In homöopathischen Dosen ist Kunst in Berlin längst nicht mehr zu vermitteln. Alles Mega, alles Groß-Event. Und immer Marathon, sportliche Herausforderung schon allein wegen der kilometerlangen Wege quer durch die Stadt. Und wie sympathisch – bis an deren ausgefranste Ränder: Berlin Biennale, Gallery Weekend, Art Week, Lange Museumsnächte, dazwischen Festivals, was das Zeug hält, in allen Stadtbezirken. Ja, in Berlin ist es die Kunst, die den Alltag bewegt – die auch Lebens-Mittel sein will und nicht nur Sektschaum.

Was für die diversen Veranstalter die ersehnten Synergien bringen soll, ist fürs Stadtmarketing freilich vor allem Quoten-Jagd. Und wer ehrlich ist, wird zugeben, dass er, wenn er gut war, vielleicht ein Viertel des Bilderberges gesehen hat.

So geht es einem auch wieder im Monat der Fotografie. 130 Ausstellungen, von den Zentren bis nach „janz weit draußen“, sind zu sehen, erst mal zu erlaufen, zu begreifen. Das Gourmand-Projekt des beliebten Mediums erfordert Opfer an Energien, aber ehe man sich die Augen überfrisst, wäre dieser Rat angebracht: Gönnen Sie sich lange Pausen, halten Sie inne. Nur so macht man sich ein Bild von dem, was viele Meister der Kamera sich von der Welt machten, von ihren Sichtweisen und unterschiedlichsten Stilen: Ulrich Wüst etwa, der Ostberliner Meister des klaren, analytischen, auch puristisch schwarz-weißen Bildprinzips, zudem mit kühlem Blick gegenüber dem Motiv, geschult an Altvorderen wie Albert Renger-Patzsch, August Sander, Bernd und Hilla Becher. Drei von Wüsts begnadeten Werkgruppen sind in der Galerie Look, Potsdamer Str. 63, bis 20.12. zu sehen: Titel „Übergänge“, die Zeit nach dem Mauerfall, fotografiert in Berlin, Magdeburg und Köln, in Städten also, die von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs auf alle Zeit gezeichnet sind. Das Wirtschaftswunder aber brachte in Köln vor allem langweiligen Städtebau zustande, bis hin zu spießigen Garagenhöfen.

Dynamik und bleierne Zeit

In Berlins Mitte blieb nach 1990 kein Stein auf dem anderen, die Brache Potsdamer Platz verschwand, in schwindelerregender Dynamik wuchsen aus Ruinen prätentiöse Kauftempel und Wolkenkratzer, während in Magdeburg noch bis 2000 die Zeit bleiern stillzustehen schien, wie die Serie „Morgenstraße“ belegt. Wüsts strenge, minimalistische Bilder balancieren gleichsam dialektisch zwischen vermeintlicher Objektivität und subjektiver Detailgenauigkeit. Und die Übergänge – politisch, sozial, ökonomisch – werden erlebbar: als herbe architektonische Kompositionen, als schnörkellose, unpathetische Umbruchs-Poesie. Als Foto-Avantgarde der Millenniumszeit!

Natur-Stillleben steuert Michael Wesely, dieser bekennende Langsam-Belichter, dem Foto-Festival bei. Erneut vermisst er Spuren vergangener Zeiten: Im Mies-van-der Rohe-Haus in Hohenschönhausen (Oberseestr. 60, bis 11. Januar) zeigt er die stillen, experimentellen Langzeit-Bilder von der Villa Lemke (samt Apfelbaum im Garten), dieses Berliner Architekturschatzes der Moderne. Und in der Alfred Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 57, bis 21.12. lenkt er den Blick auf die Wirkung des Lichts und widersetzt sich der historisch verankerte Erwartung ans Repräsentative der Fotografie. Fast ein Symbolmotiv ist der fahlgrüne Zweig eines Baums vom Jüdischen Friedhof Berlin vor einem graulinierten, von Sonnenstrahlen irritierten Himmel: Ein Naturschauspiel als universelles Zeichen.

Unbestimmt, vage, fast transitorisch legt der Finne Miklos Gaál seine Fotos an: „Pieces oft the Sky“ , Galerie Wagner+Partner, Strausbberger Platz 8, bis 13.12. Was er uns zeigt, sollte man nicht für real halten, hier geht es um den „Stellvertretercharakter“. Was also sagen uns diese exotischen Schmetterlinge auf schwimmenden Zitrusfruchtscheiben. Sind es fremde Wesen? Ein Gedankenspiel durch Fotografie. So gestochen, nüchtern wie vielschichtig kommen uns, sozusagen aus allen Stadtteilen, in neun Ausstellungen kommunaler Galerien und Regionalmuseen die Berlin-Dokumente des Stadtfotografen Karl-Ludwig Lange entgegen. Seine „Berliner Jahre 1973-2004“ füllen einen ganzen Flyer. (Alle Ausstellungsorte, ausgehend von der Galerie Rathaus Tempelhof über: www.mdf-berlin.de oder www.k-l-lange.de.)

Und da gibt es nichts, was es nicht gibt an Stadtansichten, Straßenszenen von Kudamm bis Auguststraße und Antonplatz, von Köpenick bis Alt-Hermsdorf, von Hackeschem Markt bis Kranzlereck und Tiergartenviertel. Dem hartnäckigen Beobachter und manischen Spurensucher Lange scheint nichts entgangen zu sein, ob vor oder hinter der Mauer, ob nun Mauerbau, Mauerfall, Städtebau. Er spürt Stadtgeschichte bis zurück ins Zeitalter Friedrichs des Großen und ins industrialisierte Berlin des 19. Jahrhunderts auf. Der Mann generiert aus seiner Kamera das unpathetisch-symbolstarke Foto-Gedächtnis, den urbanen Kosmos Berlins, dazu streng topographisch geordnet.

Und wenn heutzutage auch jeder glaubt, fotografieren zu können: Solch urbane Metamorphosen die macht dem Berliner Lange selbst mit raffiniertesten Hightech-Tricks einfach keiner nach!