Peinlicher konnte es nun wirklich nicht enden. Die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) hat nach langer Debatte beschlossen, den Theodor-Eschenburg-Preis für das Lebenswerk eines Politologen einfach abzuschaffen. Als Grund fällt ihr dazu nicht mehr ein als: „Unbestritten sind die Verdienste Theodor Eschenburgs um den Aufbau der bundesdeutschen Politikwissenschaft; umstritten ist seine Rolle während der NS-Zeit und sein späterer Umgang damit.“

Wie bitte? Diese Erkenntnis haben die Politikwissenschaftler nun brandaktuell gewonnen? Donnerwetter. Na, vielleicht liegt es daran, dass sie keine Historiker sind. Offenkundig ist ihnen 2003, als sie den Preis ins Leben riefen, entgangen, dass Eschenburg (1904-1999) schon vor 1945 gelebt hat. Dass er kein Widerstandskämpfer gewesen ist, sondern politisch unauffällig einen Industrieverband geleitet hat und kurzzeitig sogar Mitglied der „Motor-SS“ gewesen ist. All diese Dinge jedoch hatte Eschenburg keineswegs verschwiegen.

Lediglich ein Faktum war bis zu einem Aufsatz von Rainer Eisfeld im Jahr 2011 unbekannt: Eschenburg hat 1938 an einer Arisierung mitgewirkt. Wer sich jedoch die vorhandenen Akten zu dem Vorgang anschaut – und das hat auch Hannah Bethke für ein Gutachten der DVPW getan – kann nur zu dem Schluss kommen, dass Eschenburg bei der Arisierung de facto keine Rolle spielte. Bethke hindert das nicht daran, die „Abschaffung des Preisnamens“ zu empfehlen, denn Eschenburg sei „im weitesten Sinne als Mitläufer des NS-Regimes“ gewesen.

Gewiss hat er sich in der Bundesrepublik nicht ständig mit seiner Biographie auseinandergesetzt. Stattdessen ist er einer der Begründer der Politikwissenschaft geworden, hat mit Hans Rothfels die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ins Leben gerufen und die politischen Debatten bis in die Achtzigerjahre enorm bereichert. Dabei hat er sich als konservativ-liberaler Denker hervorgetan – und durchaus, gelinde gesagt, streitbare Positionen bezogen. Man denke nur an seine Verteidigung des Juristen Hans Globke, dem berüchtigten Kommentator der Nürnberger Rassegesetze und Staatssekretär Adenauers. Gleichzeitig aber hat er linke Nachwuchswissenschaftler wie Ekkehart Krippendorf gefördert. Der ganz normale bundesrepublikanische Wahnsinn jener Jahre, also.

Man kann über Eschenburgs Leben und Werk beherzt und berechtigt streiten. Doch eines ist unbestritten: Es spiegelt die Geschichte der Bundesrepublik und seiner Disziplin. Einen ehrlicheren Namen für ein Lebenswerk eines Politologen kann man sich kaum vorstellen. Und eine piefigere Entscheidung als die des DVPW auch nicht.