Wenn irgendwas nicht läuft, irgendein Produkt vereinheitlicht werden soll – Brüssel ist schuld. Diese oberflächliche Klage ist so weit verbreitet, dass Politiker sie sogar im derzeit laufenden Wahlkampf für das Europa-Parlament im Munde führen: Brüssel-Bashing gibt im Zweifel noch immer ein paar Wählerstimmen. Alle Korrespondenten, die in Brüssel arbeiten, bestätigen: Das Klischee vom „Raumschiff Brüssel“ ist insofern zutreffend als das die Ausmaße der Institutionen gewaltig sind.

Das Europäische Parlament und die EU-Kommission sprechen in 27 Sprachen, allein 1800 Übersetzer gibt es – insgesamt sind für die EU 33 000 Menschen tätig. Aber da geht es schon los mit schrägen Vergleichen: Allein in Hamburg arbeiten über 70.000 Menschen für die Stadt. Zwar zählen hierzu auch Lehrer und Polizeibeamte – aber dennoch: Angesichts von 500 Millionen Bürgern in Europa relativiert sich das mit dem Moloch Brüssel ein wenig.

Die seit fünf Jahren andauernde Krise hat mehr Interesse für europäische Themen erzeugt, meint Fernsehkorrespondent Christian Feld, der seit zweieinhalb Jahren für den WDR und Das Erste aus Brüssel berichtet. Feld sagt, dass er und seine Kollegen viel öfter im Einsatz seien als früher: „Wir haben jetzt manchmal jeden zweiten Tag einen Beitrag in der 20 Uhr Tagesschau. Ich glaube schon, dass die Krise da was befördert hat, auch, dass wir jetzt auf die Innenpolitik von anderen Ländern, von Frankreich, Italien, Spanien intensiv gucken, das hat sich sicher auch verändert.“

Stürzen auf Absurditäten

Allerdings sind nicht alle Akteure so positiv gestimmt. Martina Michels, Berliner Abgeordnete für die Linke im Europa-Parlament, meint, dass durch die Krise Europa vermehrt bei Negativ-Meldungen vorkommt: „Europa kommt bei den Skandalthemen vor, wenn also über die Klospülung und den Wasserverbrauch gesprochen wird, was ich aber bemängele ist, dass unsere tägliche parlamentarische Auseinandersetzung relativ wenig vorkommt.“

Es gibt Dutzende Beispiele, wie oberflächlich manchmal berichtet wird: Die Gurkenverordnung, die vorschreibt, dass Gurken ab einer bestimmten Krümmung nicht mehr verkauft werden dürfen, ist seit fünf Jahren abgeschafft. Und jene über die Ölkännchen in Restaurants, die aus gesundheitlichen Gründen abgeschafft werden sollten, wurde nie eingeführt. Die EU befürchtete, allzu oft sei in den offen herumstehenden Kännchen minderwertiges Öl und kein echtes Olivenöl.

Dennoch werden diese Klischee-Bilder immer wieder hervorgeholt. Vieles ist stark vereinfacht und stimmt dann einfach nicht mehr. Christian Feld sagt: „Es ist sehr leicht, sich auf diese Absurditäten zu stürzen und sich über dieses Konstrukt hier in Brüssel lustig zu machen.“ Häufig sei das Problem, „dass man in Berlin, in Hamburg oder München in einer Redaktion sitzt, die Abläufe und Strukturen in Brüssel nicht so genau kennt und vielleicht Probleme hat, diese zu verstehen.“

Mit anderen Worten: Wenn es um Vereinheitlichung geht, wird schnell die Keule vom überregulierten Europa rausgeholt, dabei ist es prinzipiell keine schlechte Idee, wenn es etwa europaweit einheitliche Sicherheitsstandards gibt. Die seriöseren und vielleicht schwieriger zu berichtenden Debatten werden hingegen teilweise unzureichend beleuchtet, das sieht man beispielsweise an dem Thema Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, ein Thema, das in der breiteren Öffentlichkeit noch nicht richtig wahrgenommen wurde.

Aus nationaler Sicht

Vieles wird nach wie vor aus nationaler Perspektive beurteilt. Da fehle ein erweiterter Blick, meint Thomas Risse, Politologie-Professor an der FU Berlin: „Das Entscheidende ist, dass wir die anderen Teilnehmer in der Debatte als gleichberechtigt wahrnehmen. Also eben nicht die Deutschen gegen die Griechen und umgekehrt. Natürlich dominiert in den deutschen Medien die Bundesregierung mit ihrer spezifischen Sichtweise, manchmal hat man aber den Eindruck, dass die deutsche Debatte doch zu sehr um uns selber kreist.“

Ein Beispiel: Es wird recht wenig darüber berichtet, dass wir in Europa mit unserem enormen Exportüberschuss Teil des Problems des Südens sind – das ist auch ein Teil der Wahrheit über die Euro-Krise, aber eine unbequeme. Was wohl nottut, sei eine „Europäisierung der nationalen Debatten“, sagt Thomas Risse.

Was die Berichterstattung über den Wahlkampf angeht, wird sich wohl nichts so schnell ändern, immerhin wird bei dieser Parlamentswahl ja etwas insofern anders sein, als dass der Kommissionspräsident direkt vom Parlament bestimmt wird, eine echte Neuerung. Es wird TV-Duelle geben zwischen den Spitzenkandidaten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker geben, vielleicht vermögen diese, das Interesse für Europa ein wenig zu steigern.