Christian Thielemann: „Es hätte auch schiefgehen können“

Christian Thielemann dirigiert den „Ring“ in der Berliner Staatsoper. Wir haben mit ihm über Richard Wagner, Mendelssohn und die Abgründe der Musik gesprochen. 

Christian Thielemann
Christian ThielemannJörg Simanowski

Generalprobe an einem Mittwochnachmittag in der Staatsoper. Es ist dunkel im Saal. Mit knappen, präzisen Schlägen führt Christian Thielemann das Orchester durch das Vorspiel von Richard Wagners „Siegfried“. Pauke und Kontrabässe schaffen eine düstere, mystische Stimmung. Als sich der Vorhang zum ersten Akt hebt, gibt es plötzlich Unruhe im Saal: Der Sänger des Mime singt in die falsche Richtung, man hört ihn kaum. „Stopp!“, ruft ein Bühnenarbeiter, die Drehbühne klemmt. Thielemann winkt die Musiker ab, lehnt sich lächelnd zurück, verschränkt die Arme vor dem Körper und wartet, bis das Problem behoben ist.

„Wir müssen noch mal von vorn anfangen!“, ruft jemand von der Bühne in den Orchestergraben. Thielemann bleibt gelassen. Er wirkt sogar zufrieden mit dem Neustart: Die beiden Fagotte intonieren ihre einsamen Septimen noch präziser als zuvor. Auch andere Unterbrechungen bringen ihn nicht aus der Ruhe: Einmal fehlt Siegfried eine Leiter.

Thielemann lockert die Situation mit einem Scherz auf und entscheidet, wie weitergemacht wird. Bei einer Opernaufführung wirken komplexe Gewerke zusammen: Bühnentechnik, Kostüme, Regie, Video, Gesang, Beleuchtung, Instrumente. Alles muss synchron laufen, wie bei einer hochmodernen Industrieproduktion. Der Kapellmeister am Pult entscheidet, ob eine Aufführung das Prädikat „Weltklasse“ erreichen kann.

Intendant Matthias Schulz: „Wir sind Thielemann unendlich dankbar“

Der Probenplan für Wagners „Ring“ an der Staatsoper ist sehr eng. Christian Thielemann ist erst in letzter Sekunde eingesprungen. Daniel Barenboim, Hausherr an der Staatsoper, hat ihn geholt. Barenboim sagt der Berliner Zeitung: „Ich kenne Christian Thielemann seit knapp vierzig Jahren, als er mein Assistent an der Deutschen Oper war. Ich schätze ihn natürlich sehr, nicht nur, aber besonders auch als Wagner-Interpret. Vor dem Sommer hat er erstmals die Staatskapelle dirigiert, das war hervorragend. Als klar wurde, dass ich das Dirigat des Ringes aus gesundheitlichen Gründen abgeben muss, habe ich sofort an Christian gedacht und ihn gleich angerufen. Er und ich haben uns dann abgestimmt und er hält mich auch regelmäßig über die Probenarbeit auf dem Laufenden. Das ist sehr schön. Ich bin mir sicher, der neue Ring wird großartig werden.“

Intendant Matthias Schulz sagt, man sei Thielemann „unendlich dankbar“, dass er den „Ring“ übernommen habe: „Thielemann kennt den gesamten Ring so gut wie seine Westentasche und er treibt das Orchester in jeder Hinsicht an den äußersten Rand – dynamisch, klanglich, die Flexibilität betreffend“. Dadurch entstehe „ein Zustand höchster Konzentration und genau die Sogwirkung, die wir für die letzten Wochen dieses Mammutprojekts gebraucht haben“.

Jörg Simanowski

Thielemann ist seinerseits voller Anerkennung für Barenboim: „Ich hoffe, es ist nicht vermessen zu sagen, dass wir aus einem sehr ähnlichen Holz geschnitzt sind. Wir beide sind uns über Furtwängler einig: Er war der Größte. Er hatte größte Flexibilität ohne jede Effekthascherei. Es war die maximale Freiheit.“ Keiner der alten Dirigenten habe sich eitel in Szene setzen wollen. Stets ging es um Handwerk auf höchstem Niveau. Thielemann: „Ich habe mir auch Bruno Walter angesehen, Mengelberg, Konwitschny. Sie alle können im Fluss etwas verändern. Bei Furtwängler war es natürlich auch dieser Klang, den er hervorgerufen hat.“

