Ursina Lardi in "Everywoman" von Milo Rau.
Foto: Armin Smailovic

BerlinUrsina Lardi streckt die Waffen. Aufrecht steht sie im Regenwasser, das den ganzen Abend über das Halbrund der Globe-Bühne langsam einweicht, und fragt: „Gab es je eine Zeit, in der eine Schauspielerin, wie ich, mit leeren Händen vor ein Publikum trat und sagte: ‚Ich weiß auch nicht mehr, was ich sagen soll?‘“ Dann kostet sie diesen Moment des Auch-nicht-mehr-Wissens genüsslich aus, schaut erwartungsvoll gereizt ins Publikum, als hätte dieses noch nie einen Schauspieler aus dem Korsett seiner Künstlichkeit ins Abgründige des wahren Moments treten sehen, und füllt die behauptete Leere doch gleich wieder auf: „Wissen Sie, ich träume von einem Abend, an dem alles gesagt ist, ich meine nicht einfach ein bisschen von allem, kein falsches Alles“ - sondern ein Alles, in dem „ein Mensch einmal wirklich erfasst wird“. Und schon hat man das ganze hochmögende Programm des Milo Rau auf dem Tablett.

Unter dem Anspruch, das Theater jedes Mal komplett neu zu erfinden, hat es Milo Rau, der unermüdliche Theateraktivist, Kämpfer für Gerechtigkeit und seit zwei Jahren Leiter des NTGent, noch nie gemacht. Rau will ganz offensiv mit seinem Theater die Welt verändern, indem er die Kunst schlicht als „reale Handlung“ begreift und sie mit Anti-Kunst auffüllt. Dass das nicht einfach zu machen ist, indem man bloß das Kunstreiche vor dem vermeintlich Authentischen kapitulieren lässt oder umgekehrt dieses Authentische einfach kunstvoll simuliert, weiß Rau sehr genau.

Milo Raus Theater macht die Welt oft wirklich ein bisschen besser

Seit über zehn Jahren laboriert er daher an Mischformen aus Spiel und Realität, und unbestreitbar haben seine Reenactments wie „Hate Radio“ (2011) über den Bürgerkrieg in Ruanda oder die spektakulären Theater-Prozesse wie das Kongo-Tribunal (2015 ), in dem echte Juristen, Zeugen und Geschädigten die internationalen Verflechtungen der Rohstoffausbeutung des Kongo vors Bühnengericht stellten, die Welt auch ein bisschen besser gemacht. Am besten funktioniert dieses Real-Theater aber doch in den Kommunikationsprozessen drum herum.

Dank des Jubiläumsauftrags der Salzburger Festspiele, in diesem Jahr den „Jedermann“ neu zu denken, mit dem Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt vor 100 Jahren das Festival gründeten, hat Milo Rau nun auch den passenden zentraleuropäischen Klassiker für sein Revisionstheater bekommen. Diesmal geht es um Saturiertheit. In Salzburg wohlwollend aufgenommen, eröffnete das kleine Zwei-Personenspiel jetzt die Corona-Saison der koproduzierenden Schaubühne.

Und tatsächlich hat Rau zusammen mit seiner Lieblingsschauspielerin Ursina Lardi aus dem mittelalterlich verbrämten „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, den der Tod unerwartet von der Festtafel des Lebens weg holt, im Handumdrehen ein Zwiegespräch zweier Gegenwartsfrauen gemacht, die sich bewusst dem Tod nähern. „Everywoman“ ist dennoch kein Frauenstück, es geht im wahrsten Sinne um Leben und Tod, denn neben Lardi, die hier als professionell schauspielendes Selbst erscheint, tritt im vorproduzierten Video über der Bühne die Theateramateurin Helga Bedau auf, die das Spielen zwar innig liebt, wie sie sagt, hier aber gerade durch ihr enigmatisches Nichtspielen besticht.

Helga ist sterbenskrank, sie hat Krebs, wollte aber noch einmal auf der Bühne stehen, weshalb Rau sie nun als „Jederfrau“ einsetzt und damit beide Sphären – Spiel und Realität – sich gegenseitig mit je eigener Kraft und Glaubwürdigkeit aufladen lässt. So das Konzept. Tatsächlich passiert aber etwas anderes, denn Bedaus gebrochener, befremdlich roher zugleich magischer Blick vom Jenseits der Bühne auf Lardis geschmeidiges Erzählen und Spielen herab saugt der Schauspielerin die Kraft aus. Das liegt auch an den dünnen Texten, mit denen Lardi den Tod vergeblich zu fassen sucht. „Warum gibt es nichts Neues vom Tod?“ fragt sie, während man doch allein in Helga Bedaus müden, blitzschnell wieder scharf ziehenden Augen so viel Besonderes, Eigens sehen kann.

Das Neue am Tod ist nicht der Tod, sondern die Lebenszeit vor ihm und die Art, wie man stirbt. Genau die wird hier aber leider nur in einer überlangen, auch kitschigen Wunschsequenz zu Bachklängen verklärt. Menschen sterben anders, das wäre wichtig zu sehen. Was wirklich, was erfunden ist an den Erzählungen dieses Abends, ist ohne Belang, denn wichtig wird einzig das Sterben einer Frau, in dessen Licht auch alles Nebensächliche Bedeutung kriegt. Nicht die Worte aber bleiben, nur Helgas Blick.

Schaubühne am Lehniner Platz, 17.-21.10., 23., 24.10., 18 Uhr, 22., 27.-29.10., 20 Uhr, Tel: 890023