Henning May von AnnenMayKantereit auf dem Highfield Festival 2019 am Störmthaler See bei Leipzig.
Foto: Imago/Christian Grube

BerlinPamela Schobeß, die Betreiberin des Berliner Clubs Gretchen, bringt es für ihre Branche auf den Punkt: "Wenn wir ohne weitere Förderung so weitermachen müssen bis Ende August, gibt es im September keine Spielstätten mehr." Zwar hat sie die 15.000 Euro Soforthilfe für ihren Betrieb bekommen, aber das reicht gerade für zweieinhalb Monate reine Miete. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, das staatliche Geld dafür ist noch nicht auf ihrem Konto, sie zahlt die aufgestockten Gehälter gerade auf Grundlage eingegangener Spenden aus. 

Es braucht einen eigenen Rettungsfonds für die Kultur

Sie habe versucht zu stunden, was zu stunden geht, aber: "Stunden verschiebt das Problem ja auch nur. Und wenn wir irgendwann weitermachen dürfen, müssen wir unser Programm umstellen. Niemand weiß, welche ausländischen Gäste kommen können. Und: Clubnächte mit einem Mindestabstand?" Was sagt man dazu? Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sieht sich durch diesen Bericht bestätigt: Es braucht einen eigenen Rettungsfonds für die Kultur. Und zwar dringend.

Die Grünen hatten für den frühen Freitagnachmittag zur Online-Veranstaltung geladen: "Wie übersteht der Kulturbetrieb die Corona-Krise?" Grundl, der selbst aus dem Bereich Popmusik kommt, und die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt hatten neben Pamela Schobeß noch zwei andere Sachverständige hinzugebeten: Henning May, den Sänger der Band AnnenMayKantereit und Stephan Behrmann, den Geschäftsführer des Bundesverbands Freie Darstellende Künste. Es ging also nicht ausschließlich um den Club- und Popbereich, auch wenn aus dem Kreis der etwa 230 stummgeschalteten Teilnehmer des Webinars im Chatbereich immer wieder eingefordert wurde, dass es auch mal um Literatur oder die Bedürfnisse der E-Musik gehen müsse. 

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich spüre ihn schon.

Henning May

Tatsächlich dürfte sich in diesen Wochen unter jedem Dach auch ein spezielles Ach finden. Manche Sorgen aber teilen alle Freischaffenden im Kulturbetrieb, die auf Einnahmen aus Publikumsveranstaltungen angewiesen sind: Die bisherigen Finanzhilfen reichen nicht, wenn sie die Künstler  überhaupt erreichen, das Ende der aktuellen Situation ist offen (der jetzt genannte 31. August ist ja nur ein Mindestdatum), und wenn nicht ganz schnell etwas geschieht, wird, bevor die Zukunft beginnt, der Boden unter ihren Füßen gebröckelt sein. 

Auch Henning May, dessen Band im Januar beim 30- bzw. 40-jährigen Jubiläum von Bündnis 90/Die Grünen im Motorwerk aufgetreten war, sagte: "Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich spüre ihn schon." Kann man, wie geplant, Mitte September ein Konzert vor 80.000 Leuten spielen? Doch wohl kaum. Und kann man das dann irgendwann nachholen? Schwer, sagte er, und da ist man schon bei der Frage, wie sinnvoll eine Gutscheinpflicht wäre, mit der die Bundesregierung hofft, die Veranstalter zu retten. "Es wird einen Riesenstau auf den Nachholplätzen geben, wenn man irgendwann wieder auftreten kann", so May. "Und wenn wir sagen, wir holen das nach und dann holt man es nicht nach, ist es beschissen." 

Deutliche Stimmung gegen die Gutscheinpflicht

Auch Behrmann, Schobeß und vor allem das Publikum im Chat sprachen sich gegen eine Gutscheinpflicht aus. Manche Leute, die Tickets gekauft haben, brauchten das Geld jetzt ja vielleicht selbst, und es gibt auch die Sorge, mit einer Pflicht an dieser Stelle die Bereitschaft zur freiwilligen Solidarität an vielen anderen Stellen zu vergraulen.  Das also gelte es zu verhindern, nimmt Göring-Eckardt als Auftrag mit (wobei wir hier ja bei der Opposition zu Gast waren und die Berliner Regierungsverantwortung der Grünen bei der sofortigen Verbesserung der hiesigen Verhältnisse weder im Gespräch noch im Chat eine Rolle gespielt hat). 

