale, allzu oft gesehene Spießer-Denunzierung – mein Rasen, dein Rasen – wird bald als bewusstes Klischee durchsichtig. Die im Libretto statische Aufteilung in Gut und Böse weicht auf – zumal Abramane deutlich schöner singt: Thomas Dolié verfügt über einen runden, warmen Bass, der autoritär auftrumpfen, aber auch zart zurückhaltend klingen kann. Thomas Walker dagegen kämpft als Zoroastre mit der Haute-contre-Tessitura seiner Partie, der spezifisch französischen hohen Tenorlage, die zuweilen forciert, zuweilen gaumig verschluckt klingt und keineswegs so strahlend, wie das Rameau für die Rolle des Guten vorgeschwebt haben mag.

Chorsänger als Ameisen

In der Charakteristik leichter haben es Nadja Mchantaf als zunächst exaltiert und stoßweise artikulierende böse, später auch melodiös leidende Érinice und Katherine Watson als anfangs etwas eng, aber alsbald lieblich lyrische Amélite.

So wird das soziale Vorurteil rasch auf die Probe gestellt – und irgendwann findet man beide schlimm, denn ihr  Hickhack geht zulasten des „großen Krabbelns“: Auf dem umkämpften Rasenstück lebt eine Ameisenkolonie, wie alsbald auf heruntergelassener Leinwand zu sehen. Während auf der Bühne ein Bier entkorkt oder der Rasen gewässert wird, sieht man  in „Großaufnahme“ die Ameisen sich über das Geplätscher oder das vom Himmel gefallene, große Ding namens Kronkorken wundern.

Die Mächtigen zoffen sich

Technisch wurde diese hübsche Idee mit dem Green Screen-Verfahren gelöst: Die Chorsolisten in Ameisenanzügen bewegen sich auf der Hinterbühne und werden gefilmt, mit einem Rasenbild gemischt und live nach vorn übertragen. Im Original streiten sich Zoroastre und Abramane um das Land Baktrien – die Mächtigen zoffen sich, die Kleinen müssen es ertragen.

Was bedeutet das für die Musik? Kratzer und sein Dirigent Christian Curnyn haben wenig gekürzt, die vielen instrumentalen Tanzeinlagen werden zu organischen Aktionsmomenten der Personen – oder der Ameisen.

Der Komischen Oper ist eine überzeugende und unterhaltsame Produktion gelungen

Die Kontraste indes, die Rameau zwischen Gut und Böse angelegt haben mag, werden angesichts der Ambivalenz dieser Kategorie im Bühnengeschehen undeutlich. Curnyn hat dem stilistisch so flexiblen Orchester einen recht französischen Klang verpasst mit leicht fliegenden Oberstimmen und wuchtig knarzenden Bässen, in den Tempi jedoch tendiert er zu Mittelwerten, die Rameaus ingeniöse Verflechtung von Rezitativen und Arien bis zur Unterschiedslosigkeit verschleift.

Insgesamt ist der Komischen Oper eine überzeugende und unterhaltsame Produktion gelungen; man fragt sich nur: Wenn man so viel am Original ändern muss – hätte man dann nicht besser gleich eine andere Oper genommen?