Bonjour Tristesse: „Leipzig“, 1976 
Foto: Evelyn Richter, Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig/ Herbert Boswank

BerlinSie klopfen die Krusten von der Seele, diese un-inszenierten, fast schmerzhaft ehrlichen und oft melancholischen Schwarz-Weiß-Bilder aus der Zeit von 1945 bis zum Ende der DDR und darüber hinaus. Evelyn Richters Fotoästhetik ist unübersehbar inspiriert von der Magnum-Fotografie um Cartier-Bresson und von Edward Steichens „The Family of Man“. Die hat sie damals, 1955, in West-Berlin gesehen, so wie fast alle ihrer Zunft aus dem Osten. Ein Schlüsselerlebnis, das zwei Generationen von Fotografen beeinflussen sollte.

Aber sie war über die Jahrzehnte auch geprägt vom realen Sozialismus. Die Fotos dieser aus Bautzen stammenden Leipziger Fotografin, die   ab 1981 an der   Hochschule für Grafik und Buchkunst und gleich nach der Wende auch zwei Jahre an der Fachhochschule Bielefeld lehrte, haben sich ins kollektive Gedächtnis der ehemaligen DDR-Bürger eingeprägt. Und sie belegen, wie sehr diese Sächsin mit ihrer kleinen Leica etwas zutiefst Menschliches und Universales erfasste.

Biografie zwischen Kinn und Stirn

Heute wird Evelyn Richter 90 Jahre alt , und das Albertinum   in Dresden, wo sie seit einiger Zeit in einem Seniorenheim lebt, breitet ihr Œuvre aus. Richters Berliner Kollegin und Pendant, die Fotografin Helga Paris, wurde kürzlich in der Akademie der Künste geehrt. Nun ist die ältere, einstige Leipzigerin dran: Mit all den Aufnahmen von Menschen im Alltag: Alte und Junge, mit ihrem eigenem Leben, mit Träumen und mit Biografie zwischen Kinn und Stirn. Richter beharrte stets auf ihrer betont subjektiven Stilistik, die von Ideologie oder von Moden nicht zu vereinnahmen ist.

Sie fotografierte hinter den Kulissen der Propaganda. Das machte sie in DDR-Zeiten zu einer Instanz der dokumentarischen Fotografie. Sie beschäftigte sich mit Otto Steinerts „subjektiver Fotografie“ der Nachkriegsmoderne – und prompt geriet sie hinein in die absurde Formalismus-Debatte, unter der bis Anfang der Siebzigerjahre die DDR-Kultur stöhnte. Kunst sollte nur zeigen, was sein sollte, nicht was wirklich war.

Merkwürdig verstörende Sicht

Die Antwort auf die Situation war, gerade an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo sie nach der Fotografenlehre in Dresden studierte, eine sozialdokumentarische Fotografie. Ohne Pathos, ohne verlogene Romantik. Nicht lange danach wurde die Studentin Richter exmatrikuliert, beschimpft als „Formalistin“, weil sie die sozialistische Heldenfotografie ablehnte. Sie schlug sich dann als Theaterfotografin durch. Viel später dann, und seit den Siebzigerjahren immer mehr anerkannt, hat sie, zusammen mit dem Berliner Fotografen Arno Fischer, an dieser Schule gelehrt und eine ganze neue Fotografengeneration geprägt.

Ihre Fotos zeigen eine Sicht, die merkwürdig verstört. Es ist darin etwas schwer Verdauliches, irgendwie anarchisch Melancholisches. Es ist die Art, wie die Kamera die Linien der Gesichter, die Mimik, die Gestik nachzeichnet: schmerzhaft zärtlich, gnadenlos. Sie sagte mir in einem Gespräch: „Ich will im Porträt zeigen, wie der Mensch zu sich findet. Ich suche den Augenblick der Konzentration, nicht das Extreme. Der Modebegriff Momentfotografie ist für mich ein einziges Missverständnis.“

„Vor Wolfgang Mattheuers ’Ausgezeichneter’ im Dresdner Albertinum“, 1975, (Ausschnitt) eine Ikone der DDR-Kunst u. Fotografie. 
Foto: Evelyn Richter, Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig

Endlos geduldig hat sie mit ihrer Kamera vor Mattheuers anti-optimistischem Bild „Die Ausgezeichnete“ in der achten DDR-Kunstausstellung gelauert. Bis zu dem Moment, als eine Frau mittleren Alters davor stand, der Fotografin das Gesicht zuwandte. Dieses Gesicht ist so müde, abgearbeitet und illusionslos wie das der   Frau mit dem Tulpenstrauß auf dem Gemälde. Damals hetzten Parteifunktionäre gehen Evelyn Richters in Fotografenkreisen gleich zum Kultbild erhobene Motiv: So sähen in der DDR die geehrten Aktivistinnen doch nicht aus!

