Andreas Montag findet „Glückliche Menschen“ in Prenzlauer Berg und Weißensee

Ein junges Paar geht eine Nacht lang getrennte Wege in dieser Erzählung. Andreas Montag erzählt vom Glanz und Elend der Gentrifizierung.

Andreas Montag
Andreas MontagAndreas Stedtler

Linda und Paul wohnen in Prenzlauer Berg. Beim Spaziergang laufen ihnen die Touristen vor den Kinderwagen: „Wo war sie nochmal, die Mauer?“ Nachdem das Paar den kleinen Sohn in die Obhut der Großeltern gegeben hat, erlebt es in Andreas Montags Erzählung „Glückliche Menschen“ eine Nacht an verschiedenen Orten Berlins. Paul fährt dafür nach Weißensee. Linda steigt nur in den Fahrstuhl. Mit dem Stutzen über die altbackende Formulierung „Linda hatte sich hübsch gemacht“ stellt sich die Erkenntnis ein, wohin sie sich begibt. Sie ist vom Hausbesitzer eingeladen, dem „Mogul“, viele Jahre älter als sie, übrigens auch der Arbeitgeber ihres Mannes.

Paul erwirtschaftet als Hausmeister mietfreies Wohnen für seine Kleinfamilie, sieht sich aber als Musiker. Er ist ein Mann, der wenig redet, besonders wenig mit seinem Vater, einem Machertypen mit Klempnerfirma im Osten: „Gas Wasser Scheiße geht immer, und bei euch sowieso, ihr lebt ja noch in eurer kommunistischen Steinzeit, aber wir werden euch das schon schön machen.“ Und während der Mogul Linda auf der Dachetage farbige Drinks mixt, ihr den Pool vorführt und bald auch seine Pläne für ihre Karriere, hängt Paul in einem noch nicht sanierten Viertel in der Kneipe ab, die „seine Insel“ ist. Paul holt die Gitarre hervor und wird lange nicht mehr aufhören zu spielen und zu singen.

Man kann die Weite sehen und die Kneipe riechen

Das ist alles atmosphärisch treffend eingefangen in diesem schmalen Buch, in wechselnder Perspektive. Die Dialoge fügen sich in den Erzählfluss, ohne dass der Autor sie kennzeichnen müsste. Manch plumpe Formulierung wie „die jungen Partyhirsche mit ihren tätowierten Bräuten“ soll vielleicht Marketing-Blabla über Berlin ironisieren. Ebenso störend wirkt das Coburger Englisch von Pauls Vater – eine „Buhmdaun“ sei Leipzig, „Täkkno“ fällt ihm zu Musik ein. Doch kann man die Weite des Mogul-Appartements genauso spüren wie den Kneipendunst riechen beim Lesen. Montag zeigt das Berlin der Gegensätze, die Gentrifizierung mit ihren Gewinnern und Verlierern. Bei Linda und Paul deutet sich ein Riss in der Beziehung an. Aber wer weiß, in dieser einen Nacht dehnt sich manches ins Unwirkliche. Die beiden könnten noch glücklich werden.

Der Autor, in Halle und Berlin lebend, brachte schon 1986 seinen ersten Roman heraus, veröffentlicht Bücher nur in großen Abständen, weil er als Kulturressortleiter bei der Mitteldeutschen Zeitung arbeitet. Seine Erzählung „Glückliche Menschen“ kann man als Echo auf einen Roman von Hermann Kesten mit demselben Titel lesen, der 1931 erschienen ist und in einer Woche im Berlin des Jahres 1929 spielt. Auch damals stand der gefräßige Kapitalismus der Liebe entgegen.

Andreas Montag: Glückliche Menschen. Erzählung. Quintus, Berlin 2022. 112 Seiten, 20 Euro