Deutschland, das Land der Wurstesser, mag das Durchwursteln nicht. Das schöne, sinnliche Wort gilt uns als Synonym für charakterliche Schwäche, für mangelnde Führungsstärke und fatale Entschlusslosigkeit. Politische Kommentatoren beklagen das Durchwursteln, wo immer es geht. Und es geht immer: Seit dem Ende der Basta-Politik wird in Deutschland angeblich nur noch gewurstelt, im Ausland ohnehin. Die Administration der Europäischen Union steht als Hort des Durchwurstelns im Ansehen ganz unten. Selbst Barack Obama wurstelt sich in unseren Augen durch, seitdem es ihm nicht gelungen ist, im Handstreich die armen Tellerwäscher zu Millionären zu machen.

Unbestrittener Champion des Durchwurstelns ist Angela Merkel, die es mit dieser verachteten Strategie geschafft hat, zum dritten Mal in Folge vom Wirtschaftsmagazin Forbes zur mächtigsten Frau der Welt ausgerufen zu werden. Natürlich wurstelt sie sich auch durch Interviews. Im letzten Spiegel zum Beispiel antwortet sie auf die Machtfrage, auf die Frage nämlich, wer in seinem Land mehr zu sagen habe, der chinesische Premier Li Keqiang oder sie: „Wir sprechen bei unseren Begegnungen über die Themen, die für unsere beiden Länder wichtig sind. Natürlich versuche ich, mich dabei in die Lage meines Gesprächspartners hineinzuversetzen, und wenn wir uns gegenübersitzen, erwartet man von uns, dass wir in unseren Ländern auch etwas umsetzen können.“

Besser geht’s nicht. Man sieht geradezu vor sich, wie die Sätze sich würstchengleich winden, wie sich einer nach dem anderen durch die geistige Klemme zwängen, ohne zu reißen, sich dann am Ende zusammentun, um sich ein bisschen dick zu machen und die doofe Frage in den Abgrund schubsen.

Dem Durchwursteln ist mit billiger Verachtung Unrecht getan. Mit bloßem Durchmogeln hat das Durchwursteln nichts zu tun. In den traditionell pragmatisch gestimmten angelsächsischen Kulturen steht das Durchwursteln höher im Kurs. Sein englisches Äquivalent, das „muddling through“ (von muddle, Kuddelmuddel) wurde 1959 von dem Politikwissenschafter Charles E. Lindblom zu einer respektablen Management-Praxis aufgewertet. In seinem Buch „The Science of Muddling Through“ beschrieb Lindblom die komplexe Verzahnung von Entscheidungen in Firmen, die aus der Leitungsperspektive mit strategischer Zurückhaltung zu beobachten sei.

Auch in Deutschland stand das Durchwursteln einmal höher im Kurs, und zwar ausgerechnet in Preußen, beim Militär. Anpassungsfähigkeit an der Spitze und ständige Korrekturbereitschaft verlangte der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz vom Führungspersonal des Heeres. Statt starrer Schlachtkonzepte empfahl er Entscheidungen nach „Lage der Friktionen“, nämlich des kurzfristig zu witternden Kräftegemenges zu treffen. Jede Vorausplanung würde vom „Nebel des Krieges“ binnen Tagen zunichtegemacht. Als schwerste und ehrenwerteste aller militärischen Aufgaben galt ihm die Kunst des geordneten Rückzugs. Das Durchwursteln ist keine Drückebergerei, sondern genau das: eine Kunst, die sich aus dem Willen zum Überleben speist.
Menschen, die lieber mit fliegenden Fahnen untergehen als auszuweichen, gelten dem Durchwurstler als irre Stümper. Vom Leben will er, dass es weitergeht. Fragen nach einem weitergehenden Sinn des Daseins machen ihn ratlos.

Der Spiegel, das vielleicht mächtigste Magazin der Republik, hatte übrigens zwei Ausgaben zuvor „die mächtigste Frau der Welt“ mal wieder Mutti genannt. Das ist eine, die Macht hat, aber sie nicht nutzt. Nicht Heroine, sondern Matrone. Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit warf ihr in dem Essay „Das zweite Biedermeier“ die geistige Lahmlegung der Republik vor. Mit ihrer Konsenspolitik habe sich „Merkel ein Land geschaffen, das sie ein bisschen an ihre erste Heimat erinnern dürfte, die DDR, die Biedermeier in Staatsform war.“ Sogar dafür, dass der bedeutendste Roman, der in ihrer Kanzlerschaft bislang erschien, Uwe Tellkamps „Der Turm“, nur von der DDR handelt, gibt ihr der nebenbei erfolgreich als Romanautor tätige Kurbjuweit die Schuld.

