Lissabon - Auch der Rollstuhl-Bonus hat nichts geholfen, Russland ist raus. Das ist wohl die größte Überraschung des zweiten ESC-Halbfinales am Donnerstagabend in Lissabon. Julia Samoylova, der das Gastgeberland Ukraine 2017 mit fadenscheinigen Gründen die Einreise, sprich: Teilnahme verwehrt hatte, konnte ihre zweite Chance nicht nutzen.

Die Bühnendesigner hatten der Sängerin  einen wuchtigen Thron gezimmert, der ihren Rolli kaschieren sollte und an einen Eisberg erinnerte. Samoylova schien drei Meter über der Bühne zu schweben, als sie mit dünner Stimme und grausigem Englisch „I Won’t Break“ intonierte. Die Jurys und die Zuschauer beeindruckte das nur mäßig, die russische Fraktion im Pressezentrum witterte spontan Schiebung und wirkte übellaunig.

Stehgeiger Rybak erneut im Finale

Neun Jahre nach seinem Triumph mit „Fairytale“ gibt es im ESC-Finale ein Wiedersehen mit dem norwegischen Stehgeiger Alexander Rybak. Er fiedelt diesmal sparsam, und tanzt viel. „That’s How You Write a Song“ ist eine gut gelaunte Uptempo-Nummer mit deutlich mehr beats per minute als sein Siegertitel von 2009.

Auch die beiden anderen nordischen Mitbewerber schafften die Qualifikation: Für Dänemark spielt  Jonas Flodager Rasmussen mehr oder weniger gekonnt mit Wikinger-Klischees (wehendes rotes Haar, Zauselbart, grimmiges Gebaren), „Higher Ground“ ist ein stimmiges Gesamtkunstwerk mit eingängigem Refrain und artifiziellem Schneegestöber.

Für Schweden löste Benjamin Ingrosso  mit gefälligem Soul-Pop das Finalticket. Spektakulärer als die Musik ist die Visualisierung, inspiriert von Mans Zelmelöws charmantem Strichmännchen-Cartoon 2015 in Wien, dem bis dato letzten schwedischen ESC-Sieg.

Niederlande und Ungarn entfernen sich von ESC-Erfolgsformel

Mit den Niederlanden und Ungarn setzten sich zwei Beiträge durch, deren kernige und betont heterosexuelle Rock-Anmutung sich weit von den etablierten ESC-Erfolgsformeln entfernt. Die ungarische Hardcore-Band AWS sorgt für den größten Energieüberschuss beim Song Contest seit dem Erfolg der finnischen Hardrockmonster von Lordi vor zwölf Jahren.

Sie singen (in diesem Fall auch: schreien) übrigens in ihrer Landessprache (der Titel „Viszlat Nyar“ heißt übersetzt „Ende des Sommers“), ebenso wie die Teilnehmer aus Serbien und Slowenien, mit denen es am Samstag ein Wiederhören gibt.

Der portugiesische Vorjahressieger Salvador Sobral hat da offenbar einen Trend angestoßen, weg von der Popweltsprache Englisch.

Beim ersten Halbfinale am Dienstagabend waren unter anderem Israel, Irland und Österreich weitergekommen, während sich Griechenland, Aserbaidschan und die Schweiz (wieder mal) aus dem Wettbewerb verabschiedeten.  Die genaue Startreihenfolge für das Finale (SA ab 21.00 live in der ARD) wird Freitagmorgen ausgelost.