Der schnelle Moralist eignet sich nicht als Archivar, sagt Wolfgang Trautwein. Er, der Direktor des Archivs der Akademie der Künste, stellt eine Neuerwerbung seines Hauses vor, und er will Gerechtigkeit für seinen Gegenstand. Der Nachlass des Schriftstellerpaares Eva (1930-2011) und Erwin (1912-1994) Strittmatter gehört nun zur Sammlung, reiht sich ein zwischen rund 1200 Einzelbestände.

Die Akademie erwarb die Sammlung mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, auf 90 Regalmetern befinden sich Fotos, Urkunden, Vorarbeiten, Manuskripte sowie 400 Oktavhefte mit Tagebuchnotizen des Pferdezüchters, Dramatikers und Romanautors Erwin Strittmatter, außerdem 150 Ordner mit Leserbriefen an die Dichterin Eva Strittmatter. Am Mittwochabend wurde im Akademie-Haus am Pariser Platz ein kleiner Einblick geboten, so auch mit elf Schmalfilm-Minuten aus den 50er- und 60er Jahren, die auch das „berühmteste Pferd der DDR“ (Trautwein) zeigten, das Vorbild für Erwin Strittmatters Kinderbuch „Pony Pedro“.

Der Archivdirektor behauptet, dass die Strittmatters sich nun in guter Gesellschaft befänden, bei früheren Lehrmeistern wie Bertolt Brecht und Walter Victor, bei Zeitgenossen wie Christa Wolf oder Walter Kempowski. Und er würdigt Erwin Strittmatter als biografischen Erzähler, der seine Lebensstationen mit seinen Figuren in verschiedenen Büchern nachzeichnete. Nur über seinen Einsatz beim Polizeibataillon 325 im Zweiten Weltkrieg, den bewaffneten Kampf gegen Partisanen, schwieg Strittmatter. Erst anderthalb Jahrzehnte nach seinem Tod wurde das bekannt. Wolfgang Trautwein weist darauf hin, um dann den Satz mit der Moral zu sagen.

Zwischen Politik und Poesie

Ein Archiv ist ein Gedächtnis. Dort finden sich auch bisher unveröffentlichte Dokumente. Vieles ist noch nicht zur Ansicht freigegeben. Einen Brief vom Oktober 1941 aus Skofja Loka in Slowenien an die Mutter kann man jetzt in einer Vitrine im Gebäude am Pariser Platz sehen. Strittmatter beschrieb in wenigen anrührenden Sätzen, wie Leben von Klosterschülern ausgelöscht wurde. Im nächsten Schaukasten liegt ein Zitat aus einem Interview, fünfzig Jahre später ausgesprochen: „Ich bin kein politischer Mensch. Ich bin ein poetischer Mensch.“ – Folgt man der Schriftstellerin und langjährigen Freundin des Paars, Sigrid Damm, muss er genau danach lange gestrebt haben; doch erst im Alter lebte er auch so.

Sie bewundert nämlich Erwin Strittmatter dafür, wie er seinen Weg fand, unterbrochen von „Irrungen und Verwirrungen“, von einem Autor, der schreibt, was man von ihm erwartet, hin zu einem, der schreibt, was er schreiben muss. Da war er beim „Wundertäter III“ angekommen, der vielfach geehrte Autor musste ein entwürdigendes Hin und Her um die Druckgenehmigung und Schmähungen ertragen. Seine Tagebücher jener Jahre sollen im Sommer bei Aufbau erscheinen.

Sehr persönlich spricht Sigrid Damm, der dicht besetzte Saal hört gespannt zu. Sie lässt teilhaben an der Entwicklung ihrer Freundschaft. Vor allem Eva Strittmatter fühlt sie sich nahe, beobachtet sie in ihren „drei Leben“ als Mutter und Haushaltsvorsteherin für das Gehöft in Schulzenhof, als Lektorin ihres Mannes und schließlich als Dichterin. „Jedes Werk hat seinen Preis“, sagt Sigrid Damm, „in Strittmatters Fall hatten ihn seine Frau und seine Söhne zu entrichten“.

Zum Schluss läuft ein länglicher Film-Mitschnitt aus einer Lesung der Akademie der Künste der DDR im Jahr 1988. Eva Strittmatter erzählt zunächst von einer internen Abmachung, dass sie zuerst lese, wenn sie gemeinsam auftreten, „denn bei meinem Mann wird immer gelacht“. Diese Frau, die mehr als zwei Millionen Gedichtbände verkauft hat, war keine gute Vorleserin. Ohne Pause trägt sie ein Gedicht nach dem anderen vor, hält sich streng an den Rhythmus der Verse und fällt bald ins Leiern. Danach führt Erwin Strittmatter die Zuhörer auf vertrautes Terrain „Unter Eechen“ gleich bei seinem Laden, wo die Anderthalb-Meter-Großmutter wie ein Detektiv herumschnüffelt und ihr Mann nur noch ein Geripp ist, aber nicht sterben kann. Da dreht der Autor seine Satzschleifen, erfindet Wörter wie „unbewillkommt“ und er erhält seine Lacher, zwanzig Jahre nach seinem Tod.

Vitrinen-Ausstellung bis 30. Juni 2014, Akademie der Künste, Pariser Platz 4, tgl. 10-22 Uhr, Eintritt frei