Das Biedermeier, eine Zeitspanne, in der der Fortschritt scheinbar Pause machte, galt späteren Zeiten voller Heldenbedürfnisse als die Schwächelepoche schlechthin. Es blieb erst den letzten zehn Durchwursteljahren vorbehalten, das Biedermeier anders zu sehen und es in der Kulturgeschichte einer grundsätzlichen Neubewertung zu unterziehen. Heute dämmert uns, dass diese kurze Friedenszeit nach dem Wiener Kongress mit ihren Retromoden und ihren neuen Werten wie Maßhalten und Bescheidenheit, in Wahrheit einer der fruchtbarsten Epochen der deutschen Geschichte gewesen ist. Kein Hegel ohne Biedermeier. Geistesverwandt mit der deutschen Gegenwart ist das Biedermeier durch seinen Pragmatismus, die Entpolitisierung der Konflikte, das Misstrauen gegen großspurige Gesellschaftsentwürfe und die kulturelle Vorliebe für Taugenichtse. Es war eine große Zeit des Durchwurstelns.

Auch die heutige deutsche Zeitstimmung ist davon geprägt, dass man als größten Wunsch für die Zukunft formuliert, es möge im Großen und Ganzen so bleiben, wie es ist – ein Ziel, das angesichts des europäischen Desasters um uns herum schon geradezu verwegen erscheint.

Dass Angela Merkel kein darüber hinaus gehendes Konzept für Deutschland formulieren kann, hat sie zu ihrem Erfolgsrezept gemacht. Sie hat kein Programm, außer dem, dass es weitergehen soll. Wie genau, überlässt sie dem Geschiebe der komplexen Interessenlagen, durch die sie sich zu wursteln hat. Ihre permanente Lernbereitschaft ist sprichwörtlich, das bisweilen fast schalkhafte Hakenschlagen ihrer Argumentation rührt auch daher, dass sie davon überzeugt ist, dass sich an der Spitze einer Organisation nicht automatisch auch die größte Intelligenz versammelt. Ihre Sätze verweigern sich der Aussagekraft. Verblüffenderweise nimmt man ihr die inhaltliche Abstinenz nicht übel. Die Zurückhaltung, die bei anderen blass wirkte, nährt in der Öffentlichkeit ein erstaunliches Vertrauen. Sie ist zum stärksten Charakter postheroischer Politik geworden, weil es ihr gelungen ist, Nüchternheit zu einer warm wirkenden Eigenschaft zu verwandeln. Weil Angela Merkel kein Programm hat, kann sie auch mit keinem anecken. Das ihr anzulasten statt uns, den Wählern, hieße allerdings, das Pferd von hinten aufzuzäumen.

Wohl noch nie zuvor in der Geschichte waren relativer Wohlstand und Krisenbewusstsein derart miteinander verflochten wie in den vergangenen Jahren. Ein Dauerparadox entsteht im Kopf: Wir haben die Krise derart verinnerlicht, dass uns die gegenwärtige Lage stets als die denkbar beste erscheint. Daher rührt auch die merkwürdig gute Laune der Jugend. Ideologiefern wie selten eine Jugend zuvor reagiert sie auf die düsteren Bilder der Zukunft, die die Älteren ihr aufmalen.
Es soll weitergehen, wie es ist. Jede darüber hinaus gehende Vision wird von unserem überreich ausgebildeten Problembewusstsein zermahlen. Ein fruchtbarer Acker für Helden und Visionäre ist das nicht.

Kaum einer glaubt ernsthaft, dass es mit uns noch viel weiter aufwärtsgehen könnte, auch wenn die Börsen uns etwas anderes erzählen. Niemand kämpft mehr für eine grundsätzlich bessere Welt. Für eine angenehmere, gerechtere ja, aber nicht für eine, die dafür auf den Kopf gestellt werden muss. Das kann, wer will, als schlaff verurteilen, dekadent ist es jedenfalls nicht. Der Respekt für das, was existiert, hat in Deutschland vielmehr ein historisches Hoch erreicht. Man spürt das am Konservatismus der grünen Wählerschichten, an der Karriere von Worten wie „Demut“ und „Nachhaltigkeit“. Gesellschaften, die der Zukunft entgegenstürmen, leiden weniger an Vergangenheit und Gegenwart.