Thielemanns Beziehung zu Barenboim begann in Berlin –  wie auch sein Leben und die Karriere: „Ich bin ja mit Barenboim aufgewachsen. Ich habe ihn als Pianist gehört, als er in der Reihe der Konzertdirektion Adler aufgetreten ist“, sagt Thielemann. Dirigieren habe er bei Hans Hilsdorf gelernt: „Der hat gezeigt 4/4, 3/4, 5/4 und die Fermate. Das war's. Aber dann hat er mir beigebracht, wie man einen Klavierauszug spielt. Wann man Töne spielt, die nicht dastehen, und wann man welche weglässt, die dastehen.“ Schließlich habe er Heinrich Hollreiser vorgespielt und musste dazu singen, was er lächerlich fand: „Aber er sagte, ich könne anfangen, so wurde ich Korrepetitor an der Deutschen Oper.“ Er habe zu Hause gewohnt und Tag und Nacht geprobt: „Und dann dirigierte Daniel Barenboim an der Deutschen Oper den Tristan und ich habe Klavier für ihn gespielt. Er fand gut, wie ich gespielt habe. Es hätte auch schiefgehen können.“

Der Auftritt an der Staatsoper und das Debüt mit der Staatskapelle haben für Thielemann eine besondere Bedeutung. In einer Probenpause sitzen wir in einem Konferenzraum. An den Wänden hängen Schwarzweißportraits aller großen Dirigenten der Staatsoper. Thielemann deutet auf eines: „Wenn ich hier den Blech (Leo Blech, deutscher Dirigent 1871-1958, Anm. d. Red.) sehe! Und all die anderen. Das ist doch eine unglaubliche Tradition!“

Thielemann war von 1997 bis 2004 Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper an der Bismarckstraße. Als er mehr Geld für seine Musiker forderte und ein Ultimatum stellte, ließ ihn die Kulturpolitik ziehen. Thielemann sagt heute: „Als ich an der Deutschen Oper war, da gab es diese, ich sag mal, Opernverteilungsdiskussion. Da waren alle Beteiligten überfordert.“ Damals wurde diskutiert, Häuser zu schließen oder zusammenzulegen. Thielemann verließ seine Heimatstadt, wurde Chef in München, Bayreuth und zuletzt Chef der Staatskapelle in Dresden. Die sächsische Kulturpolitik verlängerte seinen Vertrag nicht. Auch seine Ära als Chef in Bayreuth ging im Sommer zu Ende. Seither kann Thielemann den Luxus genießen zu dirigieren, wo er will. Er ist unbestritten einer der weltbesten Dirigenten für das deutsche romantische Repertoire.

Zu einer möglichen Nachfolge von Barenboim an der Staatsoper hält er sich bedeckt. Er sagt: „Das Leben spielt ja komische Dinge mit einem. Ich plane meine Karriere nicht. Man kann es nicht planen.“ Das klingt glaubwürdig und ist dennoch wohl auch der einen oder anderen Enttäuschung geschuldet. Viele sahen ihn nach dem Abgang von Simon Rattle als neuen Chef der Berliner Philharmoniker. Er wurde es nicht.

Berlin bedeutet ihm mehr als andere Städte: „Eine Wiedervereinigung gibt es ja nicht alle Tage. Ich kann mich noch genau an meine Schulzeit erinnern, da bin ich immer aus Schlachtensee nach Ost-Berlin in die Konzerte gefahren. Ich musste jedes Mal einen Passierschein nehmen, um Adam, Peter Schreier oder Suitner zu hören. Ich rieche noch den Geruch vom Bahnhof Friedrichstraße. Ich habe mit dem umgetauschten Geld im Kunstsalon Unter den Linden Noten gekauft. Die habe ich an der Garderobe der Staatsoper abgegeben und bin in die Oper oder ins Konzert gegangen. Und nachts bin ich in die Wannseebahn gestiegen und nach Hause gefahren. Das war schon kribbelig.“

In der Staatsoper spüre man immer noch „die großen Brüche der deutschen Geschichte“. Auch das zeitgenössische Berlin findet er attraktiv, etwa mit Blick auf die in der Nachbarschaft liegende Komische Oper. Am dortigen Kreativ-Star Barrie Kosky gefällt ihm die Lockerheit, das Unkonventionelle: „Der Kosky ist ja auch so ein begabter Mensch!“ Man könne den Sängern ansehen, dass sie sich wohlfühlen. Er habe dies bei der Kosky-Inszenierung der „Meistersinger in Bayreuth“ beobachtet. Thielemann: „Ich habe neulich zu einem der Sänger gesagt: Ihr habt in der Kantine immer so gelacht!“

