Favourite-Produzent Ed Guiney mit der Trophäe.
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BerlinDer Favorit hat gewonnen. Mit anderen Worten: „The Favourite“ ist der Europäische Film des Jahres 2019. Darüber hat sich zum Schluss schon keiner mehr gewundert, was den allenfalls höflichen Beifall des Publikums im Haus der Berliner Festspiele erklären mag. Mit insgesamt acht Nominierungen  war die Historiengroteske des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos ins Rennen gegangen – acht Preise sind es am Ende auch geworden. 

Der meistgefragte Mann  am Sonnabend war der irische Produzent Ed Guiney, der die Trophäen für „The Favourite“ auf der Bühne abholte, da der Regisseur bei der Feier nicht zugegen war, was dem Ganzen gehörig seinen Glanz nahm. So stark der diesjährige Filmjahrgang war, so schwach die Präsenz der Sieger. In allen Hauptkategorien fehlten die Preisträger. „The Favourite“, der im deutschen Verleih den Zusatz „Intrigen und Irrsinn“ trägt, zeichnet auf dramaturgisch und stilistisch brillante Weise ein Bild des englischen Königshofes im frühen 18. Jahrhundert. Königin Anne, gespielt von Olivia Colman, die ebenfalls mit einem Filmpreis geehrt wurde, befindet sich mit England im Spanischen Erbfolgekrieg.

Als ebenso infantiles wie durchtriebenes Staatsoberhaupt umgibt sie sich mit Günstlingen, vorzugsweise Frauen, die sie für ihre Machtspiele einspannt. Kostüme, Kamera, Schnitt, Maske, alles extraordinär, alles preiswürdig. Aber auch Olivia Coleman war eben nicht nach Berlin gekommen, da sie derzeit dreht. Nachdem sie   für ihr grandioses Spiel in diesem Jahr schon den Oscar entgegennehmen durfte, war die Aufregung bei ihr vielleicht nicht mehr ganz so groß, ihre Dankesworte wirkten arg geschäftsmäßig. Die elfjährige Helena Zengel, die in dem Film „Systemsprenger“ ein unberechenbares, gewalttätiges Mädchen spielt und die vor der Gala auf dem Roten Teppich in professionellem Englisch parlierte, ging zwar nicht mit dem Preis nach Hause, dafür jedoch mit den Sympathien des Publikums. Wie auch die Regisseurin Nora Fingscheidt, deren Film   wohl nur eine Außenseiterchance hatte.

Der deutsche Kinofilm ging leer aus

Der deutsche Kinofilm ging diesmal leer aus. Alexander Scheer für die Rolle des „Gundermann“ nominiert, konnte sich gegen einen der ganz Großen nicht durchsetzen. Als bester Schauspieler wurde Antonio Banderas geehrt, was man schon hatte ahnen können, als er aus einem leeren Kinosaal auf die Videoleinwand zugeschaltet wurde. Sonst hätten sie ihn dort sicherlich nicht platziert. Er sah zwanzig Jahre jünger aus als in Pedro Almodóvars Film „Leid und Herrlichkeit“, in dem er das Alter Ego des Regisseurs spielt, dem er dann gleich eine herzliche Laudatio widmete. Vor vierzig Jahren waren sie sich zum ersten Mal begegnet, seit dieser Zeit sind sie künstlerisch einander nah. Almodóvar nahm die Huldigung äußerlich unbewegt hin. Der spanische Regisseur zählt zu den Verlierern der diesjährigen Preisvergabe. Seinem berührenden Alterswerk wäre größerer Zuspruch  zu wünschen gewesen.

Wie auch dem französischen Beitrag „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, für den Céline Sciamma den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Ihr Film erzählt die Liebesgeschichte einer jungen Malerin und ihrem Modell, die sich in den Jahren vor der Französischen Revolution auf einer bretonischen Insel begegnen und eine kurze, glückliche Zeit miteinander verbringen. Céline Sciamma konnte nicht nach Berlin kommen, weil sie in Frankreich im Generalstreik feststeckte. Präsentiert wurde die Gala in diesem Jahr zum ersten Mal von der litauischen Schauspielerin Aiste Diržiuteė gemeinsam mit ihrer deutschen Kollegin Anna Brüggemann, deren Bruder Dietrich Brüggemann für die Inszenierung  zuständig war. Sie machten ihre Sache prima, die Show war amüsant und charmant, manchmal wirklich witzig so bei der todtraurigen Präsentation der besten Komödie. Der Preis ging einmal mehr an „The Favourite“.

Diese Ballung an Preisen wirft die Frage auf, ob das nun wirklich der überragende europäische Film des  Jahres ist. Einerseits schon, in seiner künstlerischen Geschlossenheit und formalen Originalität ragt der Film tatsächlich heraus, anderseits sind   die 3 600 Akademiemitglieder mit ihrem Votum für diese eher skurrile Geschichte der Konfrontation mit dem politischen Kino der Gegenwart aus dem Wege gegangen. So hätte etwa das französische Sozialdrama  „Les Misérables“ (Die Wütenden) von Ladj Ly durchaus größere Aufmerksamkeit verdient. Immerhin gab es für den Film den Kritikerpreis für die Entdeckung des Jahres. Einige der Gewinner standen bereits vorher fest. Die französische Schauspielerin Juliette Binoche wurde für ihren Beitrag zum Weltkino geehrt. Eine bessere Wahl hätte es in diesem Jahr nicht geben können – wie eigentlich auch schon in allen Jahren zuvor.

