Es darf also keine Generation in Deutschland geben, der das erspart bleibt: Diese xenophobischen Ausbrüche, die einen zwingen, wieder Geschichtsbücher zu wälzen, Sprache ganz genau und vor allem auch historisch zu nehmen. Bei Voltaire heißt es: „Am Grunde eines Problems sitzt immer ein Deutscher“. Da sitze ich also und freue mich daran, einen Satz zitieren zu können, der um einiges älter als das letzte Jahrhundert ist.

Ziemlich jung ist dagegen diese Vielfalts-Sau, die wir seit kurzem durchs Land jagen. Ja, was wurde nicht migrantisch von Plakaten gelächelt und so getan als wäre dieses Land nun vielfältig. Wäre es das, müsste man keine Werbeaktionen inszenieren, dann wäre die Vielfalt so selbstverständlich sichtbar, wie sie es nur im Fußball ist, wo Erfolg verbindet. Warum gilt das nicht für die Gesellschaft als Ganzes? Warum gilt die jahrzehntelange Einwanderung im allgemeinen Bewusstsein nicht als ein wichtiger Faktor für den gegenwärtigen wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands? Die Stimmen der Pegida bieten uns als Einwanderungsland eine Chance, gehen wir das Ganze klug an, nehmen wir diesen diskursiven Fahrtwind und machen einen noch größeren Schritt nach vorn.

Genau das versucht ja Pegida. Sie will sich den frischen Wind zu eigen machen, der durch die Republik weht. Dass sie ihn so spielend leicht missbrauchen kann, legt die Schwächen der Vielfalts-Sau bloß und zwingt uns, Vielfalt tiefer zu durchdenken. So, wie wir sie bisher durchs Dorf gejagt haben, verstehen auch Hinz und Kunz nicht, warum jetzt plötzlich „die Anderen“ im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Mächtigen stehen. Dass sie nicht „die Anderen“ sind, kommt nicht an.

Die Regierenden stellen sich in weiten Teilen geschlossen vor jene, die durch die Idee der Vielfalt in den Mittepunkt politischer Aufmerksamkeit gerückt sind. Erstaunlich, denn wenn Pegida mit einem Recht hat, dann mit ihrer Parole: „Wir sind das Volk!“ Noch sind sie tatsächlich mehr Volk als viele Menschen, die hier jahrzehntelang leben und ihre Kinder. Das alles ist aber keine deutsch-deutsche-Debatte. Die Debatte muss sich jetzt um eines drehen: Wir werden das Volk! Wir wachsen gerade zu einem Volk zusammen. Erst dann wird es eine deutsch-deutsche-deutsche-Debatte. Eine deutsche Debatte. Die Mehrheit der Regierenden scheint zu wissen, wessen Volksvertreter sie sein wollen. Nur dumm, dass sie viele, vor die sie sich stellen, noch nicht zum Volk gemacht haben.

Auch deshalb ist in vielen Analysen folgender Humbug zu lesen: Merkel habe den Draht zum einfachen Mann verloren – selbst die New York Times schreibt das. Merkel hat den Draht zum einfachen Mann erstmals gesucht. Wenn morgen zwei Drittel der Kinder, die heute mit Migrationshintergrund die Schulbank drücken, wählen gehen, dann werden sie ihr Kreuz nicht bei solchen setzen, die denken, sie oder ihre Eltern gehören nicht zum Volk.

Selbst die Wohlmeinenden verschweigen, dass man sich jetzt nur deshalb schützend vor die Minderheiten stellen muss, weil viele von ihnen trotz eines Lebens in Deutschland nicht Deutsche geworden sind, und viele ihrer Kinder nicht entsprechend repräsentiert. Viele Dekadendeutsche würden einen Einbürgerungstest nicht bestehen. Sind sie deshalb nicht das Volk? Sie sind es tatsächlich nicht.