Wir nicht. Mit aus historischer Distanz erstaunlicher Intensität widmen wir uns der Wiedergutmachung von in der Nachkriegszeit begangenem Unrecht, zum Beispiel in der Heimerziehung. Rohheitsdelikte gegenüber Schwachen und Fremden, sexuelle Ausbeutung von Kindern, Missbrauch und Würdeverletzungen aller Art lösen einen öffentlichen Abscheu aus, den es in dieser Intensität früher nicht gab.

Umgekehrt schwindet die Attraktivität von Visionen und Utopien und damit ein Führungsstil, der das Sich-Durchsetzen zur obersten Priorität macht. Stattdessen wird das faire Aushandeln von Kompromissen auch in Deutschland als respektables Ziel der Politik erkannt. Wenngleich es immer noch viele gibt, die darin nichts als Schwäche und Zauderhaftigkeit erkennen, wächst doch die Erkenntnis, das in dem als Durchwursteln denunzierten Moderationsstil ein Respekt vor der Vielfalt gesellschaftlichen Lebens waltet, die zu bewahren und weiter zu entfalten, durchaus als respektabler Zweck der Politik gelten könnte. Der Vorwurf, dass sich der Staat damit automatisch nach neoliberalem Muster zum Spielball der mächtigen Interessengruppen macht, geht fehl, insofern zum guten Moderieren, muttihaft gesprochen, das Zurechtstutzen und Beschneiden der Starken und Vorlauten ebenso gehört wie das Fördern der Schwachen und Stillen.

Baupolitik als Stadtentwicklung ist ein ideales Exerzierfeld für solch postheroisches Politikverständnis. In Berlin bietet die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ein Musterbeispiel für eine auf Lern- statt auf Durchsetzungsfähigkeit hin orientierte Politik. Für den Alexanderplatz will die aus der Schweiz stammende Baupolitikerin derzeit die 20 Jahre alten Hochhausplanungen einer Revision unterziehen und an die Realitäten einst überschätzter Wirtschaftskraft anpassen. Regula Lüscher schaut genau hin, registriert beispielsweise einen Geschmackswandel hinsichtlich der einst verachteten DDR-Architektur, die jetzt, nach ihrer Renovierung erhaltenswerter erscheinen als noch vor zehn Jahren. Ihr geht es nicht um den verordneten Konsens eines ästhetischen Generalplans wie ihrem schneidigen Vorgänger, Hans Stimmann, sondern um eine Kreativität, die aus dem Konflikt entsteht. Im Vertrauen darauf, dass die Intelligenz einer Stadt auf verschiedene Interessen verteilt ist, will sie sich zum Zwecke der Anpassung an die Planung mit allen beteiligten Bauherren und den Anrainern zusammensetzen. Ein vielversprechendes, eben postheroisches Konzept, die Stadtgesellschaft über sich selbst verhandeln und sich so sich fort entwickeln zu lassen.

Natürlich wird ihr das nach altem Muster als Schwäche ausgelegt. Auf ihren Vorschlag, auf Hochhäuser zu verzichten, für die sich in zwei Dekaden kein Bedarf und auch kein Investment ergeben hat, antwortete der Tagesspiegel mit dem Vorwurf der Feigheit vor dem Feind. Feuilletonchef Rüdiger Schaper, von Haus aus für Theater zuständig, forderte den Senat zu mehr „Statur“ auf. Im Bau von Hochhäusern, ob gebraucht oder nicht, wird der Wille zur Selbstaufrichtung gesehen – als werde auf dem Alex die letzte heroische Schlacht der Trojaner um die Zukunft geschlagen. Dabei hat gerade dieser hochsymbolische Platz von kühnen Konzepten sichtlich genug genossen. Ihr Abgleich mit dem verbliebenen Bestand an vorhandenen Bauten wird bei geschicktem Wursteln durch die ökonomischen Interessenlagen die tragfähigsten, charmantesten Ergebnisse zeitigen.

Auch Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit landet am Ende seines Essays wider Angela Merkels Biedermeier beim Design. „Es wäre fürchterlich“, lautet der letzte Satz, „würden spätere Generationen auch unsere Zeit vor allem mit Möbeln verbinden.“ Warum bloß wäre das fürchterlich? Nach dem weltumspannenden Gestaltungsehrgeiz unserer Eltern und Ureltern wäre das Hinterlassen eines noch 200 Jahre später salonfähigen Stils mal endlich wieder eine wirklich große Leistung.