Auf Juliette Binoche ist Verlass

Seit ihrem Debüt 1985 zählt Juliette Binoche zu jenen Künstlerinnen, die das Kino mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Klugheit, ihrem Charme und ihrem Witz bezaubern. Im Februar leitete sie die Berlinale-Jury und nun war die Oscargewinnerin erneut in die Stadt gekommen, um ihrer  Sammlung eine weitere Trophäe hinzuzufügen. Auf sie ist Verlass. Juliette Binoche, in ein langes schwarzes Kleid gehüllt, sorgte für einen Moment von glamouröser Seriosität, wie nur sie sie verkörpern kann, als sie an die Kolleginnen und Kollegen appellierte, ihre Projekte sehr bewusst zu wählen: „Es ist das, was wir zu geben haben.“ Der Preis für das Lebenswerk ging an Werner Herzog, der 1962 als Neunzehnjähriger seinen ersten Kurzfilm drehte und nach den Klassikern der 70er- und 80er-Jahre („Woyzeck“, „Fitzcarraldo“) heute vor allem für seine Dokumentarfilme  Wertschätzung erfährt. Der Akademiepräsident Wim Wenders dankte ihm für seinen „unendlichen Enthusiasmus“ und nannte ihn in Zeiten von Belanglosigkeit und Fake einen „Tower of integrity“. Herzog beschwor in seinen Dankesworten ein einiges Europa, das er das größte Friedensprojekt der Menschheitsgeschichte nannte. Der 77-Jährige bekam den größten Applaus des Abends.

Die Preisträger

Bester Spielfilm: „The Favourite“ (Großbritannien/Irland) von Yorgos Lanthimos
Beste Komödie: „The Favourite“ (Großbritannien/Irland) von Yorgos Lanthimos
Beste Schauspielerin: Olivia Colman in „The Favourite“
Bester Schauspieler: Antonio Banderas in „Leid und Herrlichkeit“
Beste Regie: Yorgos Lanthimos für „The Favourite“
Bestes Drehbuch: Céline Sciamma für „Porträt einer jungen Frau in Flammen“
Bester Dokumentarfilm: „For Sama“ (Großbritannien/USA) von Waad al-Kateab & Edward Watts
Beste Kamera: Robbie Ryan für „The Favourite“
Beste Filmmusik: John Gürtler für „Systemsprenger“
Bestes Sounddesign: Eduardo Esquide, Nacho Royo-Villanova & Laurent Chassaigne für „A Twelve-Year Night“
Bester Schnitt: Yorgos Mavropsaridis für „The Favourite“
Bestes Szenenbild: Antxon Gómez für „Leid und Herrlichkeit“
Bestes Kostümbild: Sandy Powell für „The Favourite“
Bestes Maskenbild: Nadia Stacey für „The Favourite“
Beste visuelle Effekte: Martin Ziebell, Sebastian Kaltmeyer, Néha Hirve, Jesper Brodersen & Torgeir Busch für „About Endlessness“ Europäischer Beitrag zum Weltkino: Juliette Binoche
Ehrenpreis für das Lebenswerk: Werner Herzog
Erfolgreiche Serie: Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer für „Babylon Berlin“

Zu den Gästen der Zeremonie, die jährlich wechselnd in Berlin und einer anderen europäischen Stadt stattfindet, zählte neben viel europäischer Filmprominenz auch der ukrainische Regisseur Oleg Senzow, der im September nach fünfeinhalb Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde. Als Aktivist der Kiewer Maidan-Bewegung war er    wegen der angeblichen Vorbereitung terroristischer Anschläge von einem russischen Gericht zu zwanzig Jahren Straflager verurteilt worden. Die Europäische Filmakademie hatte sich von Beginn an für die Freilassung Senzows eingesetzt und nun endlich konnte der Regisseur in Freiheit die Filme des Jahres feiern. Der neu berufene Vorsitzende der Filmakademie, Mike Downey,  kündigte an, dass sich die Organisation in einer  Koalition für bedrohte Filmemacher weltweit engagieren werde. Der britische Produzent hatte das Amt von der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland übernommen, die eine Novität zelebrieren durfte. Zum ersten Mal wurde beim Europäischen Filmpreis eine  TV-Serie ausgezeichnet, der Preis ging an „Babylon Berlin“. Die Dominanz von Serien im Filmgeschäft zeigte sich hier auch personell, als Tom Tykwer zur Danksagung ein gutes Dutzend Mitstreiter auf die Bühne rief.

Ein deutscher Film wurde zwar nicht mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet - dafür aber die deutsche Serie "Babylon Berlin". Die Regisseure Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries mit ihren Trophäen.
Foto: dpa/Britta Pedersen

Im nächsten Jahr findet die Gala im isländischen Reykjavík statt. Mit der klimaneutralen Anreise dürfte es schwierig werden.