Vanessa Mai tritt in der von Stefan Raab erfundenen ESC-Ersatzshow „Free European Song Contest“ an. 
Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

AmsterdamEs ist Mai und es wird über Feiertage diskutiert und über solche, die es mal werden wollen. Dass man beim Feiern eigentlich nur Berlinerinnen vertrauen kann, wurde mir deutlich, als alle norddeutschen Bundesländer seit letztem Jahr in Luthers oller Reformation großes Partypotenzial sahen. Unterdessen feiert Berlin am 8. März lieber die internationalen Frauen, was ich als Atheist und Feminist ein wesentlich überzeugenderes Line-Up finde. Dass Berlin den diesjährigen Befreiungstag am 8. Mai zum Feiertag erklärt hat, kann ich als Demokrat und Antifaschist ebenfalls nur unterstützen. In den Niederlanden, wo ich wohne, wird der Feiertag drei Tage früher begangen, und die ausgelassenen Partys in den ersten Sonnenstrahlen im Mai kann ich den Berlinern nur empfehlen.

Ich will auch kurz lobend erwähnen, wie wir als Gesellschaft in stillschweigendem Einvernehmen den 1. April dieses Jahr zu Grabe getragen haben, den außerhalb der Marketingabteilungen irgendwelcher seelenloser Unternehmen eh nie jemand mochte.

Das höchste Fest im Jahr ist für mich allerdings dieser eine Glitzersamstag im Mai, an dem das Finale des Eurovision Song Contests stattfindet. Mein erster Grand Prix Eurovision de la Chanson − so hieß er damals noch −, den ich als Elfjähriger mit meiner Mutter schaute, markierte eine Zeitenwende: Mit dem Sieg der transsexuellen Israelin Dana International wirkte der eigentlich etwas angestaubte Schlagerwettbewerb plötzlich so viel relevanter und progressiver als vieles, was zeitgleich die Charts bevölkerte: Es war das Jahr 1998, als Modern Talking ihr Comeback feierten und Scooter sich über der Frage „How much is the fish?“ den Kopf zerbrach. 

Dem ähnlich tiefsinnigen deutschen ESC-Teilnehmer des Jahres, Guildo Horn, ist es immerhin zu verdanken, dass man sich seit der Jahrtausendwende auch ironisch mit dem Liederwettbewerb beschäftigen konnte. Fortan nehmen deshalb vermehrt auch heterosexuelle Männer an einem zentral aufgebauten Käseigel Platz und probieren den ESC mit einer demonstrativ zur Schau gestellter Abneigung gegenüber allem was glitzert oder gut in Windmaschinen weht, und verschwörungskritischen Kommentaren („Warum darf Israel/Australien/Aserbaidschan teilnehmen, obwohl es nicht in Europa liegt?“) in Misskredit zu bringen. Vergeblich: wahre Fans, die die Liedtexte unzähliger ESC-Beiträge seit 1956 verinnerlicht haben, wissen längst, dass Grenzen höchstens außermusikalische Gültigkeit haben.

Ich bemühe gern den Vergleich zu Fußballeuropameisterschaften, um Hetero-Männern meine Begeisterung für den ESC zu erklären, dabei ist er sogar noch besser: Während es beim Fußball „gegen die Holländer“ oder „gegen die Italiener“ geht und sich diese Gegnerschaft an Kneipentheken schnell zu einem Krieg der Dummbatzparolen radikalisiert, werden beim ESC verschieden große Eimer mit Liebe über den anderen Ländern ausgekippt. Mehrfache „twelve points“ darf ein Land durchaus als einen pan-europäischen Heiratsantrag auffassen, während man sich als deutscher ESC-Fan aber auch schon über kleine Gesten der Zuneigung freut. So verdanken wir es nur einigen offenbar schwerhörigen dänischen, irischen, schweizerischen und litauischen Jurymitgliedern, dass die deutsche Nörgelnummer Sister des nicht-blutsverwandten „Sisters“ im letzten Jahr doch noch einen unverdienten vorletzten Platz erklomm.

Kurz nachdem der Niederländer Duncan Laurence im letzten Mai den ESC und das Austragungsrecht im Folgejahr für sein Land gewann, nahm ich einen Verlagsjob in dessen Hauptstadt Amsterdam an und freute mich auf eine quasi-religiöse ESC-Erfahrung: In Rotterdam würde ich inmitten Tausender Pilger der Popmusik feierlich Conchita Himmelfahrt zelebrieren, heute Abend den heiligen Schlager-Schabbat begehen, um mich morgen einer kollektiven Eurovision-Euphorie hinzugeben. Doch dazu kam es nicht: Europas schönstes Ritual wurde abgesagt. Dabei hätten wir wohl alle ein paar Eimer Liebe gut gebrauchen können.