Thielemann gilt, anders als Kosky, als konservativ und streng. Doch wenn man bei seinen Interpretationen genau hinhört, klingt die Musik nicht altdeutsch-schwer. Sein Wagner ist transparent, leicht, manchmal sogar ironisch. Thielemann, der ganz zu Beginn seiner Ausbildung eigentlich Organist werden wollte, sagt: „Jeder Dienst an Wagner ist ein umfunktionierter Kathedraldienst. Aber man muss auch die nötige Distanz wahren können. Die Dosierung vom Weihrauch ist sehr wichtig. Es ist wie beim Parsifal: Zu viel Weihrauch ist auch schlecht.“ Thielemann bringt einen überraschenden Vergleich: „Ich bin der Auffassung, dass Wagner sehr viel von Felix Mendelssohn übernommen hat. Wenn Sie den Hochzeitsmarsch nehmen (Thielemann singt Mendelssohn) und dann den aus dem Lohengrin (er singt Wagner) – die meisten Leute glauben, das sei aus demselben Stück.“ Das Rheingold sei „in weiten Teilen von Felix, die Figuren, die Transparenz“. Wagners Musik habe viel von „dem Parlando von Mendelssohn“. Dieses Verständnis könnte erklären, warum man die Sänger bei Thielemann gut versteht.

Mit seinem Ansatz betritt der Dirigent Neuland. Er erzählt eine Begebenheit aus der Dresdner Semper-Oper: „Um das Orchester beim Rheingold zu durchsichtigem Spiel anzuhalten, habe ich mal ein T-Shirt getragen mit einem Schattenriss von Mendelssohn. Dann haben mich die Dresdner Musiker gefragt: Ist das Cosima?“

Thielemann möchte Wagner mit einem „gewissen Maß an Eleganz“ machen: „Die Walküren – wie mögen die ausgesehen haben? Sie waren jung und gut gelaunt, haben viel gelacht. Warum müssen wir den Walkürenritt immer wie ein Elefantenballett spielen?“ Vor allem der von vielen als besonders schwer zu hörende „Siegfried“ bekommt bei Thielemann einen anderen Klang: „Siegfried ist eigentlich eine Operette, aber für alle ungeheuerlich schwierig. Auch da ist Mendelssohn deutlich durchzuhören. Der zweite Akt Siegfried gehört zum raffiniertesten, was je geschrieben wurde. Wagner hat das ganz unverschämt bei Felix abgegraben.“ Thielemann ist überzeugt, dass der Perfektionist Wagner den Komponisten Mendelssohn kopiert habe und auf dessen Begabung eifersüchtig war: „Wer mit 17 ein Stück wie den ‚Sommernachtstraum‘ schreibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er Neider hat. Das ist einfach überragend gut, wie es nur weniges gibt. Und das mit 17!“

Jörg Simanowski

Die Frage, wie man es mit dem Menschen und Antisemiten Wagner hält, „wird uns immer beschäftigen“, sagt Thielemann. Wagner habe jedoch seine nationalsozialistischen Bewunderer überlebt, „weil er so unfassbar gut war. Ich halte es mit Igor Levit, der gesagt hat, Wagner ist tot und ich lebe.“

Thielemann glaubt, dass Musik meist einen doppelten Boden hat und dass es einen genius loci gäbe, um die Wahrheit herauszufinden. Er sagt: „Jedes Orchester hat seine eigene Tradition. Wer kann den Walzer so spielen wie die Wiener?“ Als er das Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern gemacht habe, wollten diese am Ende der Probe noch die „Schöne blaue Donau“ spielen. Thielemann erzählt: „Ich habe gesagt, warum denn, ihr habt das doch schon so oft gespielt. Sie haben gesagt: Wir möchten sehen, wie Sie das dirigieren. Und da war auf einmal eine Stimmung im Raum, ich hatte einen Kloß im Hals. Das war kein lustiges Stück, es war plötzlich ein ganz ernsthaftes Stück, so ein ,Es war einmal…‘ Es war unglaublich.“

In den kommenden Tagen wird man beobachten können, wie Thielemann mit dem von Daniel Barenboim perfekt geformten Klangkörper der Staatskapelle umgehen kann. Thielemann sagt: „Die Staatoper ist ein Haus, in das man gern jederzeit wiederkommen will.“ In der Generalprobe des „Siegfried“ macht Thielemann ein einziges Mal eine wirklich lange Pause. Es ist die Stelle, an der der Göttervater fragt: „Weiß du, was Wotan will?“ Als der letzte Akkord verklungen ist, klatscht Thielemann vom Pult aus Beifall für das Orchester. Er hebt den Daumen in Richtung der Blechbläser. Immer wieder schüttelt er den Kopf und lächelt in sich hinein. Später stehen einige junge Orchestermusiker vor der Oper und diskutieren lebhaft über die Probe. Sie sprechen Englisch und Italienisch. Auf der anderen Seite des Platzes, vor der Humboldt-Universität, steht ein russischer Geiger und spielt traurige Melodien. Von einem Tonband läuft die Klavierbegleitung. Lachen klingt vom Hotel de Rome her, wo ein Taxi übermütige Gäste absetzt.