Montagmorgen, Schneeflocken fallen aus den langsam heller werdenden Wolken über Wroclaw. In den vier Ecken des Rynek, des großen Marktplatzes stehen noch Aufbauten aus jugendstilig verschlungenen Metallstäben. Der größte von ihnen wirkt wie eine kleine Kirche.

Trotz der Eiseskälte waren am Sonntagabend einige zehntausend Menschen auf den Rynek gekommen, um dem Zusammenbau dieses Gebildes aus Einzelpavillons zuzusehen, die sie zuvor in regelrechten Prozessionen vom Stadtrand herangebracht hatten. Man wärmte sich an Feuerkörben, tippelte, lästerte über den völlig überteuerten Glühwein. Es dauerte, der Platzzugang war verstopft, bis diese letzte Zeremonie der Eröffnungsparty in die Gänge kam, mit Bauarbeitern, Rollstuhlfahrern, Tänzern, Akrobaten.

Rot-weiße Strickmützen

Es ging in dieser Inszenierung des Briten Chris Baldwin um die dramatische Geschichte der mehr als 1000-jährigen Stadt Breslau, die 1945 schwer zerstört wurde, weil die Nazis die Kapitulation verboten. Fast die gesamte deutsche Bevölkerung floh oder wurde vertrieben, eine neue, ebenfalls vertriebene und geflohene polnische Bevölkerung, vornehmlich aus der Westukraine, zog in die Stadt, die von nun an Wroclaw hieß.

Der Kampf der Solidarnoc gegen den Kommunismus sollte erkennbar sein, die Schlacht der Bürger um Hunderttausende Bücher, die sie vor dem Oderhochwasser 1997 retteten. Eine Stadt der vielfältigen religiösen und kulturellen Traditionen wurde erkennbar, die Freude an der Mischung.

Vor allem aber war es ein Heidenspaß, mit Glöckchengeklingel vom Publikum, vielen rot-weißen Strickmützen, den für die Prozessionen ausgeteilten Plastikumhängen in vier Farben, die sich bunt mischten. Erst am Ende wurde es regelrecht Angsteinflößend, als vier beflügelte Luftakrobaten Federn in den Himmel jagten, sich die Fenster der Bürgerhäuser öffneten und das Marineorchester düster Trompeten, Tuben und Posaunen erschallen ließ. Großer Effekt, eröffnet war das Kulturhauptstadtjahr 2016.

Ein ereignisreiche Wochenende ging damit zu Ende, mit netten Feuerakrobaten auf einer Oderinsel, Ausstellungen und teilweise grandiosen Performances im Nationalmuseum – eine Frau als kühle Freiheitsstatue, ein fast nackter schwarzer Mann auf dem Boden, der vor einem Gemälde der Flucht von Maria, Joseph und dem Christkind nach Ägypten um Freiheit singt, scheitert und dann vom Publikum regelrecht überschritten werden muss. Toll!

Die Anpreisung, aber auch die Selbstbestätigung von Wroclaw als europäischer Stadt im Kontrast zu jeder nationalistischen Verengung ist der Angelpunkt des Programms. Mehr als 1000 Veranstaltungen werden bis Dezember angeboten, reichlich Musik, Theater, Film, Kunst und Architektur – Wroclaw kann als Architekturstadt durchaus mit Berlin konkurrieren! Und immer wieder geht es um die neue Identität von Breslau-Wroclaw, auch in der schon der vor einigen Jahren im Vorlauf zur Kulturhauptstadt-Bewerbung übergebenen Inszenierung des Stadtmuseums.

In ihr findet man erlesene mittelalterliche Altäre aus der Stadt, die 1945 nach Warschau an das Nationalmuseum abgegeben werden und nun von dort ausgeliehen werden mussten, oder ein glückstrahlendes Foto von 1980, auf dem der heutige PiS-Chef Lech Kascinsky als einer der Mitbegründer von Solidarnoc neben Lech Walesa zu sehen ist. Aktuelle Politik, lernt man dort, ist in Polen und Wroclaw immer auch Geschichtspolitik.

Der älteste überlieferte Satz in polnischer Sprache findet sich im einer Handschrift aus dem Kloster Henryków / Heinrichsau. Sie liegt in der Diözesianbibliothek, ist gerade in das Unesco-Register des Weltdokumentenerbes eingetragen worden. In dem ansonsten auf Latein geschriebenen Buch, das um 1241 entstand, hat der deutschsprachige Abt auch die Geschichte des tschechischen Einwanderers Bogwal aufgeschrieben, der seiner polnischen Frau sagt: „Ich übernehme die Last, mach eine Pause“. Die ganze verzwickte Geschichte Mitteleuropas kondensiert sich hier.

Ein kleiner Skandal

Der seit 2002 amtierende Oberbürgermeister Rafal Dutkiewicz zitiert sie im neuen Konzerthaus beim Galakonzert als Manifest des heutigen Breslau. Kurz vorher hatte nämlich der von der PiS-Partei gestellte polnische Kulturminister Piotr Glinski Aufruhr im Saal ausgelöst. Dass er zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs die Europäische Union als Teilhaber des Ereignisses vollständig ausblendete, das Christentum als die einzige Quelle der europäischen Identität betrachtet, moralischen Niedergang beklagt, populistisch gegen Avantgardekunst angeht – all das war vom Publikum erwartet worden.

Erst als er die mangelnde Solidarität Europas beklagte, wo es doch so viele Probleme gäbe, wie „der Krieg in der Ukraine, die Ereignisse in Paris und in Köln“ zeigten, reichte es einigen. Sie forderten lautstark die Freiheit von Medien und Justiz ein. Der Minister hatte keinen guten Abgang – und das Kulturhauptstadtjahr den kleinen Skandal, der nötig ist, um Feuer für das weltoffene Europa zu schlagen.