Im Leben unseres Autors begannen die Schwirigkeiten mit dem richtigen Demonstrieren im Jahr 1989. Hier ein Bild vom 4. November 1989 in Berlin. 
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BerlinAuf den Volksmund ist kein Verlass. Opa sagte, es sei einfach, nur herumzumeckern. Haha. „Wie kann man richtig dagegen sein?“, fragte neulich die Überschrift eines Tagesspiegel-Kommentars. Viele Druckzeichen später folgte statt der Antwort ein Ächzen: „Es ist ein Dilemma.“ Die Rede war vom „Sturm auf den Reichstag“ vor elf Tagen, als eine filzköpfige Bachblütentherapeutin aus der Eifel beinahe zur bundesdeutschen Kaiserin Tamara gekrönt worden wäre. Dasselbe Problem wie in der Flüchtlingskrise: Wie lässt sich gegen die Regierung protestieren, ohne dabei in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Synapsenaerosole ebenfalls anwesender Verfassungsfeinde und Dösbaddel infiziert zu werden?

Ich weiß es auch nicht. Viele Demonstranten schienen mir so zu tun, als ob Reichsflaggenträger bloß Kostümmonarchisten wären, die Wilhelm Zwo gewisse Talente bei der sozialverträglichen Seuchenbekämpfung zuschreiben. Nein, das sah nicht gut aus. Deshalb wurden dann ja auch die geschäftsfähigeren Personen unter den Aufzugsteilnehmern heftig gegeißelt.

Ich will jene Leute aber etwas in Schutz nehmen. Die ihnen nahegelegten Alternativen überzeugen mich nicht ganz. Am Hauptvorwurf, sich nicht hinreichend abgegrenzt zu haben, ist zwar einiges dran. Doch er trifft zuerst die Veranstalter. Denen sei indes zugestanden, dass die Produktion machtvoller Proteste schwieriger wird, wenn man vorher Sympathisantenkreise einschränkt und sich bei Manifestationen mit binnenhygienischen Kontroversen beschäftigt. Außerdem hieß es, dass es sich nicht gehöre, in der Nähe von Extremisten zu demonstrieren. Man möge dann eben einfach nicht hingehen oder, wenn schon, die Kundgebung umgehend verlassen. Ja. Obwohl: Solche Maßgaben tendieren dazu, Meinungen kaum sagbar zu machen, wenn Unholde sie teilen. Es ist ein Dilemma.

Das kommt in den besten Familien vor. Von ihren Erzfeinden wird Claudia Roth gern nachgetragen, dass sie mal einer „bunt statt braun“-Prozession voranschritt, aus der auch Garstigkeiten wie „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ zu vernehmen waren. Die Bundestagsvizepräsidentin konterte, dass es dann umso wichtiger sei, „nicht wegzulaufen, sondern den demokratischen Kern der Demo aufrechtzuerhalten.“ Der Berliner Innensenator Andreas Geisel erklärte, dass er „als Demokrat auf die Straße gehe“, selbst „wenn auch Extremisten die Möglichkeit nutzen, dort ihre Meinung zu sagen“. Tja. Darauf berufen sich nun Corona-Protestler. Am Ende geht es wohl um Initiative und Dominanz: Was ist der Demo-Kern? Wer ruft auf? Wozu? Wer läuft? Wer läuft mit?

In meiner Jugend war es jedenfalls leicht, richtig zu demonstrieren. Nur eben nicht dagegen. „Unsere Menschen“ liefen an den führenden Genossen vorbei, und denen war es ein Wohlgefallen. Im Herbst 1989 wurde das komplizierter. Regisseur Leander Haußmann erinnerte sich jüngst, dass auch er „Wir sind das Volk“  gerufen habe, „obwohl ich nicht unbedingt mit jedem der mitlaufenden Gesellen in einem Atemzug genannt werden möchte. Das waren sicher nicht alles lupenreine Demokraten“. Die damals noch Regierenden wiederum ließen ihr Volk über die Presse wissen, dass es „unter falscher Flagge und im Gefolge der falschen Leute“ protestiere. Drollig, doch in verdrehter Weise stimmte das sogar: Systemverbesserer waren neben Staatsfeinden auf der Straße. Allerdings wurde daraus dann ja auch eine Art Revolution.