Pegida spricht von „Ausländern und Ausländern mit deutschem Pass“, weil jahrzehntelang politisch verhindert wurde, dass auch Einwanderer das Volk sind. Der Kleinkariertheit der letzten Jahrzehnte ist mit einer Zewa-Wisch-und-Weg-Vielfaltspolitik nicht beizukommen. Sie hat das Gegenteil bewirkt: Die plakative Vielfalts-Verordnung hat „Die Anderen“ ins Rampenlicht manövriert, aber nicht für die rechtliche und gesellschaftliche Basis gesorgt, die es braucht, um die Kämpfe einer diversen Gesellschaft auszufechten, die Pässe auf Augenhöhe.

„Am Grunde eines Problems sitzt immer ein Deutscher.“ (Voltaire)

Deutsche stellen sich jetzt schützend vor Ausländer, das ist edel und gleichzeitig Ergebnis eines Versäumnisses. Diese Ausländer könnten längst Deutsche und somit Volk sein, wenn sich die SPD in Sachen Staatsbürgerschaftsrecht besser durchgesetzt hätte. Mit diesen Wählerstimmen müsste man sich wegen einer AfD oder Pegida nicht hysterisieren, könnte zusammenstehen statt vor oder hinter jemandem, denn das Volk als Ganzes wäre wahlberechtigt. Aber nein, so sitzt ein großer Teil des Volkes da und sieht zu, wie die Deutschen mit „ihren Fremden“ umgehen. Es ist ein deutscher Familienstreit und die, um die es geht, sind wieder einmal nur Gast im Haus. Die Sonntagsrunde bei Günter Jauch war ein Paradebeispiel dafür.

Der CSU-Mann Hans-Peter Friedrich irrt gewaltig, wenn er meint, es sei mit der nationalen Identität zu leichtfertig umgegangen worden. Die Starrheit, mit der an einer althergebrachten nationalen Identität festgehalten wurde bei gleichzeitigem Wandel der Nation, ist das Problem.

Die Ängstlichkeit im Umgang mit den Veränderungen der eigenen Identität, bei gleichzeitigem Heraufbeschwören eines vielfältigen Deutschlands, was bislang zu wenige realpolitische Folgen hatte, brachte Pegida erst in Bewegung. Vielfalt müsste Konsequenz heißen und nicht nur Dekoration oder Wirtschafts- und Demografiekorrekturpillen. Mit ihrer plakativen Vielfalts-Proklamation ohne wirklich an die Substanz zu gehen, hat die vermeintlich offene Politik der letzten Jahre den Boden für diese Proteste mitbereitet.

Ja, es geht uns besser als den meisten europäischen Ländern. Aber nein, deswegen stehen die Mietpreise nicht im Verhältnis zu den Gehältern, die Renten sind nicht gestiegen und so mancher hierzulande fühlt sich weder gebraucht noch den Anforderungen gewachsen. Die meisten, auch viele Deutsche, fühlen sich nicht integriert, weil der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Früher konnte man auf den Träumer in der Straße mit dem Finger zeigen, heute sitzen ganze Cafés voll mit einsamen Start-Up-lern und Programmier-Genies ohne festen Job – das Kreativwirtschaftsprekariat.

Die Parole der letzten Jahre, dieses hohle „Wir brauchen Einwanderer“, dieses ständige Hinweisen auf die Wirtschaftlichkeit des Migranten, war Feuer auf eine im Stillen lodernde Gesellschaft, die sich nicht gebraucht, sondern benutzt fühlt von Politik und Wirtschaft und – abstrakter noch – Bankwesen. Dabei waren längst Einwanderer da und integriert – viele von ihnen finden auch keine Arbeit, kriegen zu wenig Rente und müssen überteuerte Miete bezahlen. Es ist zum Schreien, dass diese Menschen, die zu Abendspaziergängen einladen, nicht etwas klüger sind, dass sie des gegenwärtigen Deutschen und der deutschen Geschichte so wenig mächtig sind. Dann wieder sind sie genau das. Sie beherrschen die Klaviatur der deutschen Ängste. Nichts befremdet international so sehr wie German Angst, womit wir wieder bei Voltaire wären.