Wroclaw - Der Triumph hätte größer nicht sein können, der Jubel war überwältigend. Mit fünf Nominierungen ging in Wroclaw die deutsche Komödie „Toni Erdmann“ als eindeutiger Favorit ins Rennen um die 29. Europäischen Filmpreise.

Als Maren Ade den Drehbuch-Preis erhielt, gefolgt von den ebenfalls hochverdient geehrten, wunderbaren Hauptdarstellern Sandra Hüller und Peter Simonischek, deutete sich eine Sensation an. Sie wurde wahr, als der Film am Ende auch noch die Königskategorien Beste Regie und Bester Film abräumte.

Warmherzig und witzig

Man muss schon genau zehn Jahre zurückgehen, um einen ähnlichen deutschen Erfolg zu finden. Damals war „Das Leben der anderen“ dreimal von der Europäischen Filmakademie ausgezeichnet worden.

Diesmal aber feierten die über 3000 Akademiemitglieder einen deutschen Film, der nichts mit den düsteren Schatten der Vergangenheit zu tun hat, sondern der als ein warmherziger, witziger und origineller Kommentar zur Einsamkeit des Menschen in der gegenwärtigen, globalisierten Welt gelesen werden kann.

Es liegt in der Natur einer so großen Akademie und ihrer Wahlverfahren, dass Differenzierungen und Abwägungen kaum möglich sind. So ging der zweite Favorit des Abends, Ken Loachs ergreifendes Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“ völlig leer aus. Die Chance, einen der großen Regisseure Europas zu ehren, dessen Film die sozialen Verheerungen des Neoliberalismus erschütternd sichtbar macht, wurde nicht genutzt.

Was allerdings nicht bedeuten soll, dass dieser Abend unpolitisch war. Mit „Seefeuer“ wurde Gianfranco Rosis eindrucksvoller Dokumentarfilm über die zum Symbol der Flüchtlingskatastrophe gewordene Insel Lampedusa ausgezeichnet. Immer wieder wurde in den Reden an die Not der Geflüchteten erinnert.

In einer Stadt wie Wroclaw – Breslau –, Europäische Kulturhauptstadt 2016, ist das Schicksal von Flüchtlingen allgegenwärtig. Die Deutschen wurden nach dem Krieg vertrieben, polnische Flüchtlinge aus dem Osten hier angesiedelt, der vollständige Bevölkerungsaustausch bildet die historische Grundierung einer bunten, jungen Stadt.

Die stärksten Sätze fielen nun gleich zu Beginn dieser Verleihung. „Nationalismus ist wie stinkender Schweiß“, rief der kämpferische Bürgermeister der gastgebenden polnischen Stadt, Rafal Dutkiewicz. „Europa muss duschen!“

Ein Programm mit Witz und Charme

Was sonst bei diesen Preisverleihungen in den Vorjahren wie eine langweilige, rhetorische Pflichtübung erschien, die Beschwörung der kulturellen Werte Europas, nahm diesmal fast dramatische Züge an.

Angesichts des anwachsenden Populismus, des Erstarken des Nationalismus auch in Polen, erscheint die Akademie als eine wichtige Institution der kulturellen Gemeinsamkeit, vielleicht eine der letzten.

Das Bewusstsein für die ernste Bedrohung durchzog diesen Abend und gab ihm angemessene Würde, auch durch den fabelhaften Moderator, den polnischen Schauspieler Maciej Stuhr. Er hielt das Programm mit Witz und Charme zusammen und landete einige treffende Spitzen gegen die aktuelle polnische Kulturpolitik.

Gekündigte Chefin im Publikum

Wie zur Bestätigung saß im Publikum die gerade geschasste Direktorin des Polnischen Kulturinstituts in Berlin, Katarzyna Wielga-Skolimowska, deren weltoffene Ausrichtung den Erzkonservativen in Warschau nicht passt. Darauf angesprochen meinte die noch immer sichtlich erschütterte verdienstvolle Kulturmanagerin, man müsse den Kulturaustausch unbedingt fortsetzen.

Am Rande der Preisverleihung wurde der deutsch-polnische Filmfonds erneuert und erweitert, der unter anderen den Film „Marie Curie“ gefördert hat. Dieser gemeinsame Filmfördertopf wächst von 300.000 auf 500.000 Euro jährlich an.

Als neuer Partner kommt die Filmförderungsanstalt neben dem Polnischen Filminstitut, der Mitteldeutschen Medienförderung und dem Medienboard Berlin-Brandenburg dazu. Deren Chefin, Kirsten Niehuus sagt, man müsse polnische Filmemacher ermutigen und Zeichen setzen, der Dialog dürfe nicht abreißen.

Ein politisches Zeichen setzte übrigens auch Maren Ade am Ende des Abends, als sie auf die historische Dimension ihres Preises verwies: „Toni Erdmann“ ist das erste von einer Frau inszenierte Werk, das den Europäischen Filmpreis als bester Film erhalten hat. Es wurde Zeit.