Esmé Bianco, 38, war 2011 mit dem Marilyn Manson zusammengezogen, kennengelernt hatte sie den „Schockrocker“ wohl, nachdem sie die Hauptrolle in dessen Musikvideo „I Want To Kill You Like They Do In The Movies“ (2009)  gespielt hatte. Der vorläufige Endpunkt eines gefährlichen Irrtums: Im New York Magazine berichtete die britische Schauspielerin und Burleske-Tänzerin jetzt ausführlich über ihre traumatischen Erlebnisse mit Manson. Nachdem mindestens fünf Frauen, darunter Evan Rachel Wood, ihre Missbrauchserfahrungen öffentlich gemacht haben, erhebt nun also eine weiter Frau schwere Vorwürfe.

Es ist die Geschichte einer Enttäuschung. Manson sei „ein Vorbild gewesen, das mir wirklich durch eine unfassbar düstere und schwere Zeit half, als ich Teenager war“, erzählt Bianco, und habe sich zu einem „Monster“ entwickelt, das sie und „so viele andere Frauen“ beinahe zerstörte. Bianco will schon als 16-Jährige ein großer Fan von Manson gewesen sein und nach der Selbsttötung einer Freundin von dessen düsterer Musik fasziniert gewesen sein. Was die Schauspielerin, die vor allem durch die Filmreihe „Game of Thrones“ bekannt wurde, besonders aufbringt: Manson habe seine düster-gewalttätigen Fantasien ganz offen ausgelebt.

Wenn Mansons Management stets behaupte, dass alles nur Show und „Kunst“ gewesen sei, so stimme das nicht. Bianco nennt ein drastisches Beispiel: 2019 hatte sie auf ihrem Instagram-Account ein Foto von ihrem nackten Rücken gepostet, der von Schwielen und Wunden überzogen war. Dazu schrieb sie: „Das ist wirklich mein Rücken. Ich wurde im Namen von ‚Kunst‘ ausgepeitscht und gefilmt. Obwohl seither viele Jahre vergangen sind, leide ich bis heute unter Albträumen und posttraumatischen Stresssyndrom.“ Den Namen des Mannes, der sie misshandelt hatte, nannte sie damals noch nicht …

Mit Kabelbindern und Peitsche gequält

Der Mann war offenbar Manson. Er habe sie damals angerufen, so erzählt Bianco und nach eigenen Worten ein „Opfer“ für ein SM-Musikvideo gesucht. Sie sei dann zu „Dreharbeiten“ nach Los Angeles eingeladen worden, Manson habe ihr das Flugticket von London gezahlt und soll sie dann unter Kokain-Einfluss schwer misshandelt haben. Bianco berichtet, dass sie drei Tage in Unterwäsche ausharren musste und von dem Musiker mit Kabelbindern, einer Peitsche und einem elektrischen Sexspielzeug gequält wurde. Dennoch setzte Bianco ihre Beziehung zu Manson fort, wenn auch nur sporadisch und auf Distanz.

Und dann zog sie doch bei ihm ein. Bianco spart nicht mit weiteren Details: „Er hat mich ohne Einwilligung beim Sex gebissen, mich einmal mit einem Messer geschnitten und dann ein Foto meiner Wunden an seinen damaligen Assistenten verschickt.“ Sie habe sich wie eine Gefangene, eine Sklavin gefühlt: „Ich wurde nach seinem Gutdünken angefordert und weggeschickt. Auch mit wem ich reden durfte, hat er bestimmt. Ich habe mich im Schrank versteckt, um mit meiner Familie zu telefonieren.“ Sie sei im Juni 2011 aus Mansons Appartement geflohen und habe mit ihm Schluss gemacht, nachdem er mit einer Axt auf sie losgegangen sei.

Doch damit war die Leidensgeschichte noch lange nicht zu Ende. Seitdem ihr Engagement bei „Game of Thrones“ 2014 ausgelaufen war – in der Kultserie spielte sie ausgerechnet die Prostituierte Ros, die mehrfach misshandelt und gefoltert wird –, fiel es Bianco offenbar schwer, beruflich Anschluss zu halten. Sie leidet nach eigenen Angaben unter den Folgen ihrer Missbrauchserfahrungen, hat immer noch Panikattacken, kann nachts nicht schlafen und befand sich jahrelang in Therapie. „Ich habe es ja nicht anders verdient und bin selbst schuld“, sagte sie sich demnach immer wieder. 

Erst 2019 fand die Frau wieder neuen Mut: Gemeinsam mit der Kollegin Evan Rachel Wood sorgte sie dafür, das kalifornische Strafgesetz in Fällen von häuslicher Gewalt zu verschärfen. Damals galt eine Verjährungsfrist von drei Jahren. Mit dem „Phoenix Act“, der 2020 in Kraft trat, wurde diese Frist auf fünf Jahre verlängert. Bei den parlamentarischen Beratungen sagte Bianco auch als Betroffene aus und nannte damals wie auch Wood noch nicht den Namen von Manson. Das hat sich nun geändert.

Von Manson selbst gibt es bislang keine weitere Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen ihn. „Natürlich waren meine Kunst und mein Leben lange Zeit Magneten für Kontroversen, aber die jüngsten Behauptungen über mich sind schreckliche Verzerrungen der Realität“, hatte er in der letzten Woche auf Instagram geschrieben. Alle seine intimen Beziehungen seien „immer völlig einvernehmlich“ gewesen.