Papst Franziskus hat in Brasilien sich für das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen. Der Staat, so der Papst, solle das Religiöse in der Gesellschaft respektieren und fördern, ohne sich mit einer Konfession zu identifizieren. Die Laizität sei günstig für das friedliche Miteinander verschiedener Religionen. Das ist vernünftig und mutig, heißt es doch, dass der Staat das tolerante Miteinander, die menschlichere Gesellschaft, eher fördert als die Kirche. So selbstverständlich das einem Laizisten vorkommen mag, so schwer muss diese Einsicht doch jemandem fallen, für den die Einheit in Jesu Christo die Erfüllung der Geschichte ist. Es gibt in Deutschland noch jede Menge Überreste aus einer Zeit, da der Landesvater auch das Oberhaupt der Kirche war. Wir sollten sie abbauen. „Etwa zehn Milliarden Euro nehmen die beiden großen christlichen Kirchen jedes Jahr an Kirchensteuer ein. Davon bezahlen sie vor allem ihre Priester und Pfarrer, die Mitarbeiter im kirchlichen und seelsorgerischen Dienst sowie die Instandhaltung der Kirchengebäude. Weniger als zehn Prozent des eigenen Geldes fließt tatsächlich abseits der Seelsorge in öffentliche soziale Einrichtungen. Für die restlichen über neunzig Prozent kommen Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungsträger auf.“ Die größten kirchlichen Arbeitgeber, die Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie, haben im Jahr etwa fünfundvierzig Milliarden Euro Kosten. Davon finanziert die Kirche achthundert Millionen Euro selbst. Das sind knapp zwei Prozent. Es ist also nicht so, dass die Kirchen mit ihren Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten usw. etwas für uns tun. Wir tun etwas für sie. Sie bestimmen nämlich in diesen Institutionen, die tatsächlich „ihre“ sind, obwohl sie sie nicht finanzieren. Sie kündigen einer Mitarbeiterin, weil sie sich von ihrem Mann hat scheiden lassen und jetzt mit einem anderen Mann zusammenlebt. Sie lehnen es ab, einer vergewaltigten Frau zu helfen. Selbst wenn das krasse Einzelfälle wären, jeder davon wäre zu viel. Unerträglich daran ist, dass die Kirchen das Recht haben so zu entscheiden. Dieses Recht muss geändert werden. „Öffentliche Konfessionsschulen werden zu hundert Prozent vom Staat finanziert, private bis zu achtzig Prozent, wobei die fehlenden Prozente vor allem durch das zusätzliche Schulgeld der Eltern ausgeglichen werden. Der Religionsunterricht an staatlichen Schulen wird zu gut neunzig Prozent, die theologischen Fakultäten an den Universitäten zu einhundert Prozent gefördert. Sogar die Kirchentage werden zu mehr als fünfzig Prozent staatlich finanziert.“ Angesichts dieser Situation kann man nicht wirklich von einer Trennung von Kirche und Staat sprechen. Zumal ja diese Segnungen nicht über alle religiösen Gemeinschaften ausgeschüttet werden. Es liegt eine eindeutige Privilegierung von im Wesentlichen zwei Institutionen vor: der Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche Deutschlands. Eva Müller hat in „Gott hat hohe Nebenkosten“ viel Erhellendes zusammengetragen aus diesem Kirchenstaat im Staat, der zum Beispiel auch ganz legal sich nicht ans Tarifrecht halten muss, in dessen Betrieben die Organisationsfreiheit abgeschafft ist: „Hier endet der demokratische Sektor der Bundesrepublik Deutschland“.

Eva Müller erinnert auch an ein jahrzehntealtes Versäumnis. Jährlich bekommen die christlichen Kirchen über 500 Millionen Euro an Länderzuschüssen. Das sind Pachtersatzleistungen für die Enteignung kirchlicher Ländereien vor 1918. „Seit Gründung der Bundesrepublik hat die Bundesregierung den Auftrag, diese Leistungen abzulösen.“ Da das nicht geschah, haben die Kirchen zwischen 1949 und 2010 von den Ländern 13,9 Milliarden Euro zusätzlich kassiert. „Allein 1,4 Milliarden Euro davon kamen nach 1991 aus den ostdeutschen Bundesländern dazu, die nach der Wiedervereinigung sogar noch neue Verträge mit den Kirchen geschlossen haben.“

Neben dem Buch sollte man sich noch unbedingt in der Mediathek der ARD den Film zum Thema – ebenfalls von Eva Müller - ansehen.

Eva Müller: Gott hat hohe Nebenkosten – Wer wirklich für die Kirchen zahlt, Kiepenheuer & Witsch, 190 Seiten, 14,99 Euro.