Als Syrienreisende Anfang der 90er-Jahre hatte ich bei dem Besuch in Palmyra nichts als die römischen Ruinen dort im Sinn, den Baal-Tempel, das Amphitheater, den Triumphbogen. Dass es in dieser Stadt mitten in der Wüste ein Gefängnis gab, eines der schlimmsten der Welt, erfuhr ich erst durch dieses Buch. Während ich als Touristin ahnungslos umher fuhr, saß der der syrische Autor Mustafa Khalifa in unmittelbarere Nähe in dieser Hölle. Doch sein Roman „Das Schneckenhaus“ ist keine Autobiografie, wie der deutsche Wikipedia-Eintrag glauben macht, der die Biografie des Protagonisten in seinem Roman als die des Autors ausgibt. Aber das Buch beruht natürlich auf seinen Erfahrungen im Tadmor-Gefängnis, das der syrische Lyriker Faraj Bayrakdar „ein Königreich des Todes und des Wahnsinns“ nannte.

Im Syrien Hafiz al-Assads

Nach wenigen Seiten legte ich das Buch zunächst einmal aus der Hand. Der Protagonist, der gerade mit abgeschlossenem Regiestudium aus Paris nach Damaskus zurückgekehrt ist, aus Liebe zu seinem Land, wird direkt am Flughafen verhaftet. Nun sitzt er im Gefängnis eines der vielen syrischen Geheimdienste im Syrien unter Hafiz al-Assad und muss zusehen, wie ein anderer Gefangener mit einer Methode gefoltert wird, die „der Reifen“ heißt und der er bald selbst unterworfen wird.

Das Wüstengefängnis Tadmor

Allmählich gewöhnt man sich an die Darstellung bestialischer Taten, muss seltener Pause machen. Da ist der namenlose Protagonist des Buchs dann schon in Tadmor, ohne Anklage, geschweige denn eine Gerichtsverhandlung. Das Wüstengefängnis ist ein Ort, an dem ein Leben nichts gilt, wo die Wärter ihre sadistischen Neigungen ausleben. Man lernt Foltermethoden kennen, darunter den „deutschen Stuhl“, bei dem der Köper auf eine Weise gedehnt wird, die zur Querschnittslähmung führen kann. Der SS-Angehörige Alois Brunner, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Syrien untertauchte, soll den syrischen Geheimdienst darin unterwiesen haben.

Folterrituale und Alltag

Assad hat in Tadmor all diejenigen einsperren lassen, die in der Opposition sind, Islamisten und Linke, also Muslimbrüder und Kommunisten. Mustafa Khalifa, Jahrgang 1948, gehörte zu den Linken. Er hatte Jura studiert und sich einer linken Oppositionspartei angeschlossen. Heute lebt er als politischer Flüchtling in Frankreich.

Der namenlose Protagonist des Romans hat in Paris nur einen Witz über den Präsidenten gemacht, ist von einem Spitzel verraten worden. Mustafa Khalifa macht ihn zu einem Christen und Atheisten. Nachdem er die grausame „Willkommensparty“ in Tadmor überlebt hat, ein Folterritual, bei dem er neben den furchtbaren Schmerzen noch Entsetzen und Fassungslosigkeit empfindet, Gefühle, an deren Stelle bald eine resignierte Erwartungshaltung tritt. Die Abstumpfung lässt zu, dass ein Alltag entsteht. Der Tadmor-Tag ist in zwei Hälften geteilt: zwölf Stunden obligatorisches Liegen, zwölf Stunden erzwungenes Sitzen. Mustafa Khalifa beschreibt dieses tägliche Leben sachlich, mit einem Interesse, das geradezu soziologisch anmutet. Er ermöglicht einen Einblick, der tatsächlich auch fasziniert.

Die Opferbereiten wollen Märtyrer werden

Die Gefangenen organisieren sich selbst. Da sind etwa die Opferbereiten, starke Männer, die harte körperliche Strafen auf sich nehmen, die einem Kranken oder Schwachen gelten, der daran gestorben wäre. Ihr Motiv: Sie wollen Märtyrer werden. Da gibt es den Zellenchef, der für die gerechte Aufteilung des Essens zuständig ist. Wie teilt man eine Melone unter 300 Gefangenen auf? Auf Anweisung der Wärter müssen sie auch täglich diejenigen kennzeichnen, die gesprochen haben oder aufgestanden sind. Sie werden hart bestraft.

Der IS sprengte das Gefängnis in Palmyra

„Das Schneckenhaus“ ist Gefängnisliteratur, die für sich steht als Monument der Ohnmacht und des Muts, auch der Willkür und Brutalität des Assad-Regimes. Aber es ist noch mehr. Im Nachwort der Übersetzerin Larissa Bender erfährt man, dass der 2007 auf Französisch und 2008 auf Arabisch erschienene Roman als „Evangelium der syrischen Revolution“ bezeichnet wird, weil er zur Politisierung der Bevölkerung beitrug, dass er kapitelweise auf dem Smartphone gelesen wurde, damit jedes Textstück sofort gelöscht werden konnte. Viele Syrer wagten es zum ersten Mal, sich mit der Geschichte ihres Landes auseinanderzusetzen.

Als der Islamische Staat im Jahr 2015 Palmyra eroberte, zerstörte er die römischen Altertümer. Die Nachricht ging damals als Schreckensmeldung um die Welt. Viele ehemalige Gefangene trauerten um ein anderes Gebäude, das der IS sprengte: das Tadmor-Gefängnis. Sie hatten gehofft, daraus ein Mahnmal zu machen. Es ist dies nicht die einzige enttäuschte Hoffnung in Syrien.

Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle, Bonn 2019. 312 S., 23 Euro