Ursina Lardi in "Everywoman" von Milo Rau.
Foto: Armin Smailovic

Berlin - Ursina Lardi streckt die Waffen. Aufrecht steht sie im Regenwasser, das den ganzen Abend über das Halbrund der Globe-Bühne langsam einweicht, und fragt: „Gab es je eine Zeit, in der eine Schauspielerin, wie ich, mit leeren Händen vor ein Publikum trat und sagte: ‚Ich weiß auch nicht mehr, was ich sagen soll?‘“ Dann kostet sie diesen Moment des Auch-nicht-mehr-Wissens genüsslich aus, schaut erwartungsvoll gereizt ins Publikum, als hätte dieses noch nie einen Schauspieler aus dem Korsett seiner Künstlichkeit ins Abgründige des wahren Moments treten sehen, und füllt die behauptete Leere doch gleich wieder auf: „Wissen Sie, ich träume von einem Abend, an dem alles gesagt ist, ich meine nicht einfach ein bisschen von allem, kein falsches Alles“ - sondern ein Alles, in dem „ein Mensch einmal wirklich erfasst wird“. Und schon hat man das ganze hochmögende Programm des Milo Rau auf dem Tablett.

Unter dem Anspruch, das Theater jedes Mal komplett neu zu erfinden, hat es Milo Rau, der unermüdliche Theateraktivist, Kämpfer für Gerechtigkeit und seit zwei Jahren Leiter des NTGent, noch nie gemacht. Rau will ganz offensiv mit seinem Theater die Welt verändern, indem er die Kunst schlicht als „reale Handlung“ begreift und sie mit Anti-Kunst auffüllt. Dass das nicht einfach zu machen ist, indem man bloß das Kunstreiche vor dem vermeintlich Authentischen kapitulieren lässt oder umgekehrt dieses Authentische einfach kunstvoll simuliert, weiß Rau sehr genau.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.