Außerdem wollen die Grünen in der nächsten Woche im Bundestag den Antrag einbringen, dass die Bundeshilfen auch zur Existenzsicherung eingesetzt werden dürfen, also nicht nur für Betriebskosten wie es jetzt der Fall ist, sondern auch für Miete und Essen. Diesbezüglich wurde immer wieder auf das baden-württembergische Modell verwiesen, wo Kulturschaffende durch einen kleinen Verwaltungskniff als Unternehmer angesehen werden und sich aus den Betriebskostenzuschüssen ein Gehalt in Höhe von 1180 Euro auszahlen dürfen.

Erhard Grundl: Strukturhilfe statt Kirchturm-Preise!

Weitere Ideen für die Soforthilfe waren, dass Künstler von der Gema auf zukünftige Ausschüttungen sozusagen Kredit bekommen könnten, oder dass der Applaus-Preis der Bundesregierung für Live-Musikprogramme von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit zehn Millionen Euro bedacht würde, die dann in diesem Jahr gießkannenmäßig verteilt würden. Das müsste, so Grundl, doch wohl ein Kinderspiel für die Staatsministerin sein, die sich ohnehin mal besser um die Strukturen ihrer Branche kümmern sollte, statt immer nur "kirchturmmäßig" Preise zu verleihen.

Karin Göring-Eckardt schluckte bei diesen Worten ihres kulturpolitischen Sprechers sichtbar, sagte aber nur etwas Launiges darauf. Tatsächlich ist eine strukturelle Gestaltung des Kulturbetriebs von Bundesseite in den Ländern aber keineswegs  erwünscht, und die höher dotierten Preise, wie etwa der zweijährlich vergebene Theaterpreis des Bundes, ist nun gerade kein Kirchturm, sondern die Million wird in kleinen Hamsterhaushäppchen mit maximaler föderaler Gerechtigkeit übers Land verteilt. Aber das nur nebenbei.   

Das kann doch nicht so schwer sein!

Pamela Schobeß

Einleuchtend indes erscheint, was in dieser Runde von Monika Grütters als nächstes ganz konkret gefordert wurde: dass sie sich ein Herz fasse, ins Finanzministerium marschiere und die notwendigen Millionen für ihre Klientel locker mache, welche ihr sonst wegschmelzen wird wie der Schnee unterm Heizpilz. "Das kann ja eigentlich nicht so schwer sein", so Pamela Schobeß, die dabei allerdings noch etwas großzügiger bezifferte als Grundl: 23 Millionen Euro für die Clubs täten Not und weitere 23 Millionen Euro für die Festivals, die ja auch alle bereits in Vorleistung gegangen sein. 

Zwei Dinge abschließend noch zu und über Henning May für alle, die (wie ich) "Kinderinnen" (Göring-Eckardt) um sich haben, die in Dauerschleife "Jenny, Jenny Wolkenreiter" singen. Nein, sogar drei Dinge. Erstens wird es trotz Corona und obwohl May "gerne bereit ist, einiges anders zu machen wegen der Krise", keinen neuen Text zu "Ausgehen" von ihm geben („Ich weiß, du musst früh aufstehen/ Würdest du trotzdem mit mir ausgehen?"), obwohl einige Sendeanstalten da schon nachgefragt hätten. Zweitens zeigte er sich erstaunlich schüchtern in der Antwort auf Göring-Eckardts Frage, wie AnnenMayKantereit denn die für Anfang Juli  geplanten Auftritte in St. Petersburg und Moskau handhaben wollten. Von russischer Seite halte man momentan daran fest, so May, und das sei natürlich irgendwie schwierig.

Zum Abschluss Herzenszeilen von Henning May

Und drittens gab er gegen Ende der netten Runde, die unbedingt nach Fortsetzung mit anderen Schwerpunkten verlangt, noch ein paar Zeilen zum Besten, die er geschrieben habe und die ihm, wie er betonte, wirklich sehr am Herzen lägen. Und zwar: "Die Kneipen schließen, die Kinos auch/ die Gelder fließen, die Tränen auch/ woher sie kommen, weiß niemand so genau." Was soll man sagen - in diesem Sinne, wir bleiben dran, Bündnisgrüne, wir bauen auf euch, und fragen Ende nächste Woche dann mal nach.