Kiew - Ja, in der Stadt seien deutlich mehr Ausländer. Und mehr Staus, sagt Erfan Kudusow, krimtatarischer Kunsthändler in Kiew. „Nur nicht mehr Kunden. Weil die Leute sich für Pop interessieren, nicht für Kultur.“ 

In Kiew startet mit dem ersten Halbfinale der Eurovision Song Contest. 42 Teilnehmer aus Europa sowie Australien messen ihre Stimmkraft, ihr Charisma und die Effekte ihrer Bühnenshows – bis zum Finale am Samstagabend, wo 26 übrig bleiben werden. Singen wird man im Internationalen Ausstellungszentrum auf dem östlichen Dnjepr-Ufer, das Publikum kann per U-Bahn oder auf eigens eingesetzten Flugdampfern dorthin gelangen.

Insgesamt 30 Millionen Euro haben die Veranstalter ausgegeben, auch für 8 Fanzonen im historischen Stadtzentrum, die größte auf der Prachtstraße Kreschtschatnik. Dort, wo 2013 und 2014 monatelang die Maidan-Revolutionäre kampierten, ist jetzt Platz für 12.000 Musikfans.

Moskauer Staatsfernsehen überträgt ESC-Finale nicht

Die ukrainische Hauptstadt als Austragungsort war heftig diskutiert worden. Schon wegen der Ballade über die Deportation der Krimtataren 1944, dem Siegerlied von Stockholm, mit dem die krimtatarische Sängerin Jamila den Wettbewerb nach Kiew gebracht hatte. Ein Politikum.

Im März 2014 hatte Russland die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel besetzt und ihr Staatsgebiet angeschlossen, Jamilas Sieg wurde in Moskau als antirussischer Affront aufgenommen. Und das russische Staatsfernsehen antwortete, indem es für Kiew in letzter Minute die wegen einer Muskelkrankheit im Rohlstuhl sitzende Sängerin Julia Samoilowa nominierte.

Obwohl durchaus voraussehbar war, dass die Ukraine ihr die Einreise verweigern würde, weil sie 2015 in der Krim aufgetreten war – ein Verstoß gegen ukrainische Gesetz. Die Russen erklärten der Ukraine den Boykott, das Moskauer Staatsfernsehen will das Finale nicht ausstrahlen – Julia Samoilowa aber trat am „Tag des Sieges“ über Hitlerdeutschland in Sewastopol auf, dem Hafen der russischen Kriegsflotte auf der Krim.

Gelöste Stimmung in Kiew

Statt Musikanten reisten aus Moskau Reporter an, die in ihren Vorberichten über potentiell gewaltbereite ukrainische Chauvinisten klagen, über hinter jeder Ecke lauernde potentielle Kameraräuber und kostenpflichtigen Kaffee im Eurovisions-Pressebüro. 

Viele Taxifahrer am Flughafen Borispol haben die Fahrpreise zum Zentrum auf umgerechnet 12 bis 14 Euro verdoppelt, trotzdem ist Kiew eine ziemlich preiswerte Eurovisionshauptstadt, auch was Hotels und Gaststätten angeht. Das Motto des Festivals lautet dieses Jahr: „Feiert die Vielfältigkeit“.

Und der Betonbogen „der Völkerfreundschaft“ im zentralen Kreschtschat-Park wurde als „Torbogen der Vielfältigkeit“ in Regenbogen-Farben angemalt, die traditionell zahlreiche LGBAT-Fangemeinde des Wettstreits wird es freuen. Die Stimmung ist gelöst, vielleicht weil der große Skandal schon vorbei ist. 

Teilnehmer singen keine Lieder mit politischen Botschaften

Dieses Jahr singen die Teilnehmer keine Lieder, die politische Kampfabstimmungen hervorrufen könnten. Und es sind mehrere Kandidaten am Start, denen man auch in Russland die Daumen drücken wird. Etwa dem erst 17-jährigen Bulgaren Kristian Kriov, der in Moskau aufwuchs, dort eine Musikschule besuchte und als Teilnehmer mehrerer TV-Wettbewerbe in Russland zum Kinderstar wurde.

Oder die Armenierin Artsvik, 32, die ebenfalls in Moskau zur Schule ging und studierte, ihren Durchbruch als Sängerin bei „Golos“, der russischen Version der Fernsehshow „Voice“, schaffte.

Außerdem startet noch die moldawische Gruppe „SunstrikeProjekt“, mit 3 russischsprachigen Musikern. Sie gründeten ihre Gruppe als Wehrpflichtige in der Armee der prorussischen Rebellenrepublik Transnistrien. Eigentlich noch ein skandalträchtiges Politikum, um das sich aber in Moldawien niemand schert. Die drei „Sunstriker“ treten mit Geige, Violine sowie dem humorisch interpretierten Gutelaune-Song „Hey Mamma!“ auf. Und offenbar ohne jeden Anspruch, die Welt zu verändern. 

Italiener Francesco Gabbani ist Favorit auf ESC-Sieg

Tatsächlich beeinflusst der Contest die Wirklichkeit in Europa nur sehr bedingt. Auch der Sieg der Krimtatarin Jamila vergangenes Jahr hat nicht verhindert, dass die russischen Behörden auf der annektierten Krim Tataren drangsalieren.

Erfan sagt, bei einem guten Bekannten im Badeort Sudak habe es gerade eine Hausdurchsuchung gegeben. „Seinen Sohn haben sie mitgenommen.“ Der Kunsthändler hofft jetzt zumindest auf eine Ergebnis, dass den Russen neue schlagerdiplomatische Schwierigkeiten bereiten könnte. „Am besten, Polen oder einer der baltischen Staaten gewinnt.“ Eines der Länder, in denen man Russland auch nicht mag. 

Erklärter Favorit ist allerdings der Italiener Francesco Gabbani. Sein Sieg wäre wohl auch Moskau recht. Denn in Gegensatz zur Ukraine weiß in Italien längst nicht jeder, wo die Krim liegt.