Vor der Europawahl wurde ständig ein gefährliches Erstarken der Rechtspopulisten beschworen. Keine Angst: Ich halte Marine Le Pen oder Jörg Meuthen für nicht wählbar. Doch wundert mich, wie wenig vom Linkspopulismus die Rede ist und von der allgegenwärtigen Vermischung nationaler und sozialer Ideen. Ist denn die korrupte sozialdemokratische Regierung Rumäniens besser als die korrupte nationalistische Regierung Ungarns? Warum werden die rechten Regierungen in Ungarn oder Polen gewählt? Eben wegen ihres national-sozialen Egoismus.

Gehört die Italien zersetzende Fünf-Sterne-Bewegung in die rechte oder linke Ecke? Gelten die teils gewalttätigen, teils antisemitischen französischen Gelbwesten als links oder rechts? Es ist nicht lange her, da wollte Sahra Wagenknecht ein ähnliches Sammelbecken allgemeinen Forderns und Wütens in Deutschland etablieren. Mit einer gelben Weste angetan, posierte sie vor dem Kanzleramt. Sie blieb isoliert. Stell dir vor, Sahra ruft „Aufstehen zur Bewegung!“, und keiner geht hin. Manchmal werden Wünsche wahr.

Die bedingungslose Grundrente von 850 Euro, die SPD-Politiker propagieren, wurde von Björn Höckes Thüringer AfD bereits im Sommer 2018 getoppt: Sie fordert 1 500 Euro! Bescheiden begnügt sich Die Linke mit einer „solidarischen Mindestrente in Höhe von 1 050 Euro“. Wer soll das bezahlen? Rechte und Linke rufen nach dem Staat! Faktisch folgen sie der alten Parole „Le socialisme c’est l’argent des autres!“ – Sozialismus, das ist das Geld der anderen. Wer so redet, schwächt Selbstvertrauen und Gemeinsinn, adelt jedoch das selbstmitleidige Gemaule „Ungerecht!“, fördert Neid, Irrationalismus, gesellschaftliche Entfremdung und Gruppengewalt.

Für deutsche Rentner soll nach linkem und rechtem Willen die Jugend abermals bestohlen werden. Die englischen Brexit-Agitatoren lügen ein glänzendes nationales Gesundheitssystem herbei, sobald die „Brüsseler Beitragsknechtschaft“ beendet sei. Die AfD verheißt ihren Anhängern den Himmel auf Erden, wenn nur wieder die D-Mark käme und Migranten verschwänden. Schade nur, dass man diese Wünsche nicht allein für die AfD-Gefolgschaft erfüllen kann. Die würde sich wundern.

Wohlgemerkt: Ich bin für eine Grundrente, aber dagegen, deshalb Steuern und Sozialabgaben zu erhöhen. Denn das ist Populismus zulasten anderer. Wir müssen gegensätzliche Interessen und Notwendigkeiten innerhalb des bestehenden, vielleicht bald engeren finanziellen Rahmens ausgleichen. Das erfordert einen kleinen Verzicht für viele zum Vorteil einer relativ kleinen Gruppe, die nicht in Armut absinken soll. Ein solches politisch nicht einfaches Vorgehen sichert den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunftschancen.

Im Sommer 1945 definierte der Historiker Friedrich Meinecke „das Hitlermenschentum“ so: „Was sich technisch errechnen und machen ließ, erschien, wenn es Macht und Reichtum brachte, als gerechtfertigt, wenn es dem Nutzen des eigenen Volkes diente.“ So konnte sich „die neue Ethik des Nationalsozialismus“ durchsetzen und dem bald mörderischen „rüden Volksegoismus“ zur Herrschaft verhelfen. So viel zu einer extremen Spielart des Populismus: des seinerzeit von vielen gewollten nationalen Sozialismus. Wehret den Anfängen – in jeder Form!