Jetzt hängt das Foto im Albertinum, eine Arbeit ohne offiziellen Auftrag. Evelyn Richter wollte nie gefällig sein und nichts schönen. Sie hat sich diese Maxime vorgegeben: „Wir sollten darum bemüht sein, in der Zeit absoluter Manipulation gegen die Flut der verlogenen Bilder die individuelle Leistung des verantwortungsvollen Fotografen durchzusetzen, der für die Glaubwürdigkeit mit seinem Namen bürgt.“

Foto: Imago/Thomas Köhler
Leipziger Fotografin 

Evelyn Richter kam am 31. Januar 1930 in Bautzen zur Welt, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wurde aber als „Formalistin“ exmatrikuliert. 1981 wurde sie, inzwischen hoch anerkannt, an diese Hochschule berufen und lehrte bis 1991, auch an der FHS Bielefeld. 

Retrospektive Albertinum Dresden, Brühlsche Terrasse, bis 3.5., tgl. 10–18 Uhr (3.−7. 2. geschlossen, Wartungsarbeiten)

Aus ihren Fotos liest man das Unbehagen inmitten der Widersprüche von Sein und Schein. Ihre Kamera setzte einst an bei den Ruinen Leipzigs 1945 und dem mühseligen Alltag der Überlebenden. Eine alte Zeitungsverkäuferin auf den Treppen einer Unterführung lässt einen an die Aufnahmen von alten Leuten denken, die Alexander Rodtschenko in Moskau und Leningrad Ende der Zwanzigerjahre machte. Und ihre Motive erzählen unsentimental, dennoch mit Trauer, wie sehr Leipzig bis zum Ende der DDR eine Stadt des Ruinösen geblieben war. Fast unvorstellbar, wenn man heute die luxussanierte Innenstadt und die schicken Neubauten erlebt.

Ein Foto ist keine Meinung. Oder doch? Für Evelyn Richter hieß fotografieren immer, Menschen, Dinge und Zusammenhänge zu sehen. Das Foto belegt schließlich, dass man dagewesen ist, also gibt es nicht bloß das Abziehbild wieder, sondern auch eine Meinung.


An der Lynotype in der ND-Druckerein, Berlin 1961
Foto: Evelyn Richter, Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig

Diese Meinung prägt das Porträt der verlebten Majakowski-Muse Lilja Brik, aufgenommen in Moskau 1978, in den Bildnissen berühmter Musiker wie Dawid Oistrach und ebenso der müden Schichtarbeiter in der Leipziger Straßenbahn. Die Erschöpfung eines der Männer ist nicht zu übersehen. Aber dass er im Schlaf die schwieligen Hände wie Werkzeuge nach der Arbeit abgelegt hat, das sagt uns erst die Fotografin. Da sind auch die Porträts der Arbeiterinnen einer sächsischen Textilfabrik. Die alten Maschinen, die ganze dürftige Ausstattung in den Hallen, wo man das Maschinenöl förmlich zu riechen vermeint, scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen.

Ihre Meinung war es auch, ein Foto nicht zu schießen, damals, am 8. Mai 1977 im russischen Sagorsk: Ein Besoffener hing am Staketenzaun wie ein El-Greco-Kruzifix. Am Straßenrand Männer mit Hüten und Ledermänteln: „Mein russischer Begleiter wäre gefährdet gewesen, hätte ich fotografiert. Also steckte ich die Kamera weg.“

Man bürgt mit seinem Namen

Ein gutes Bild, muss für sie auch ein Gleichnis sein, tief erlebt, emotional verdichtet. Und weil bei ihr Fotografie mit viel Empathie und wenig Technik entstand, schwörte sie auf die gute alte Leica, leicht und leise. Ihre allererste wurde mithilfe eines Gewandhaus-Musikers bei einer Konzertreise im Westen besorgt, getauscht gegen eine Konzertflöte aus Markneukirchen im Vogtland.

„Dass ein Foto faktisch Wirkung erzeugt, ist eigentlich ein Schrecken, aber die gute Form überlebt“, sagte sie beim Ateliergespräch. Form allein aber genügt ihr nicht „das wäre Dekoration“. Egon Erwin Kisch habe sie beeindruckt mit seinem Satz, nichts sei sensationeller als die Wahrheit. Richter übersetzt Wahrheit mit Realität. „Aber Fotografie ist auch manipulierbar, darum hat die Autorenschaft so große Bedeutung. Man bürgt mit seinem Namen für seine Arbeit, denn der Betrachter sieht nur, was er weiß.“