Jürgen Haberrmas.
Foto: imago images/GlobalImagens

BerlinDer erste Satz lautet: „Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies“. Dann kommt kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich und es geht so weiter: „kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ Das ist Jürgen Habermas. Er kann eben beides: So reden, dass wir ihn verstehen und das dann verstecken in einem Professorendeutsch, vor dem man davonrennen möchte. Allerdings gelingt es einem nicht, weil er einen durch diesen abschreckenden Sound hindurch immer wieder packt. Hier zum Beispiel das „vibrieren“.

Übrigens plapperten wir schon als Nomaden, also nicht erst „von Haus aus“. Ich liebe in dem zitierten Satz nicht nur den schon aufs Twittern anspielenden Anfang, sondern auch das „erhalten“. Habermas stößt uns Leser auf die Doppelbedeutung des Wortes: bekommen und bewahren. Lesen macht einfach mehr Vergnügen, wenn nicht nur das Mitgeteilte zu uns spricht, sondern auch die Art wie mitgeteilt wird.

Habermas‘ Satz befindet sich in der Anthologie „Warum Lesen – Mindestens 24 Gründe“, die gerade im Suhrkamp Verlag (345 Seiten, 22 Euro) erschienen ist. Darin sind Beiträge von u.a. Annie Ernaux, Eva Illouz, Dzevad Karahasan, Sibylle Lewitscharoff, Friederike Mayröcker, Wolf Singer. Jürgen Habermas hat seinen 24-seitigen Beitrag mit „Warum nicht lesen?“ betitelt. Es wird den Leser von Habermas‘ Beitrag amüsieren, dass er das Fehlen des Fragezeichens in „Warum lesen“ nicht einmal registriert. Er fügt es einfach hinzu, um sich die Aufgabe mundgerecht zu machen. Es sind Überlegungen über den gerade stattfindenden „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Mit einer verblüffenden Volte.

Die digitale Revolution hat uns alle zu potenziellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. Durch sie erst sind die Medien wirklich nichts als Medien. Die Kontrollinstanzen von zum Beispiel Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. Habermas begrüßt ausdrücklich die so stattfindende „Inklusion“. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie. Nein, das Wort dialektisch verwendet Habermas nicht. Aber er beschreibt diesen zwiespältigen Vorgang sehr genau. Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“

Das ist aber keine Antwort auf die Frage „Warum lesen?“. Habermas glaubt zu beobachten, dass die einzelnen Teilöffentlichkeiten sehr unterschiedlich von diesem Strukturwandel betroffen sind. So umfassend der Einfluss der Digitalisierung auf die politische Kommunikation ist, so gering ist er auf die Literatur. Dieser Differenz denkt Habermas nach. Literarische Werke, so Habermas, verfügen über „eine eigentümliche Autorität“. Sie rührt aus ihrem „Eigensinn“, mit dem sie sich dem Urteil der Zeitgenossen entziehen oder gar widersetzen und dagegen einer späteren Generation sich mitteilen ja geradezu aufdrängen können. Der 91-jährige Habermas erinnert an Hölderlins postmortale Karriere.

In der Literatur gehe es um „die Vergegenwärtigung einer gegenständliche Konturen annehmenden und dadurch reproduzierbaren Erfahrung“. Der Witz liegt meines Erachtens freilich darin, dass die Erfahrung nicht reproduziert, sondern produziert wird. Der Künstler, der Autor hat nicht eine Erfahrung, die er geschickt in Worte zu fassen versteht, sondern er erfährt, was er erfährt, beim Schreiben. Literarische Erfahrung ist eine Sache des Textes. Darum kann der Leser sie – in manchen Fällen nach Tausenden von Jahren über mehrere Übersetzungen hinweg ohne Kenntnis der Lebensumstände des Autors – nachvollziehen.

Wir lesen, so schreibt Habermas, nicht um uns über bestimmte Sachverhalte aufzuklären, sondern – damit kommt er Adorno näher, als er ihm in den letzten 60 Jahre wohl je war –, „um wenigstens manchmal einige Zipfel jener vorsprachlich präsenten Erfahrungen, aus denen wir intuitiv leben und mit denen wir dahinleben, als solche zu ergreifen und uns anschaulich vor Augen zu führen. Ob sie nun schön sind oder schrecklich.“

Die neue digitale Struktur der Öffentlichkeit gaukelt uns vor, wir alle hätten den gleichen Zugang zu allen anderen. Das ist gelogen. Aber selbst wenn es wahr wäre, gälte immer noch, dass wer Kunst, Musik und Literatur erfährt, auch erfährt, dass nicht mangelnde Bildung, dass keine Zugangsbeschränkungen, keine Zensoren, ihn daran hindern, Künstler zu sein. Beuys sagte, jeder Mensch sei ein Künstler. Aber damit tröstete er sich nur über die offensichtliche Besonderheit seiner eigenen Person hinweg. Nur wenige Menschen sind in der Lage, die Farben, Formen, Töne und Worte zu finden, die unser Inneres so umzugraben verstehen, dass wir es als unser eigenes, in uns vor uns selbst – zu unserem Glück oder Unglück – Verborgenes erkennen. Habermas schreibt das nicht, aber dass es niemals aufhören wird mit diesem Überschuss, darein setzt er – so gefährlich die sozialen Medien für die Entwicklung der Demokratie auch sein mögen – seine Hoffnung.